Das akademische Viertel reichte nicht ganz für den zeitlichen Verzug, mit dem die Premiere des Owinger Neujahrsempfangs im neuen Bürgerhaus „Kultur|O“ begann. Zu groß war der Ansturm zu der Jahresauftaktveranstaltung, die wieder eine kurzweilige Mischung aus kommunalpolitischer Standortbestimmung, Würdigung engagierter Bürger und Unterhaltung war. Die Schlange zum Defilee bei Bürgermeister Henrik Wengert am Nadelöhr zum Saal schien kein Ende nehmen zu wollen, am Ende waren die mehr als 420 Plätze alle belegt. Dass das große Ensemble des Musikvereins den Empfang begleitete, war eine Ausnahme. Umso mehr angetan war das Publikum von dem bunten Mix, mit dem die Instrumentalisten unter Leitung von Angela Gorber die gute Akustik des Saales unter Beweis stellten.

„Wenn du schnell gehen willst, dann gehe alleine. Wenn du weit gehen willst, gehe zusammen mit anderen“, leitete der Bürgermeister seine Ansprache mit einem afrikanischen Sprichwort ein. „Weit kommen“, das sei ein gutes Ziel für ein neues Jahr, bekannte Wengert. Diesen Gemeinsinn wünschte er sich auch im Hinblick auf die derzeit „größte Herausforderung“, die Unterbringung von Flüchtlingen. 32 wohnten schon im Gemeindegebiet, mit bis zu 150 weiteren rechne er dieses Jahr und nannte die Maßnahmen, die der Gemeinderat im Konsens beschlossen habe – bis hin zum Kauf eines Wohnhauses. „Wir stehen zu unserer humanitären Verantwortung“, betonte Wengert. Dafür müssten „unsere Grundrechte und Werte“ von den Flüchtlingen anerkannt werden: „Hier darf es keinen Toleranzspielraum geben.“

Lachen erntete der Bürgermeister, als er vorsichtig fragte: „Erinnern Sie sich noch an das alte Gebäude?“ Das neue Bürgerhaus füge sich gut ein in die Umgebung, sei wichtig für eine lebendige Gemeinde und erhöhe den Wohnwert. Diese Attraktivität schlägt sich im Interesse an Grundstücken nieder. Schon jetzt gebe es über hundert Anfragen für die 35 Grundstücke, die im Baugebiet Mehnewang III neu zu erwarten seien. Allerdings habe hier der nahe Horst eines Rotmilans für Verzögerungen gesorgt. Wengert: „Doch inzwischen ist eine Lösung in Sicht.“

Etwas besser als im Vorjahr sehe die Haushaltslage 2016 aus. Der Überschuss im Verwaltungshaushalt sei um rund 600 000 Euro höher als zuletzt. Wobei die Rücklagen auf 1,74 Millionen deutlich geschrumpft und die Pro-Kopf-Verschuldung nach dem Kauf eines Wohnhauses für Flüchtlinge auf über 100 Euro gestiegen sei. Dennoch sei die Investition wichtig und richtig, erklärte Wengert, zumal es dafür zinslose Darlehen gebe. Mit der Sanierung der Schule gebe es die Chance, dort einen Jugendtreff in zentraler Lage zu etablieren. Neue Weichenstellungen seien jetzt an der letzten Ecke der Ortsmitte möglich, wo die Gemeinde erst vor kurzem das Raiffeisengebäude gekauft habe und einen neuen Platz für die Feuerwehr suchen will. Zukunftsweisend sei auch die Planung einer Mehr-Generationen-Wohnanlage auf dem Stork-Areal.

Der Neujahrsempfang ist auch würdiger Rahmen für Ehrungen. Nicht nur Nadeln und Urkunden für fleißige Blutspender verteilt DRK-Vertreter Roland Gaus bei diesem Anlass gerne. Wobei dieses Jahr mit Rotkreuz-Aktivist Wolfgang Rothmund wieder ein „100er“ dabei war. Ehrentitel schon zuhauf hat der Taisersdorfer Karl Stehle (76) als „Hans-Dampf-in-allen-Gassen mit großem Herz“, wie ihn Ortsvorsteherin Angelika Thiel liebevoll nannte. Doch die Ehrennadel des Landes ist auch für Stehle eine wertvolle Würdigung, die Thiel in eine kurzweilige Laudatio verpackte.

Guter Brauch ist es auch, dass ein Gemeinderat und Stellvertreter des Bürgermeisters das Schlusswort spricht. Margitta Bischoff tat dies mit einem großen Lob an Henrik Wengert. Dass so viel angepackt worden sei, sei insbesondere dessen „unermüdlichem kämpferischem Einsatz, der Kompetenz und der Beharrlichkeit“ zu verdanken, erklärte die Stellvertreterin: „In Owingen wurden Meilensteine gesetzt. Owingen ist in guten Händen.“