Mehr als ein Jahr lang stand diese Baustelle still: Nach dem Abriss eines Wohngebäudes an der Ecke Jörg-Zürn-Straße/Sankt-Johann-Straße wurde die Baugrube für einen Neubau ausgehoben, und dabei stießen die Bagger auf ein Betonrohr, das den Behörden noch einen ausgiebigen Schriftwechsel und dem Eigentümer Zusatzkosten bereiten sollte.

Es handelte sich um das unter Denkmalschutz stehende Rohr, das vom Andelshofer Weiher bis zum alten Kraftwerk am Mantelhafen führt. Bis zur Stilllegung des Wasserkraftwerks diente das Rohr als Druckleitung, zum Betrieb der Turbinen. Das Kraftwerk steht seit 2013 still, heißt aber nicht, dass das Rohr zurückgebaut werden dürfte.

An der Wasserentnahme am Andelshofener Weiher. Bis zur Stilllegung 2013 wurde hier Strom aus Wasserkraft gewonnen, die knapp zweieinhalb Kilometer lange Leitung mündet im Turbinenhaus am Überlinger Mantelhafen.
An der Wasserentnahme am Andelshofener Weiher. Bis zur Stilllegung 2013 wurde hier Strom aus Wasserkraft gewonnen, die knapp zweieinhalb Kilometer lange Leitung mündet im Turbinenhaus am Überlinger Mantelhafen. | Bild: Hilser, Stefan

Beide Anlagen, also Kraftwerk und Rohr, stehen unter Denkmalschutz. Die beim Regierungspräsidium Stuttgart angesiedelte Denkmalbehörde teilte mit: „Das Wasserkraftwerk stellt als Sachgesamtheit ein Kulturdenkmal nach Paragraph 2 Denkmalschutzgesetz dar. Grundsätzlich ist die Druckrohrleitung als bedeutender Bestandteil des Überlinger Wasserkraftwerks zu erhalten.“

„Mir persönlich gefällt die alternative Stromgewinnung sehr gut und es würde mich sehr freuen, wenn die Stadt das Projekt Wasserkraft wieder verfolgt und realisiert. Die Leitungen haben damals keine Rolle gespielt, da wir das (schöne) Haus erhalten und vermieten wollten. Interne Gründe haben uns dann damals dazu bewogen, das Haus zu verkaufen.“
Michael Stehle, Unternehmer aus Überlingen, der zwischenzeitlich Eigentümer des Grundstücks an der Jörg-Zürn-Straße war

Baugenehmigung im August erteilt

Am 10. August 2020 erteilte die Stadt Überlingen die Genehmigung zum Bau eines Wohnhauses auf dem besagten Grundstück. In ihr enthalten sind Auflagen der Denkmalbehörde. Zur Begründung heißt es: „Aus denkmalfachlicher Sicht ist die Bewahrung des Wasserkraftwerks Überlingen und die Erhaltung der technischen Ausstattung in situ für eine Überlieferung des Wasserkraftwerks an kommende Generationen als authentisches Geschichtszeugnis wesentlich.“ In situ heißt: unverändert, am bisherigen Standort.

Mittlerweile ist das Rohr vom öffentlichen Raum nicht mehr einsehbar, die Bauarbeiten zu weit fortgeschritten. Auf google-Maps ist noch eine Satellitenaufnahme abrufbar, die zeigt, wie das Rohr quer über das Grundstück verläuft.
Mittlerweile ist das Rohr vom öffentlichen Raum nicht mehr einsehbar, die Bauarbeiten zu weit fortgeschritten. Auf google-Maps ist noch eine Satellitenaufnahme abrufbar, die zeigt, wie das Rohr quer über das Grundstück verläuft. | Bild: Google-Maps

Die Stadt als Baugenehmigungsbehörde machte mit Verweis auf den Datenschutz keine Angaben zu den Auflagen und wies damit eine SÜDKURIER-Anfrage zurück. Die Denkmalbehörde hingehen erkannte keinen Hinderungsgrund. Demnach darf die Öffentlichkeit erfahren, was der Bauherr alles beachten muss.

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Die wichtigsten Auflagen der Denkmalbehörde für den aktuellen Eigentümer lauten so: 1. Die auf dem Grundstück Sankt-Johann-Straße 8 verlegte Druckrohrleitung darf nicht beschädigt werden. Entsprechende Schutzmaßnahmen sind während der Baumaßnahme zu treffen. 2. Die Freilegung der Druckrohrleitung ist zu vermeiden. Mit den Fundamenten ist ausreichend Abstand zu halten.

Wie muss der Bauherr sicherstellen, dass auch künftige Generationen an das Rohr gelangen, beziehungsweise wie wird dem Denkmalschutz hier genüge getan? Dazu antwortete die Denkmalbehörde: „Fachlich gesehen wird dem Denkmalschutz in erster Linie durch den substanziellen Erhalt des Rohres genüge getan.“ Die Leitung selbst verlaufe nun in einem Kriechkeller, der über eine Revisionsklappe zugänglich gemacht wird.“