Rund 10.000 Kakteen, Euphorbien und andere stachelige Gesellen nennt Erich Strobel aus Billafingen sein eigen. Worauf die Stadt Überlingen und ihre Stadtgärtnerei mit dem geplanten Kakteenhaus derzeit noch mit Sehnsucht warten, hat der Liebhaber seit vielen Jahren längst hinter dem Haus im kleinen Garten. Nun sind seine wärmeliebenden Pflanzen zum überwiegenden Teil wesentlich kleiner als die Riesen, die alljährlich im Überlinger Stadtgarten zu sehen sind. Der eine oder andere dort stammt jedoch von Strobel, der sie der Stadtgärtnerei vermacht, wenn sie ihm über den Kopf beziehungsweise aus seinem kleinen Gewächshaus hinauswachsen. Der passionierte Kakteenfreund hat nach eigenen Aussagen wohl die größte Sammlung dieser Art in ganz Süddeutschland.

Wer zählt die Kakteen, kennt die Namen: Für Erich Strobel mit seinen rund 10 000 Sukkulenten kein Problem.
Wer zählt die Kakteen, kennt die Namen? Für Erich Strobel mit seinen rund 10 000 Sukkulenten kein Problem. | Bild: Hanspeter Walter

Nicht nur gleichgesinnte Mitglieder des Kakteenvereins Bodensee besuchen ihn daher, um die neuesten Errungenschaften zu bestaunen, die Blüten zu bewundern und über die Sukkulenten zu fachsimpeln, die in den subtropischen Wüstenzonen ihre natürliche Heimat haben. „Die Kakteen begeistern mich schon seit vielen Jahrzehnten“, sagt der Billafinger Ruheständler.

Strobel kennt jeden botanischen Namen

Erich Strobel kennt jeden Kaktus mit seinem botanischen Namen, weiß genau wo die Besonderheiten und Raritäten stehen, die man sonst nur selten zu Gesicht bekommt. Für den Billafinger gehört dies zum Alltag im Gewächshaus, in dem er sich täglich mit viel Sachverstand und Leidenschaft um das Wohl seiner Lieblinge kümmert. Doch manchmal wird auch Routinier Strobel, der sein Hobby schon seit vielen Jahrzehnten pflegt, bis heute nervös und unruhig. Sein Adrenalinspiegel steigt schon langsam, wenn eine völlig unscheinbare grüne „Kaktusschlange“, die sich unter dem Glasdach sorgfältig fixiert mehrere Meter durch den Raum zieht, plötzlich ihre ersten kleinen flauschig wirkenden Höcker bekommt, die langsam aber sicher größer werden. „Daraus entstehen nach einigen Tagen die Blüten“, weiß der Billafinger und übt sich noch in Geduld.

An feinen weißen Haaren sind die werdenden Blüten der „Königin“ zu erkennen. Rechts die dünnen Luftwurzeln der Pflanze.
An feinen weißen Haaren sind die werdenden Blüten der „Königin“ zu erkennen. Rechts die dünnen Luftwurzeln der Pflanze. | Bild: Hanspeter Walter

Wer „Königin der Nacht“ hört und Mozarts „Zauberflöte kennt, der summt oft gleich das legendäre ‚La-la la-la la-la la-la laaaaaa...‘“. Doch in diesem Fall geht es weniger um sopranistischen Wohlklang, sondern um eine opulente Optik. Wer die ersten schneeweißen Blüten sieht, der könnte anfällig werden, sogar an kleine Wunder zu glauben. Nur zwei, drei Zentimeter Durchmesser hat der langgestreckte Spross der Selenicereus grandiflorus, wie sie mit ihrem botanischen Namen heißt. Doch mehr als zehn Zentimeter, ja bisweilen fast 20 Zentimeter Durchmesser haben ihre Blüten und können bis zu 30 Zentimeter lang werden, die sich binnen weniger Tage aus den unscheinbaren Höckern entwickeln.

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Die Faszination über diese Blütenpracht will der Billafinger auch nicht nur für sich behalten und ruft schon mal rechtzeitig Freunde und Bekannte aus dem Dorf an, um ihnen die frohe Botschaft zu verkünden. „Ich glaube, bald ist es wieder soweit“, warnt Strobel sie schon mal vor. Denn eine Besonderheit haben die Blüten: Sie öffnen sich in der Nacht und zeigen ihre ganze Pracht nur wenige Stunden. Schon am nächsten Morgen zollen die langen Blüten der Schwerkraft Tribut und hängen ermattet nach unten. Doch meist folgen der ersten Blüte in den darauffolgenden Wochen noch weitere.

„Königin“ schon im 18. Jahrhundert bekannt

„Eigentlich ist es eine Kletterpflanze, die einen bis zu fünf Meter langen Spross entwickeln kann“, weiß Fachmann Erich Strobel. Ihre natürliche Heimat hat sie in den subtropischen Regionen vom Südosten der USA über Mexiko bis nach Mittelamerika und der Karibik. Erstmals beschrieben wurde die „Königin der Nacht“ vom schwedischen Botaniker Carl von Linné schon Mitte des 18. Jahrhunderts. Bis heute löst die Öffnung ihrer phänomenalen Blüten nicht nur bei Kakteen- und Pflanzenfreunden Begeisterung aus, zumal sie auch noch einen ganz eigenen Duft verströmen.

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Sicher bestens verstanden hätte sich Erich Strobel mit dem Begründer des Überlinger Stadtgartens Hermann Hoch. Der brachte seine ersten Kakteen schon vor 1900 von seinen Reisen und Tätigkeiten am Genfer See und aus Italien mit an den Bodensee. Den ersten Kakteengarten hatte Hoch um 1900 am Eingang zum Stadtgraben unterhalb des Gallerturms angelegt, als dieser noch seinen Zinnenkranz trug. Später wurde die Sukkulenten-Sammlung zu einer der besonderen Attraktionen im Stadtgarten. Dies ist längst auch das Kakteenmeer von Erich Strobel, den inzwischen auch immer wieder Ausflügler und Vereine aufsuchen.

Gewächshäuser sind inzwischen voll

Erich Strobel hat selbst einen kleinen Brutkasten konstruiert, um selbst eingesammelte Kakteensamen zum Keimen zu bringen. „Wenn Sie heute Kakteensamen kaufen und es probieren“, sagt er, „ich wette hundert Euro, dass das nicht klappt.“ In seinem kleinen Kasten sorgte Strobel für konstantes Licht, konstante Temperatur und konstante Luftfeuchtigkeit. „Nur so funktioniert das.“ Doch den Brutkasten braucht der Billafinger nicht mehr, die Gewächshäuser sind inzwischen voll.

Die Sukkulenten haben sich mit ihrer Wasserspeicherung auf trockene Regionen spezialisiert. Doch ab und zu bekommen auch sie Durst und brauchen Nachschub. Worauf man achten muss, weiß der Experte: „Alle Kakteen darf man nur mit Regenwasser gießen und nur von unten, nie von oben. Denn der Hals ist die empfindlichste Stelle der Pflanze.“