„Sie können sich vorstellen, dass wir tief durchatmen“, sagt Lizz Wright im Ravensburger Konzerthaus. Es bleibt ihr einziger Kommentar zur Wahl von Donald Trump, denn anstatt dunklen Gedanken nachzuhängen, versenkt sich die 36-Jährige aus Georgia in ihre Stimme. Und was für eine Stimme das ist – tragend und voller Wärme ist sie, mit sanften Schwüngen formt sie eine unscheinbare Phrase wie ein Töpfer, der einen Lehmklumpen zum Gefäß modelliert. Lernen kann man das nur bedingt. Es muss einem gegeben sein.

Lizz Wright hat 2005 und 2011 in Friedrichshafen gesungen. Sie war damals schon eine herausragende Sängerin, aber inzwischen gelingt es ihr, den Augenblick aus der Ewigkeit zu schöpfen. Lizz Wright singt mehr denn je aus einer inneren Mitte, die mancher ein Leben lang nicht findet. Jeder Moment ihres Gesangs hat Wuchs und Richtung, weist auf die Ruhe dieser Mitte zurück. Am beeindruckendsten gelingt ihr das in der Ballade „Nature Boy“, in dem sie nur vom Schlagzeug begleitet wird. Oder besser gesagt: die Drumbeats bilden einen Hintergrund, gegen den sie ansingt und der die Unbeirrbarkeit ihres Gesangs nur noch deutlicher herausstellt. Das Publikum ist hin und weg.

Lizz Wrights Stimme ist mit Gospel und Soul gesättigt. Sie bleibt diesen Einflüssen treu, aber ihre Musik ist stilistisch vielseitiger denn je. Das liegt auch an ihrer Band, bestehend aus Kenny Banks (Orgel, Klavier), Brannen Temple (Schlagzeug), Nicolas D‘Amato (Bass) und, allen voran, Gitarrist Martin Kolarides. Virtuose Jazzsoli, dahinziehendes Donnergollen, aus dem Blues stammende Einsprengsel, melancholischer Folk und sogar pittoreske Miniaturen im Stil eines italienischen Cantautore – Kolarides ist nichts fremd. Kenny Banks wiederum quält seine Orgel mit der enervierenden Gleichmut lang ausgehaltener Töne, die untergründig jedoch das Feuer schüren. Und wenn Lizz Wright dann im Song „I remember, I believe“ von schweren Schicksalen singt und vom Gottvertrauen, dann spielt Banks so beiläufig und gelassen Klavier, dass auch der 45. Präsident der USA im Licht einer Prüfung erscheint, die nicht von ewiger Dauer sein wird.

Würde Lizz Wright ganz anders singen, wäre sie nicht so spirituell veranlagt? Auch dieser Wesensart ist die Magie ihres Auftritts geschuldet. Wie tiefschürfend und aufwühlend ein uralter Song heute noch sein kann, wenn er neu eingespielt wird, ist vielleicht nicht nur eine Frage der rein musikalischen Herangehensweise. Gegen Lizz Wrights Fassung von „The first time ever I saw your face“ wirken jedenfalls viele andere Versionen wie Oberflächlichkeiten – von Roberta Flack über Celine Dion bis zu Leona Lewis. Lizz Wright verzichtet auf alle Gesangsschnörkel, singt dieses Liebeslied wie eine Meditation, langsam und mit aller Zeit der Welt. Bei dieser Frau gleicht Gesang den sorgfältigen Handgriffen eines Priesters in der Messe. Zumindest wenn Lizz Wright sie singt, liegt etwas Tieferes hinter den Worten.