Am Reformationstag ist offiziell Schluss: Jürgen Hutterer geht als Richter in Pension. Mit welchen Gefühlen?

Ich gehe mit sehr gemischten Gefühlen. Denn ich glaube sagen zu können, dass ich für meinen Beruf "gelebt" habe.

Sie hätten noch gerne weitergemacht.

Ja, ich hätte noch gerne als Richter weitergearbeitet, weil ich meine Tätigkeit nach wie vor für überaus interessant halte.

Dabei nannte ausgerechnet Martin Luther das Studium der Rechte eine „niederträchtige Kunst“. Ganz schön gemein.

Diese Aussage ist mir zu allgemein. Es hängt immer davon ab, wie man mit dem Recht umgeht.

Die 1. Große Strafkammer, deren Vorsitzender Sie waren, bekam die besonderen, sprich besonders schlimmen Fälle. Welcher Fall bleibt in Erinnerung und warum?

Natürlich kann ich mich noch sehr genau an den einen oder anderen Fall erinnern. Vor allem an die Bilder von den Tatorten. Manche bekommt man nicht mehr aus dem Kopf. Dies gilt besonders, wenn Kinder die Opfer waren.

Als Vorsitzender Richter haben sie noch zwei Beisitzer und zwei Schöffen zur Seite. Last, Hilfe, Erleichterung?

Die beiden Berufsrichter sind eine große Hilfe bei der Entscheidungsfindung. Dies gilt auch für den sogenannten Berichterstatter, der die schriftlichen Urteilsgründe vorformuliert. Auch die Schöffen können nicht selten mit ihrem Wissen die Urteilsberatung beeinflussen.

Was viele nicht wissen: Wenn das Verfahren beginnt, sollten Sie alle Ermittlungsakten gelesen haben. Mit einer 35-Stunden-Woche nicht zu schaffen?

Gerade der Vorsitzende Richter sollte umfassende Aktenkenntnis besitzen. Denn nur dann kann er eine Hauptverhandlung souverän leiten.

Ist das Richteramt also Knochenjob?

Zwar überspitzt formuliert, trifft diese Aussage im Wesentlichen zu. Und es geht nicht nur um Aktenkenntnis, sondern auch darum, in der Hauptverhandlung mit aggressivem Verhalten von Angeklagten und Zeugen, vor allem aber mit sehr belastenden Geschehnissen fertig zu werden.

Sie seien konziliant im Ton, hart im Urteil, ist von Strafverteidigern zu hören. Trifft das zu?

Ich will mich nicht selbst beurteilen. Aber ich habe immer versucht, auch im Interesse der Opfer einen möglichst gerechten Schuldausgleich herbeizuführen.

Trotz all der Verbrechen und schlimmen Menschen nie den Glauben an die Menschheit verloren. Wie schafft man das?

Es wäre naiv zu glauben, dass gerade ein solcher Beruf einen Menschen nicht nachhaltig verändert. Man neigt mehr und mehr zu erheblichem Misstrauen und zu zynischen Äußerungen. Ich habe jedoch immer versucht, daran zu denken, dass wir es bei Gericht nur mit einem geringen Prozentsatz von Menschen zu tun haben und die weit überwiegende Zahl der Menschen rechtstreu ist.

Gibt es Urteilssprüche, die Sie heute bedauern?

Nein.

Verbrechensopfer bleiben in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf der Strecke. Schmerzt das nicht einen Richter?

Ich sehe dies auch so, auch wenn der Gesetzgeber zwischenzeitlich einiges getan hat, um den Opfern die Möglichkeit zu geben, sich mehr am Prozessgeschehen zu beteiligen.

Der Richter und die Medien: Heute können Sie Ihre Meinung sagen...

Die hiesige Berichterstattung gibt in der Regel die Geschehnisse im Gerichtssaal korrekt wieder. Ärgerlich finde ich nur, wenn gelegentlich in der überörtlichen Presse Richter massiv von Journalisten angegangen werden, obwohl sie den Prozess nur zeitweise mitverfolgt haben.

Fragen: Walter Rundel

Zur Person

Jürgen Hutterer wuchs im Raum Ravensburg auf, machte hier Abitur, wollte ursprünglich Berufsoffizier werden, studierte dann aber Jura in München und Heidelberg. Nach dem Examen machte er eine zusätzliche Ausbildung an der Bundesfinanzakademie, wechselte aber Ende der 70er Jahre in die Justiz. In Stuttgart arbeitete er mehrere Jahre als Staatsanwalt im Bereich Wirtschaftskriminalität und seit 1985 als Richter am Landgericht Stuttgart im Bereich Schwerkriminalität. 1998 kehrte Hutterer als Richter an das Landgericht Ravensburg zurück. Zunächst war er Beisitzer an der Schwurgerichtskammer, jetzt ist er seit einigen Jahren deren Vorsitzender. Seit 2014 sitzt der 68-Jährige für die „Bürger für Ravensburg“ im Gemeinderat. (wr)