In Gerichtsverfahren geht es nicht nur um Paragrafen, um Schuld und ein Urteil. Prozesse dürfen und müssen auch Schmerz, Ratlosigkeit und Wut widerspiegeln, zumal, wenn ein Mensch auf furchtbare Weise zu Tode gekommen ist. Im Saal 1 des Ravensburger Landgerichts ist das gestern auf bedrückende Weise deutlich geworden. Angeklagt wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen ist ein 35-jähriger Arbeitspädagoge, der seine 30-jährige Ehefrau und Mutter von zwei kleinen Kindern in der Nacht zum 26. Februar 2017 erwürgt und dann einen tödlichen Autounfall vorgetäuscht haben soll.

Als erste Anzeichen für ein Verbrechen bekannt wurden, damals nach dem Fasnetssonntag, war es in der 800-Einwohner-Gemeinde Hoßkirch, als habe sich ein feiner Nebel über das Dorf zwischen Ostrach und Altshausen im Landkreis Ravensburg gelegt. So soll Bürgermeister Roland Haug die Stimmung beschrieben haben. Nach dem gestrigen ersten Prozesstag könnte man von einer schwarzen Wolke sprechen, die Angehörige des Opfers noch lange niederdrückt. Denn die Verhandlung hat noch nicht begonnen, da nehmen die nächsten Verwandten als Nebenkläger, flankiert von ihren Anwälten, Platz. Und deren Emotionen vermitteln ein Bild, das niemand im überfüllten Saal kalt lässt. Selbst der Erste Staatsanwalt Peter Spieler ist davon berührt und sagt: "Ich kann Sie verstehen..."

Aber dann verliest Spieler in weniger als fünf Minuten die Anklage. Danach soll der Mann, zuletzt in einer Behinderteneinrichtung im Kanton Zürich beschäftigt, seine Ehefrau am späten Abend des 25. Februar in der gemeinsamen Wohnung in Hoßkirch erwürgt haben, weil die sich im Wissen um eine außereheliche Affäre ihres Mannes von ihm trennen wollte und das Sorgerecht für die zwei kleinen Kinder für sich reklamierte. Um einen Unfall vorzutäuschen, habe der Mann die tote Frau auf dem Fahrersitz angeschnallt und das Auto, mit Automatikschaltung ausgestattet, vom Beifahrersitz aus außerhalb des Dorfes in einen Acker gesteuert. Dort war das Fahrzeug am Fasnetssonntag einem Spaziergänger aufgefallen. Die Scheinwerfer brannten noch. Der Motor lief. Am Steuer saß die tote Frau. Der Ehemann lag knapp 100 Meter entfernt schwer verletzt im Acker.

Während der Mann im Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt wurde, liefen die Ermittlungen des Landeskriminalamts in Stuttgart an. Denn aus der Opferfamilie gab es Hinweise auf den Ehestreit. Die Obduktion der Leiche ergab, dass der Kehlkopf mit massiver Gewalt eingedrückt worden war. Staatsanwalt Spieler sagte gestern: "Vermutlich trug der Mann Handschuhe bei der Tat.“ Auch die „nicht so gravierenden Beschädigungen“ am Auto weckten Zweifel an einem Unfall mit tödlichen Folgen. Der Mann wurde deshalb noch im Krankenhaus verhaftet und in die Justizvollzugsanstalt Hinzistobel gebracht.

Nach der Anklageverlesung gestern wurde der Prozess bis zum nächsten Donnerstag unterbrochen, da der psychiatrische Sachverständige nicht erschienen war. Wie von Staatsanwalt Spieler noch zu erfahren war, will sich der Angeklagte weder an die Tat noch den Unfall erinnern. Selbst die Existenz einer Geliebten sei ihm nicht erinnerlich. Er habe aber davon gesprochen, nicht nur „Wochenend-Papa“ sein zu wollen und Unterhalt leisten zu müssen. Als er gestern in Fußfesseln aus dem Saal geführt wurde, vermied er jeden Blickkontakt zu den Angehörigen der getöteten Ehefrau.