Scott Bradlee hat eine Vertretung geschickt. Der Namensgeber und Spiritus Rector von Scott Bradlee’s Postmodern Jukebox ist in Ravensburg gar nicht mit dabei. Statt seiner sitzt in der Oberschwabenhalle ein Stellvertreter am Klavier. Das könnte man Etikettenschwindel nennen – wenn Scott Bradlee denn ein Popstar wäre. Aber Bradlee macht keinen Wind um sich. In den Youtube-Videos, die seine Band international bekannt machten, fällt er weiter gar nicht auf: Unauffällig sitzt er am Klavier und spielt seine Ragtime-Läufe. Für die Show ist der große Pool seiner wechselnden Sängerinnen und Sänger zuständig. Und sie verwirklichen seine Pop-Vision am Donnerstag mit so viel Schmackes, dass die Kürze des Auftritts nicht stört. Schon nach 83 Minuten ist alles vorbei – aber die fünf Vokalisten und sieben Musiker haben geliefert. Und wie. Sie haben die gelackten Pophits von heute in Zeiten zurückversetzt, als Livemusik noch von einer Aura des Mondänen umgeben war. Damals, sagen wir in den 40er bis 60er Jahren, war eine Sängerin eine Diva. Erst im Jazz – man denke nur an Dinah Washington – später bei den Doo Wop-Bands, unter denen Diana Ross & The Supremes die größten waren.

Mykal Kilgore
Mykal Kilgore | Bild: Harald Ruppert

Scott Bradlee ist Nostalgiker. Einer, für den Pop noch größer ist als das Leben. Mit Größe meint er nicht die Gigantomanie eines U2-Konzerts, sondern er meint Grandezza. Also schreibt er für neuere Pophits Arrangements, die aus der Zeit gefallen sind. Für Britney Spears zum Beispiel. Ihr grauenhaftes „Oops! I did it again“ wird von Sängerin Haley Reinhart zur frivolen Spielerei im Stil von Marilyn Monroes „My heart belongs to Daddy“. Pop ist Pose. Und so räkeln und winden sich die Sängerinnen um den Mikrofonständer, tragen hautenge rote Samtkleider, spielen männermordende Versuchung mit Haut und Haaren. Natürlich ist das alles wirklich nur ein Spiel. Die Diven sind herausgeputzte Mädels, die riesigen Spaß haben an ihren aufgeklebten Fingernägeln, an ihren verruchten falschen Wimpern, dem Haarspray, den Lockenstäben und dem ganzen Make-Up, das wahrscheinlich riesige Schrankkoffer füllt. Vor allem aber sind diese Mädels begnadete Sängerinnen. Jede hat ihr unverwechselbares Timbre, jede singt mit Kraft und Inbrunst, ohne an Nuanciertheit zu verlieren. Es sind Nuancen, die einem ironischen Zwinkern gleichen, wenn die Stimmen zum Orkan werden und in überlebensgroßen Gefühlen alles mit sich fortreißen. Den Ausdruck so extrem zu steigern und doch kokett drüber zu stehen, ist eine Kunst; und keine kleine.

Cristina Gatti
Cristina Gatti | Bild: Harald Ruppert

Die Truppe verlangt sich vieles ab. Casey Abrams etwa verzichtet aufs Mikrofon: Das Klavier stimmt eine lässige Blues-Begleitung an, er tritt an den Bühnenrand und singt – nein, krakeelt – in vollster Inbrunst „Sweet Child o’ mine“ von Guns n’ Roses. Wenn er sich jeden Abend so strapaziert, kann er seine Stimme auch gleich in der Pfeife rauchen. Mykal Kilgore wiederum, dem Mann mit der durchdringenden Kopfstimme, gelingen die berührendsten Minuten des Konzerts, mit Cindy Laupers „Time after time“. Hier tritt der Showcharakter beiseite und es entsteht eine Kunstmusik, die auch große Namen des Jazz nicht ernster zelebrieren könnten.

Dieses Konzert kennt keine E-Gitarre und kein Keyboard – aber eine Posaune wie aus dem Cotton Club, eine Klarinette, die an Benny Goodman erinnert und den furiosen Stepptanz von Alex McDonald. Nicht dem Drummer gehört das Schlagzeugsolo, sondern Alex und seinen Schuhsohlen, in Paula Abduls Dancefloor-Hit „Straight up“, der hier nach Swing und Ragtime klingt. Willkommen in den 1930ern! Und willkommen in der Welt der alten Revuefilme Hollywoods, in denen Tanz und purer Quatsch die halbe Miete waren. Auch hierfür ist sich Scott Bradlees Truppe nicht zu schade, wenn sie über den Boden kugelt und Purzelbäume schlägt. Das Publikum dankt es. Es tanzt, ist aufgekratzt, hibbelig und glücklich. Und mit am glücklichsten über den Postal Service-Hit „Such great hights“. Bradlees Leute singen ihn nämlich wie die Jackson 5. Ist das nostalgisch? Nein. Was sollte diese offensichtliche Begeisterung auf der Bühne mit Nostalgie zu tun haben?