Für den Porsche Cayenne Turbo interessierte sich niemand. Hubert Barth vom ABC Pfandleihhaus Bodensee hat auf den entsprechenden Internet-Plattformen einen Käufer für das Auto gesucht. Aber vergebens. Doch zum Glück schaute er noch einmal in den Fahrzeugbrief. Dort ist als Erstbesitzer Sami Khedira eingetragen – worauf Barth den Porsche als ehemaliges Fahrzeug eines Fußball-Weltmeisters offerierte. Und schon stand das Telefon nicht mehr still.

Barth erzählt die Geschichte mit einem Schmunzeln im Gesicht und erklärt dann, weshalb er den Nobelschlitten zu Geld machen durfte. Erstens, weil der Pfandgeber das von ihm erhaltene Geld nicht zum vereinbarten Zeitpunkt zurückerstatten konnte. Und zweitens, weil er vom Pfandgeber das Einverständnis zum Verkauf erhalten hatte.

Einmaleins der Pfandleihe

Diskretion ist wichtigste Tugend eines Pfandleihers

Da liegt die Frage nahe, ob auch Promis zur Klientel eines Pfandleihhauses gehören. Barth kann das für sein Unternehmen ausschließen, Semi-Promis habe er aber schon aus akuter Geldnot geholfen. Namen nennt der 60-Jährige nicht, Verschwiegenheit und Seriosität sind zwei der wichtigen Eigenschaften, die ein Pfandleiher leben muss.

Zwei Mal Mercedes SL als Pfandgut: links in der modernen Variante, rechts in der fast schon historischen.
Zwei Mal Mercedes SL als Pfandgut: links in der modernen Variante, rechts in der fast schon historischen. | Bild: Niederberger, Holger

Die Pfandleihe gilt als ältestes Kreditgewerbe der Welt und man sollte meinen, dass eine kaufmännische Ausbildung Voraussetzung ist, um in der Branche zu bestehen. Nicht unbedingt, wie das Beispiel Hubert Barth zeigt. Das Fördermitglied der Sportfreunde Owingen-Billafingen ist gelernter Zimmermann und studierter Architekt mit Ingenieurs-Diplom. Damit hat er fachlich bestens gerüstet den von seinem Vater Albin Barth 1963 in Billafingen gegründeten und seit 1989 im Owinger Industriegebiet ansässigen Holzbaubetrieb übernommen.

Heute ist Barth Holzbau eine Wohnbaugesellschaft mit rund 20 Angestellten. Das Geschäftsmodell besteht darin, Grundstücke zu kaufen, sie zu überplanen, mehrgeschossige Gebäude in ökologisch nachhaltiger Holzhybridbauweise zu erstellen und die Wohnungen zu verkaufen beziehungsweise zu vermieten. Mittlerweile arbeitet Sohn Brian, Architekt mit Master-Abschluss, in der Wohnbaugesellschaft mit, sodass dem Senior mehr Zeit bleibt, sich ums zweite berufliche Standbein zu kümmern.

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2009 fasste Barth den Plan, eine Halle zu bauen, um mit ihr Energie zu gewinnen und diese als Contractor dann zu verkaufen. Das gelang auch, gleichzeitig hatte er rund 1000 Quadratmeter freien und geschlossenen Lagerplatz. Was tun damit? Barth wusste, dass viele Pfandleihhäuser in der Umgebung Probleme damit haben, sperrige oder große Waren anzunehmen, weil ihnen die Lagerkapazität dafür fehlt. Aber nicht ihm selbst, dank der neuen Halle, in der Autos, Boote und Caravans geschützt stehen. Die Anfangsbuchstaben, A, B und C hat er auch gleich in den Namen seines Pfandleihhauses integriert.

Beim Firmenbesuch deutet von außen nichts darauf hin, dass hier innerhalb weniger Minuten vorübergehend Autos gegen Geld getauscht werden können. Auch der Internetauftritt ist sehr zurückhaltend und besteht eigentlich nur aus einer Visitenkarte.

Dieser Mercedes war mal eine Luxuskarosse. Auch wenn er seine besten Zeiten gesehen hat, als Pfand taugt er immer noch.
Dieser Mercedes war mal eine Luxuskarosse. Auch wenn er seine besten Zeiten gesehen hat, als Pfand taugt er immer noch. | Bild: Niederberger, Holger

Die bankähnlichen Pfandleihhäuser gelten als systemrelevant und durften auch während des Lockdowns öffnen. Doch anders als man vermuten könnte, wurde während der ersten Wochen der Pandemie nicht mehr verpfändet als davor. Im Gegenteil: „Es fand kein Konsum statt, also sagten sich die Leute „Ich löse mein Pfand wieder aus“, so Wolfgang Schedl, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Pfandkreditgewerbes. Die Folge: erhöhte Auslösungs- und rückläufige Verpfändungszahlen.

Video: Niederberger, Holger

„Doch das hat sich inzwischen geändert“, sagt Barth über seine Erfahrungen. Rund vier Wochen nach dem Zwangs-Aus der Wirtschaft hätten vor allem Kleingewerbetreibende wie beispielsweise Friseure, Selbstständige und Gastronomen die „Kollateralschäden der Corona-Politik“ zu spüren bekommen – und hätten sich in der Folge an seine Branche gewandt. „Wir Pfandleiher erfahren in diesen Tagen sehr viel Dankbarkeit, denn für viele Menschen sind wir die letzte Rettung.“

Das bestätigt auch Verbandssprecher Schedl. Der Cheflobbyist des Pfandleihgewerbes weiß, dass seine Zunft bei manchen Menschen ein zwielichtiges Image hat und es heißt, dass windige Gestalten in Pfandleihhäusern ihren Geschäften nachgingen. Doch das stimme nicht: „Zu uns kommt querbeet alles, wir haben das gesamte Publikum.“ Oder mit den Worten von Barth, der sich als Vizepräsident der Zimmermeister-Hausgruppe, dem Dachverband der deutschen Holzhausbaubranche, engagiert: „Wir nützen keine Notlagen aus, wir helfen den Menschen aus Notlagen heraus.“

Wer als Pfandleiher eine Zulassung bekommen wolle, werde gründlich durchleuchtet. Barth erzählt, dass ungefähr 27 Behörden angehört worden seien, ehe er seine Zulassung erhielt.

Hier hat jemand seine Wohnungseinrichtung verpfändet – auch das ist möglich.
Hier hat jemand seine Wohnungseinrichtung verpfändet – auch das ist möglich. | Bild: Niederberger, Holger

Laut Barth profitierten Pfandleihhäuser vor allem davon, dass die Kreditvergabekriterien der Banken immer restriktiver werden. „Für Menschen, die kurzfristig Geld brauchen, sind wir oft die letzte Rettung.“ Denn die Banken gehen bei der Kreditvergabe nicht nur sehr streng vor. Es können schon ein paar Wochen ins Land ziehen, bis ein Darlehen bewilligt ist. Wochen, die für eine Ich-AG zu lange sein können.

Bei Barth, der auch ehrenamtlicher Richter am Amtsgericht Ravensburg ist, gibt‘s die vereinbarte Summe dagegen sofort. Außerdem müsse sich bei ihm auch „niemand nackt machen“. Damit spricht Barth an, dass bei ihm und seinen Kollegen keine Bonitätsprüfungen vorgenommen und keine Fragen gestellt werden.

Bei Schmuck setzt Barth zur Taxierung auf Rechnungen und Zertifikate

Barth ist zwar auf Fahrzeuge spezialisiert, nimmt aber auch Pfandgüter wie Schmuck, Uhren oder Elektronikgeräte entgegen, wobei letztere weniger beliebt seien, weil deren Wert schnell verfällt. Und woher nimmt ein Holzbauunternehmer und Architekt das Fachwissen, ein Fahrzeug oder eine goldene Kette mit Diamant-Anhänger zu taxieren? Bei Autos und Booten traut sich der begeisterte Hobby-Kapitän selbst ein Urteil zu. Wer mit Schmuck zu ihm kommt, der muss eine Rechnung oder ein Zertifikat vorlegen – erst dann gibt‘s schnelles Geld und keine Fragen.

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