Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, heißt eine Sprichwort. Doch ein Sommer ohne Schwalben ist kein richtiger Sommer. Dem Owinger Teilort Taisersdorf sollte in dieser Hinsicht kaum bange zu sein. Allein am Haus von Elfriede Baiker und ihrem Sohn Georg Baiker sind unter den Dachvorsprüngen derzeit 32 Mehlschwalbennester besetzt. Das soll erst mal jemand nachmachen. Doch ohne Nachhilfe geht es heutzutage nicht mehr. Die Baikers haben mit ihren künstlichen Nisthilfen die Wohnungen bereitgestellt, welche die Flugkünstler aus Ermangelung des notwendigen feuchten Lehms selbst nicht mehr bauen können.

Ganzes Dorf soll das als Auszeichnung verstehen

Dieses große Engagement belohnte jetzt der Naturschutzbund. Hartmut Walter, Vorsitzender der Ortsgruppe Überlingen, überreichte den Baikers jetzt die Plakette "schwalbenfreundliches Haus" sowie die Urkunde des Verbands. "Die Baikers engagieren sich seit vielen Jahren sehr für die Natur und haben diese Plakette verdient", sagt Hartmut Walter. "Doch damit soll zugleich das ganze Dorf ausgezeichnet werden." Bürgermeister Henrik Wengert, Ortsvorsteherin Angelika Thiel und engagierte Unterstützer konnten darauf jetzt gemeinsam anstoßen.

So sieht die Plakette "schwalbenfreundliches Haus" aus.
So sieht die Plakette "schwalbenfreundliches Haus" aus. | Bild: Hanspeter Walter

"Sozialer Wohnungsbau" für fliegende Geschöpfe

Für ihre Würdigung hatte Ortsvorsteherin Thiel ein Zitat des amerikanischen Theologen Henry Ward Beecher (1813-1887) entdeckt, das in mehrfacher Hinsicht zum Thema passte. "Eine einzige Schwalbe – so heißt es – verschlingt jährlich zehn Millionen Insekten", sagte Beecher: "Die Bereitstellung dieser Insekten halte ich für einen klaren Beweis für des Schöpfers Großzügigkeit bei der Sorge für das Leben seiner Geschöpfe."

Mittlerweile pfuschten die Menschen dem Schöpfer nicht nur hier mächtig ins Handwerk. So sei das in der Bibel formulierte "Macht euch die Erde untertan" sicher nicht zu verstehen gewesen, erklärte Angelika Thiel. Mit seinem "sozialen Wohnungsbau", wie es Gregor Baiker nenne, steuere Taisersdorf hier gezielt dagegen. Insgesamt seien im ganzen Dorf inzwischen rund 200 Nisthilfen nicht nur für Schwalben, Meisen, Stare, Kleiber und andere Höhlenbrüter, sondern auch für Fledermäuse geschaffen worden. Finanzielle Unterstützung kam auch von der Vogelwarte Radolfzell und vom Naturschutzbund Überlingen.

"Sozialer Wohnungsbau" nennt Gregor Baiker die Nisthilfen am Haus der Familie in Taisersdorf. Allein hier brüten 32 Mehlschwalbenpaare. Die Kotbretter verringern möglichen Ärger über die Gäste.
"Sozialer Wohnungsbau" nennt Gregor Baiker die Nisthilfen am Haus der Familie in Taisersdorf. Allein hier brüten 32 Mehlschwalbenpaare. Die Kotbretter verringern möglichen Ärger über die Gäste. | Bild: Hanspeter Walter

Rückgang von Insekten lässt Vögel hungern

Dass der Rückgang der eleganten Flieger auch eng mit dem Insektenrückgang zusammenhänge, betonte Gregor Baiker. Der bodenständige Elektrotechniker kümmert sich nicht nur um Schwalben, sondern pflegt auch Nisthilfen für viele andere Vogelarten und Fledermäuse. "Für die meisten ist die Umwelt irgendwo da draußen, abgetrennt von ihrer Lebenswirklichkeit", wird der Taisersdorfer grundsätzlich. "Es gibt aber keine abtrennbare Umwelt. Es gibt nur eine Welt, in der wir leben und mit der wir uns symbiotisch im ständigen materiellen und immateriellen Austausch befinden." Ja, dieser Austausch sei sogar ganz konkret auf bedenkliche Weise messbar. Baiker nennt das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosphat, das derzeit ohnehin in aller Munde ist. "Es ist ist bioakkumulativ, das heißt, es sammelt sich in den Organismen an", sagt Baiker. Er zitiert die Ergebnisse einer "privat finanzierten Untersuchung" an 800 Bürgern. Nur bei 27 Prozent habe man im Urin kein Spuren des Pestizids nachweisen können, 73 Prozent seien positiv getestet worden.

Auch Landwirte, Feuerwehr und Verwaltung machen mit

Für den Taisersdorfer ist es nur ein Beispiel, wie ökologische Kreisläufe dauerhaft geschädigt werden. Ein Resultat der Vernichtung von Lebensräumen spiegelt sich im Rückgang der Insekten wider. Deren Anzahl in Deutschland sei zwischen 1989 und 2006 um 76 Prozent zurückgegangen. Da wundert es nicht, dass die Schwalben und andere Insektenfresser hungern. In Taisersdorf finden sie zumindest eine Heimat und Wohnungen. "Zum Glück leben wir hier in einem sehr kleinteiligen Dorf, dessen Umwelt zu schützen sich noch lohnt", sagte Gregor Baiker: "Gerade bei diesem Projekt zum Schutz der Schwalben haben sich Mitbürger, Landwirte, Naturschutzorganisationen, Feuerwehr und Verwaltung gemeinsam eingesetzt." Umso mehr freue er sich, dass nicht nur Ortsvorsteherin Angelika Thiel, sondern auch Owingens Bürgermeister Henrik Wengert bei der Auszeichnung dabei waren.

Schwalben gehören eigentlich zum Sommer. Paradies und Zufluchtsort für Mehlschwalben ist der Owinger Teilort Taisersdorf durch das Engagement seiner Bürger. Im Land ist die Zahl der eleganten Flieger binnen 20 Jahren um 80 Prozent zurückgegangen.
Schwalben gehören eigentlich zum Sommer. Paradies und Zufluchtsort für Mehlschwalben ist der Owinger Teilort Taisersdorf durch das Engagement seiner Bürger. Im Land ist die Zahl der eleganten Flieger binnen 20 Jahren um 80 Prozent zurückgegangen. | Bild: Gregor Baiker