Ein Junge steht am Rand der Straße, als ob er sie überqueren will. Aber irgendetwas erscheint Claudia Riegger, die mit dem Auto vorbeifährt, merkwürdig. Aus dem Bauch heraus entscheidet sie sich, anzuhalten und fragt den etwa Zwölfjährigen, ob alles in Ordnung sei. „Mit mir schon“, sagt der Junge, „aber mit der Frau stimmt was nicht“, und zeigt auf eine Person, die am Boden liegt. Die Ravensburgerin steigt aus, beugt sich über die regungslose Frau. Sie blickt in ein aschfahles, blutendes und schmutziges Gesicht mit offenen, erstarrten Augen, die ihr farblos erscheinen. Kein Lebenszeichen. „Ruf die 112“, sagt Claudia Riegger zu ihrer Tochter.

Fast zwei Jahre später sitzen beide Frauen Seite an Seite am Tisch in der Notrufzentrale des Rettungsdienstes Bodensee-Oberschwaben in Ravensburg. Claudia Riegger, die mit ihrem beherzten Eingreifen an jenem 28. Dezember 2016 Sabine Illenseer das Leben gerettet hat – sagen zumindest alle anderen am Tisch, die ihren Anteil an dieser Rettungsaktion hatten.

Theo Lechner, der Notrufsachbearbeiter, der die Ravensburgerin telefonisch zur Reanimation anleitete. Notfallsanitäter Markus Crazzolara, der damals mit dem Notarzt Dr. Bernd Lindenmaier zum Einsatz fuhr. Und Rettungsassistentin Maxi Böhm, die mit ihrem Kollegen Holger Buchholz im Rettungswagen der Johanniter gerufen wurde.

"Das motiviert für die nächsten fünf Jahre“

Um dieses Treffen haben die beiden Frauen gebeten, um den Profis Danke zu sagen. „Dass wir so etwas im Nachgang erleben dürfen, ist sehr selten“, sagt Jörg Pfeifer, der die Rettungsleitstelle leitet. „Man weiß leider fast nie, wie so ein Einsatz ausgeht, fragt sich oft, ob es der Patient geschafft hat oder nicht“, ergänzt Markus Crazzolara, der den Job schon ein paar Jahre macht. „Das ist echt mal eine coole Story. Und das motiviert für die nächsten fünf Jahre.“

Claudia Riegger ist es ein Bedürfnis, die Ereignisse an jenem kalten Wintertag Revue passieren lassen. „Ich war völlig durch den Wind, wusste nicht mehr, wo ich bin. Was darf, was soll ich jetzt machen? Ein klassischer Blackout“, erzählt sie. So muss es wohl auch dem Rollerfahrer gegangen sein, der erst abstieg, fragte, ob er helfen kann, aber schnell wieder wegfuhr.

Dann war Theo Lechner am Telefon. Der Notrufsachbearbeiter fand durch ihre Beschreibung der Örtlichkeit schnell heraus, dass es die Ebertstraße in Ravensburg sein muss. „Dann sagte er: Der Sani ist unterwegs, und jetzt geht’s los“, erzählt Claudia Riegger rückblickend.

Beim Besuch in der Notrufzentrale zeigt Theo Lechner Claudia Riegger (Mitte), wie das Programm funktioniert, mit dem er sie zur Reanimation von Sabine Illenseer angeleitet hat.
Beim Besuch in der Notrufzentrale zeigt Theo Lechner Claudia Riegger (Mitte), wie das Programm funktioniert, mit dem er sie zur Reanimation von Sabine Illenseer angeleitet hat. | Bild: Cuko, Katy

Reanimation, Schritt für Schritt

Gemeint war die Reanimation, Schritt für Schritt. Also die Frau umdrehen, Mund und damit die Atemwege freimachen, Herzdruckmassage. „Ich hab das noch nie vorher an einem Menschen gemacht. Aber in so einer Situation denkt man nicht nach. Man macht, vertraut dem Profi, auch wenn ich Angst hatte, ihr irgendwie wehzutun“, sagt die Frau, die alle Ansagen vom anderen Ende ausführt, während ihr die 15-jährige Tochter das Handy ans Ohr hält.

Claudia Riegger setzt ihren Handballen in der Mitte des Brustbeins auf und drückt mit ihrem ganzen Körpergewicht zwei Mal pro Sekunde kraftvoll nach unten, damit das Herz weiter Blut durch den Körper und vor allem das Hirn pumpt. 1 -2- 3: Den Takt, den Theo Lechner vorgab, habe sie heute noch im Kopf. „Ich musste laut mitzählen. ‚Ich hör sie nicht‘, hat er mich zwischendrin mal angebrüllt“, erinnert sich Claudia Riegger genau. Irgendwann habe sie dann tatsächlich eine Art Röcheln gehört, kurz darauf war der Rettungswagen da. „Ich hab mich noch nie so gefreut, das Martinshorn zu hören“, sagt die Ravensburgerin, die sich vom Notrufsachbearbeiter erst in die Lage versetzt sah, so zu handeln, wie es nötig war.

Claudia Riegger drückte 350 bis 450 Mal den Brustkorb durch

Jörg Pfeifer hat die exakten Einsatzdaten dabei. 14.58 Uhr ging der Notruf ein, 15.05 Uhr war der Notarzt vor Ort, löste die Ersthelferin ab. Gut fünf Minuten hatte Claudia Riegger die bewusstlose Frau reanimiert, etwa 350 bis 450 Mal den Brustkorb durchgedrückt – ein Kraftakt. „Wir wechseln uns nach etwa zwei Minuten ab“, erklärt Notfallsanitäter Marko Crazzolara respektvoll. Als Ersthelfer gefordert zu sein, kann jedem passieren. 2016 zeigt die Statistik 421 dokumentierte Fälle, bei der die Mitarbeiter der Notrufzentrale Bodensee-Oberschwaben telefonisch eine Reanimation angeleitet haben. Im vergangenen Jahr waren es 451. „Es gibt genügend Fälle, wo sich die Leute vor Ort nicht in der Lage sehen das umzusetzen, oder es nicht so resolut tun“, sagt Theo Lechner.

36 Minuten und 58 Sekunden nach dem Notruf wird Sabine Illenseer in der Oberschwabenklinik eingeliefert. Besser kann es für einen Patienten mit Herz-Kreislauf-Stillstand kaum laufen. Diesem „Parade-Einsatz“, wie sich Jörg Pfeifer ausdrückt, verdankt die heute 52-Jährige nicht nur ihr Leben. „Es ist ein Wunder, dass ich heute hier sitze und so fit bin. Da waren wohl alle Schutzengel auf einmal im Einsatz“, sagt sie. Heute steckt ein Defibrillator in ihrer Brust. Auch wenn die Heilbronnerin, die die Weihnachtstage 2016 bei ihrer Tochter in Ravensburg verbrachte, gesundheitlich vorbelastet war, rätselten die Ärzte, warum sie an jenem Dezembertag einfach umfiel und ihr Herz aufhörte zu schlagen.

Trotz vorbildlicher Ersthilfe und schneller Nothilfe der professionellen Retter sei die Prognose anfangs schlecht gewesen. Fünf Tage lag Sabine Illenseer im künstlichen Koma, war nach dem Aufwachen „wie ein großes Kind“ mit großen Erinnerungslücken. Heute stehe sie wieder mitten im Leben, sagt sie.

Kontakt kam aber erst Monate später zustande

Dass fast zwei Jahre ins Land gingen, um sich bei den Rettungsprofis zu bedanken, erklären beide Frauen mit dem Datenschutz, dem alle Beteiligten unterliegen. Beide stellten Nachforschungen an. Der Kontakt selbst kam aber erst Monate später über einen verständnisvollen Polizeibeamten zustande. Zum „Einjährigen“ schrieb Claudia Riegger eine Geburtstagskarte, Telefonate folgten. Das Wiedersehen jetzt im August war für beide hoch emotional – und nicht nur für sie.

So sieht es in der integrierten Rettungsleitstelle des DRK-Rettungsdienstes Allgäu-Bodensee-Oberschwaben in Weingarten aus.
So sieht es in der integrierten Rettungsleitstelle des DRK-Rettungsdienstes Allgäu-Bodensee-Oberschwaben in Weingarten aus. | Bild: Bernadette Chandler

So arbeitet die Notrufzentrale

  • Der DRK-Rettungsdienst Bodensee-Oberschwaben betreut drei Landkreise: Bodenseekreis, Ravensburg und Sigmaringen. Hier leben rund 485 000 Bürger, dazu kommen jährlich noch rund 1,7 Millionen Gäste-Übernachtungen am Bodensee, im Allgäu und in Oberschwaben.
  • Die Notrufe (112 oder 19222) werden in der Integrierten Leitstelle Friedrichshafen/Ravensburg entgegengenommen, die für Feuerwehr und medizinische Notfälle zuständig ist. Beide Standorte sind vernetzt und arbeiten wie eine Zentrale. So werden die Notrufe derzeit in Friedrichshafen angenommen. Werden die Rettungskräfte alarmiert, steuern die Disponenten in Ravensburg die Einsätze. Das hat den Vorteil, dass die Notrufsachbearbeiter bis zum Eintreffen der Rettungskräfte mit dem Anrufer in Verbindung bleiben können.
  • In diesem Jahr gingen im Rettungsdienstbereich bisher pro Tag im Durchschnitt 1011 Anrufe ein – knapp 76 500 über die Nummer 112 und rund 73 000 über die Nummer 19222. Im vergangenen Jahr vermittelten die Notrufspezialisten und Disponenten knapp 240 000 Mal die Hilfe der Feuerwehr, den Krankentransport und die Notfallrettung, aber auch den ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung.
Katy Cuko