Beinahe ehrfürchtig nimmt Kurt Fitzko ein weißes Tuch von dem Kruzifix, das er vor Kurzem restauriert hat. „Es handelt sich nicht um irgendein Kruzifix, sondern um eine absolute Rarität“, erklärt der Kunstsachverständige und fährt vorsichtig mit dem Finger über die Christusfigur mit engelsgleichen Flügeln. Sie breiten sich nicht nur hinter den Armen der Figur aus, die Schwingen erheben sich auch über dem Kopf und umschließen Hüfte und Lenden.

Restaurierter Christus mit Engelsflügeln: Das Kruzifix ist etwa 250 Jahre alt und stammt wahrscheinlich aus dem ehemaligen Franziskanerkloster in Bad Waldsee.
Restaurierter Christus mit Engelsflügeln: Das Kruzifix ist etwa 250 Jahre alt und stammt wahrscheinlich aus dem ehemaligen Franziskanerkloster in Bad Waldsee. | Bild: Claudia Wörner

„Zusammen mit dem Körper wurden sie aus einem Stück Lindenholz geschnitzt“, zeigt Fitzko auf der Rückseite des Kreuzes, das zwischen 1750 und 1780 gefertigt wurde. Leider gebe es keinen Hinweis darauf, von wem. Eine Familie aus Altshausen, in deren Besitz sich das Kruzifix seit mehreren Generationen befindet, hat es nach Hefigkofen in Fitzkos „Antik-Hof“ gebracht, um es von ihm restaurieren zu lassen.

Restauriertes Kruzifix soll Original möglichst entsprechen

Zwei Wochen hat er an der 80 mal 60 Zentimeter großen Figur gearbeitet. Teile der Oberfläche waren aufgeplatzt und abgesplittert und einen Teil des Strahlenkranzes musste Fitzko nachschnitzen und neu vergolden. „Brüche im Bereich der Arme habe ich mit Dübeln fixiert und gelöste Teile mit dem Corpus verleimt, sodass sich wieder eine homogene Oberfläche gebildet hat“, beschreibt der Restaurator seine Arbeit.

Am Ende habe er das Kruzifix mit Firnis überzogen. Das Loch im unteren Bereich des Kreuzes zeige, dass das Kruzifix vermutlich an einem Altar befestigt gewesen sei. „Der Wunsch der Familie war, das Kruzifix nicht zu verändern, sondern so zu restaurieren, damit es möglichst dem Originalzustand entspricht.“

Die Oberfläche ist beschädigt: So sah die Christusskulptur vor der Restaurierung aus.
Die Oberfläche ist beschädigt: So sah die Christusskulptur vor der Restaurierung aus. | Bild: Kurt Fitzko

Genau dieser Wunsch entspreche Fitzkos Philosophie. Er freue sich, wenn jemand ein schönes Stück besitze. „Ich sehe meine Aufgabe darin, diese originale Schönheit zu erhalten, sodass auch die nächsten Generationen Freude daran haben“, sagt der Restaurator, der seit den 1980er Jahren mit seinem Antik-Hof in Hefigkofen tätig ist.

Antike Möbel aller Art, Meißner Porzellanfiguren, die in Fitzkos Porzellanklinik repariert wurden, Spieluhren aus der Biedermeierzeit und vieles mehr gibt es zu entdecken. „Manches Stück ist nach der Restauration längere Zeit bei mir, bis genau der Kunde kommt, der es schätzt“, erzählt Fitzko, der auch als Auktionator tätig ist.

Stammt das Kruzifix aus Bad Waldsee?

Das restaurierte Kruzifix geht jedoch direkt zurück zu seinen Besitzern. Fitzko glaubt, dass es ursprünglich aus dem Franziskanerkloster Bad Waldsee stammt, das im Zuge der Säkularisierung im Jahr 1806 aufgelöst wurde. „Bücher und Kirchengeräte lagen wie Stroh und Heu umher, alles war nahezu förmlich Preis gegeben“, urteilte ein Zeitgenosse, wie im Klosterbuch nachzulesen ist. Darunter vermutet Fitzko auch den geflügelten Christus. „Er wurde bestimmt zu Geld gemacht, denn bereits damals war sichtbar, dass es sich um eine meisterliche Arbeit handelt“, nimmt der Kunstrestaurator an.

Kapelle auf dem eigenen Grundstück

Für die Herkunft aus Bad Waldsee spreche auch, dass insbesondere die Franziskaner den engelsgleichen Christus verehren. „Er gibt Hoffnung und Vertrauen“, so Fitzko. Noch nie habe er jedoch eine solche Figur gesehen, geschweige denn in der Hand gehabt. Nun frage er sich schon, warum sie gerade jetzt zu ihm gekommen sei. Die Antwort gibt er selbst. Er lebe seit Jahrzehnten für seine Arbeit und investiere viel Herzblut in die antiken Stücke.

Zu jedem Stück im Antik-Hof gibt es eine Geschichte, die Kurt Fitzko erzählen kann.
Zu jedem Stück im Antik-Hof gibt es eine Geschichte, die Kurt Fitzko erzählen kann. | Bild: Claudia Wörner

Das bestätigt ein Blick in das Gästebuch auf seiner Website. „Diese Figur fand mich zum richtigen Zeitpunkt und das berührt mich“, so Fitzko, der einen starken Bezug zum christlichen Glauben hat. Auf dem eigenen Grundstück hat er 2008 eine öffentlich zugängliche Kapelle gebaut, die er dem 2002 heiliggesprochenen Pater Pio gewidmet hat. „Man muss als Christ auch Zeichen setzen.“