Klingende Sektgläser, schmucke Gäste und polierte Instrumente: Alles deutet darauf hin, dass der Musikverein Owingen etwas zu feiern hat. 125 Jahre, die seit der Gründung vergangen sind; 125 Jahre, in denen die Blasmusik das Gemeindeleben bereichert hat.

Den Auftakt zum Jubiläumsjahr bildete der Festakt im kultur/O. Mit Spannung wurde die Uraufführung des Auftragswerks „Owinia“ erwartet, in das Komponist Kurt Gäble seine Impressionen von Owingen musikalisch übersetzt hat. „Eine Hymne auf Owingen“, drückte es Bürgermeister Henrik Wengert stolz aus. Was dem „Spannungsbogen“ eines Festakts normalerweise die obligatorischen Reden sind, diente beim Musikverein eine Talkshow der informativen Vorbereitung. „Wir wollten damit den formellen Rahmen auflockern und Interaktion zum Publikum herstellen“, erläuterte Mitorganisatorin Andrea Benz die „etwas andere“ Form der Vereinsehrung.

Bürgermeister Henrik Wengert hat "zwar nur eine Blockflötenkarriere hinter sich", lebt aber trotzdem für die Blasmusik: "Der Verein leistet wertvolle Jugendarbeit."
Bürgermeister Henrik Wengert hat "zwar nur eine Blockflötenkarriere hinter sich", lebt aber trotzdem für die Blasmusik: "Der Verein leistet wertvolle Jugendarbeit." | Bild: Rebecca Rexroth
Zu Sektempfang und Buffet lud der Musikverein nach dem offiziellen Teil ein.
Zu Sektempfang und Buffet lud der Musikverein nach dem offiziellen Teil ein. | Bild: Rebecca Rexroth
125 Jahre Musikverein Owingen werden in einer Talkshow unterhaltsam reflektiert. Von links: Angela Gorber, Kathleen Kleinhenz, Hans-Georg Benz, Anja Viellieber und Rudi Fischer.
125 Jahre Musikverein Owingen werden in einer Talkshow unterhaltsam reflektiert. Von links: Angela Gorber, Kathleen Kleinhenz, Hans-Georg Benz, Anja Viellieber und Rudi Fischer. | Bild: Rebecca Rexroth

Moderiert von Kathleen Kleinhenz, einer Freundin des Vereins, wurden Persönlichkeiten aus Gemeinde und Verein zum Interview auf die Bühne gebeten. So wurde etwa Vorsitzender Hans-Georg Benz mit einer Befragung zu den Vereinsdaten herausgefordert, Dirigentin Angela Gorber zu ihrer emotionalen Bindung zum Verein befragt oder mit Jungmitglied Anja Viellieber Einblick in die Perspektive der „Jugend“ gewährt. „Die Musikproben sind für mich Ausgleich zur Schule“, hieß es da. „Als Musiklehrer erfüllt mich jeder Fortschritt meiner Schüler mit Stolz“, war dort zu hören. Oder: "Eigentlich vermisse ich am Dirigieren nur mein Instrument.“

Eine historisch bedingte Entwicklung des Musikvereins war für den seit 58 Jahren aktiven Musiker Rudi Fischer erkennbar: „Früher gab es in der Kapelle einen hohen Altersdurchschnitt, nur Männer und ein bisschen Tätärä.“ Inzwischen habe der Verein an Qualität, Alters- und Geschlechterausgleich und regionalem Ansehen gewonnen. Jene Neuausrichtung sei es auch, die vielen einen Zugang zur Blasmusik ermögliche. „Die Vielseitigkeit der Blasmusik ist entscheidend: Oktoberfest-Umdada, aber auch virtuose Konzertsymphonien“, so etwa eine Besucherin des letztjährigen Jahreskonzerts. Die dort mit Gästen geführten Interviews wurden gefilmt, geschnitten und nun präsentiert. „Erst mit dem Amtsantritt hatte ich Zugang zur Blasmusik“, bekannte Henrik Wengert. Inzwischen aber verpasse er keinen Auftritt mehr und schätze – neben musikalischer Qualität – vor allem die Jugendarbeit, die der Musikverein intensiv betreibe.

Die geladenen Gäste aus Gemeinderat, Gesamtgemeinde, Vereinen und befreundeten Musikvereinen lauschten der Uraufführung von "Owinia".
Die geladenen Gäste aus Gemeinderat, Gesamtgemeinde, Vereinen und befreundeten Musikvereinen lauschten der Uraufführung von "Owinia". | Bild: Rebecca Rexroth

"Würde man die Werte dieses Vereins auf eine Gesellschaft übertragen, ergäbe sich eine Idealwelt“, bezeugte auch Komponist Kurt Gäble seine Begeisterung für den Verein. Ihn haben die Owinger um ein Musikwerk gebeten, das Kultur, Geschichte und Geografie Owingens vereint. „Wir haben schon viele Stücke aus seiner Hand gespielt, er schreibt unbewusst genau für uns“, so Angela Gorber. Auch vonseiten des Komponisten scheint diese Sympathie zu bestehen, denn: „Ich nehme nicht jeden Auftrag an, aber hier hat es direkt gefunkt.“ Nach einem intensiven Gespräch mit dem Bürgermeister habe er Owingen bei einem Rundgang durch alle Ortsteile auf sich wirken lassen: den Spagat zwischen Tradition und Moderne, die sanfte Landschaft des Linzgaus, historische Spuren wie den Flugzeugabsturz oder den Hohenbodmaner Turm; Freude und Leid, Lebensmut. „Es hat sich ein Musikstück daraus entwickelt, das das zu spiegeln sucht“, so Gäble. Ein Stück für Owingen, gespielt von Owingen: „Wenn sich noch andere Vereine an dessen musikalischer Umsetzung beteiligen, wird es diesem Anspruch gerecht.“ Die Tonlage habe er vorausschauend auch schon mal in Singstimme geschrieben.

Kurt Gäble dirigiert sein Werk bei dessen Uraufführung.
Kurt Gäble dirigiert sein Werk bei dessen Uraufführung. | Bild: Musikverein
Komponist Kurt Gäble dirigierte die Musikkapelle bei der Uraufführung seines Werks „Owinia“, das das Wesen der Gemeinde Owingen musikalisch vermittelt.
Komponist Kurt Gäble dirigierte die Musikkapelle bei der Uraufführung seines Werks „Owinia“, das das Wesen der Gemeinde Owingen musikalisch vermittelt. | Bild: Rebecca Rexroth

 

Musikverein Owingen

Der 1893 gegründete Verein feiert dieses Jahr sein 125. Jubiläum mit vielen Festlichkeiten. Ausgezeichnet mit mehreren Plaketten und Preisen, vor allem aber durch die gemeindeübergreifende Tätigkeit, hat sich der Musikverein einen Namen gemacht. Allein im vergangenen Jahr war er bei 21 Auftritten aktiv.

Das Mittel-Oberstufenorchester, etwa 47 Spieler, dirigiert Angela Gorber, Jugendkapelle und Vororchester stehen unter der Leitung des Vorsitzenden Hans-Georg Benz. Musikalische Früherziehung und Blockflötenunterricht werden genauso wie die Instrumentalausbildung fast aller Holz- und Blechblasinstrumente sowie Schlagzeugstunden angeboten. Die Jugendarbeit bezieht sich auf über 90 Kinder und Jugendliche.

 

Kurt Gäble: „Ich fühlte mich gleich zur Gemeinde hingezogen"

Mit dem Auftragswerk "Owinia" will der Musikverein Owingen die Gesamtgemeinde musikalisch bereichern, es soll allen Owingern „gehören“. Symbolisch daran beteiligen können sich Interessierte durch den Kauf eines „Taktes“ Owinias für 5 Euro, wobei der Name des Käufers an der jeweiligen Stelle der Partitur erscheint.

Das etwa siebenminütige Stück entstand in intensiver Vor- und Nachbereitung durch den Komponisten, Dirigenten und Musikpädagogen Kurt Gäble. Aus Erzählungen, persönlichen Eindrücken und „einem bestimmten Gefühl, das mitschwingt“, hat Gäble das „Wesen“ Owingens in Musik übersetzt. „Ich fühlte mich gleich zur Gemeinde hingezogen, da war einfach dieses Bauchgefühl“, erzählte er. Bei seinen Erkundungen habe er geografisch, kulturell und historisch alles auf sich wirken lassen, „und dann ist es, als ob man schwanger wird“: Es reife intuitiv eine Idee, daraus entwickle sich Struktur und ein Konzept. „Hier in der Gegend gibt es eine ganz bestimmte Melodie, die jeder kennt, aber niemand einem Lied zuordnen kann“, schilderte er. Oft habe er diese schon gehört, sie das „Bodensee-Lied“ getauft und zum „Roten Faden“ seines „Owinia“ gemacht. Unaufdringlich, aber spürbar zieht sie sich durch das gesamte Stück; ballend, flüsternd, tragend, kündend. Den Höhepunkt erreicht "Owinia" mit der Interpretation des Flugzeugabsturzes vor einigen Jahren: in aufwühlendem Crescendo steigert sich die Tragik, durch russische Weisen ergänzt. „Wie die ersten Frühlingsblumen erblühen“, so solle das hoffnungsspendende Finale daraus hervorgehen. Von Lebensmut, Freude und Zuversicht kündet jenes schwellende Sehnen.

Besonderheit der Uraufführung ist das Dirigieren der Musikkapelle Owingen durch den Komponisten selbst. „Das war sowohl für die Musiker als auch Herrn Gäble eine sehr intensive Erfahrung“, so Angela Gorber, die seit fünf Jahren auf jenen Moment der Uraufführung hinfiebert.