Eifriges Hämmern und Bohren und buntes Sprachgewirr zeugen schon vor Betreten der Fahrradwerkstatt von der besonderen Idee, die diese Institution ausmacht: eine Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge, aus dem Engagement dreier Hobbybastler aus Owingen gewachsen. Das Konzept erfreut sich inzwischen großer Beliebtheit. Mit dem Flüchtlingszustrom in den vergangenen Jahren kam unweigerlich der Bedarf an Mobilität auf. Was liegt da näher als das Fahrrad?

„Mein Freund Sigurd Koppen machte mich auf diese Lage aufmerksam“, erzählt Roland Haney. Die beiden betreiben die Fahrradwerkstatt seit nun zwei Jahren gemeinsam mit Rudolf Gebert. „Und da wir alle passionierte Schrauber sind, wollten wir das in den Dienst des Gemeinwohls stellen“, erläutert Haney.

Tesfu (links) und Simon versuchen sich nach einer Einweisung an der Reparatur eines platten Reifens.  Als "Hilfe zur Selbsthilfe" bezeichnen die Werkstattbetreiber ihre Tätigkeit.
Tesfu (links) und Simon versuchen sich nach einer Einweisung an der Reparatur eines platten Reifens. Als "Hilfe zur Selbsthilfe" bezeichnen die Werkstattbetreiber ihre Tätigkeit. | Bild: Rebecca Rexroth

Das Grundkonzept ist einfach: Alte, gebrauchte oder kaputte Räder aus Sperrmüll, Fundbüro und Spenden werden repariert und wieder fahrtüchtig gemacht. Flüchtlinge aus der Gesamtgemeinde und der Umgebung können diese für einen minimalen Kostenbeitrag erwerben. „Die Fahrradwerkstatt trägt sich finanziell komplett selber“, betont Haney. Vom Geld der verkauften Räder und dank Spenden könnten Ersatzteile und Werkzeug angeschafft werden. „Reparatur und Instandsetzung machen wir alles ehrenamtlich.“

Der Platten ist behoben: Simon und Tesfu freuen sich über ihr erstes selbst repariertes Rad.
Der Platten ist behoben: Simon und Tesfu freuen sich über ihr erstes selbst repariertes Rad. | Bild: Rebecca Rexroth

Ehrenamtlich und mit Herzblut. Während Haney das trällernde Radio leiser stellt und Koppen einem aufgebockten Fahrrad den letzten Schliff gibt, quietschen im Vorhof Fahrradbremsen und zwei Flüchtlinge stehen in der Tür. Das eine Rad habe einen Platten, erzählen sie. „Wir verteilen Fahrräder nicht nur; wenn irgendwelche Probleme daran auftreten, können die neuen Besitzer ihr Rad gern vorbeibringen“, sagt Haney.

Manche gespendeten Räder sind in schlechtem Zustand, andere müssen nur geputzt werden. In der "Lagerhalle" reihen sich die Modelle, die noch gerichtet werden müssen.
Manche gespendeten Räder sind in schlechtem Zustand, andere müssen nur geputzt werden. In der "Lagerhalle" reihen sich die Modelle, die noch gerichtet werden müssen. | Bild: Rebecca Rexroth

Schon tauchen helfende Hände den Fahrradschlauch in ein Wasserbecken, um das Leck ausfindig zu machen. „Das Ziel dabei ist die Hilfe zur Selbsthilfe.“ In wildem Kauderwelsch aus deutscher, englischer und afrikanischer Sprache werden die jungen Eritreer in die Kunst des Schlauchflickens eingeführt. Es sei verblüffend, wie schnell die Flüchtlinge technisches Verständnis entwickelten, meint Haney. Vorzeigebeispiel ist Ramasani, ein 17-jähriger Afghane, den die Fahrradbastelei so begeisterte, dass er nun ein Praktikum beim "Weidemann Fahrrad-E-Bikecenter“ in Überlingen macht. „Ramasani kommt regelmäßig, um uns hier zu helfen“, freut sich Roland Haney. Denn bisweilen steht den leidenschaftlichen Schraubern das Wasser bis zum Hals, wenn die Arbeit zu viel wird. Offiziell geöffnet hat die Werkstatt nämlich nur donnerstags, „wenn da die Linienbusse ankommen und unzählige Flüchtlinge aussteigen, kann es hier mitunter äußerst eng werden.“ Und das Angebot richtet sich an alle Bedürftigen der Gemeinde. Nicht verwunderlich also, wenn auch noch die Dame der Nachbarschaftshilfe den Kopf in die Werkstatt streckt.

Aufmerksam lauscht (von links) Ramasani aus Afghanistan den Erklärungen des Rad-Spezialisten Johannes Strauß (rechts), der bei Weidemann in Überlingen arbeitet und "immer noch eine Lösung findet, wenn wir längt nicht mehr weiterkommen", lobt Roland Haney (Mitte).
Aufmerksam lauscht (von links) Ramasani aus Afghanistan den Erklärungen des Rad-Spezialisten Johannes Strauß (rechts), der bei Weidemann in Überlingen arbeitet und "immer noch eine Lösung findet, wenn wir längt nicht mehr weiterkommen", lobt Roland Haney (Mitte). | Bild: Rebecca Rexroth

„Auch was die Spenden alter Räder angeht, kann man über Engpässe nicht klagen“, freuen sich die Fahrradbastler. Erst kürzlich habe das Fundbüro einen ganzen Schwung nicht abgeholter Fahrräder vorbeigebracht. Kinder-, Jugend-, Erwachsenenräder; die Lagerhalle deckt ein breites Spektrum an Drahteseln ab. „Die sind zum Wegwerfen doch viel zu schade“, sagt Haney, „es macht Spaß, den jungen Leuten beim Basteln daran Wissen weiterzugeben.“ Wie zum Beweis erläutert Koppen die Bar-Anzeige der Luftpumpe erneut, hievt Gebert ein bestelltes Rad auf die Werkbank und unterweist Haney den wissbegierigen Ramasani in der Bremsmontage.

Fahrradwerkstatt

In der Fahrradwerkstatt werden gebrauchte und beschädigte Räder wieder in Schuss gebracht und für einen geringen Betrag an Flüchtlinge und Bedürftige der Gesamtgemeinde verkauft. Muss ein Fahrrad repariert werden, können die Kunden die Arbeiten unter fachkundiger Anweisung selbst vornehmen. Seit zwei Jahren betreiben die Hobbybastler Roland Haney, Sigurd Koppen und Rudolf Gebert ihre Fahrradwerkstatt ehrenamtlich. Untergebracht ist sie in der Hauptstraße 14 in ungenutzten Räumlichkeiten der Hausbesitzer. Werkzeug und technische Ersatzteile werden privat gestellt oder über den Erlös der verkauften Räder erworben. Über 150 Fahrräder wurden so schon verteilt und das Projekt, unterstützt durch die Diakonie Überlingen, geht weiter.

Öffnungszeiten für Reparatur, Begutachtung oder Spende: Donnerstag,14 bis 17 Uhr. Fahrradspenden jeglicher Art sind willkommen, Kontakt über Telefon 0 75 51/6 24 20.