Frauen, traut Euch in politische Ämter! Bora, ein parteienübergreifendes Frauen-Netzwerk von Kommunalpolitikerinnen aus dem Bodenseekreis (Bo) und Ravensburg (Ra), hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen zu ermutigen, sich als Ortschafts-, Gemeinde- oder Kreisrätinnen zu bewerben.

In Veranstaltungen in beiden Landkreisen zeigten und zeigen sie auf, was man mit dem Amt bewegen kann, dass viele Bereiche mit dem Alltag verknüpft und Sichtweisen und Einflussnahme von Frauen wichtig sind. Auch nach den Wahlen wollen sie weitermachen mit dem Ziel, künftig 50 Prozent aller Mandate in den Händen von Frauen zu wissen.

Bora heißt auch ein sehr stürmischer Fallwind: Wenn Luftmasse zum Überströmen eines Gebirges gezwungen wird, treten Fallwinde auf. In diesem Fall könnte das Gebirge die männliche Übermacht in den Gremien symbolisieren, der Einfall des stürmischen Windes die Frauen. Sie sollen frischen Wind in Ortschaftsrat, Gemeinderat und in den Kreistag bringen.

Denn 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts will man nicht nur die zahlenmäßigen Verhältnisse in den Gremien ändern, sondern auch die Inhalte, denn Frauen denken und sehen anders als Männer. Dies begrüßen auch sehr viele Herren. Wie Oberteuringens Bürgermeister Ralf Meßmer. „Frauen sind wie Teebeutel. Sie wissen nicht, wie stark sie sind, bevor sie ins heiße Wasser kommen“, zitiert er Eleonore Roosevelt und beschreibt damit die Befindlichkeit vieler Frauen.

Diese will Bora ändern. Auch er ist überzeugt: „Ich glaube, dass Frauen selbst viel können und eine Sache anders angehen“, macht er Mut auf kommunalpolitisches Engagement, genauso wie der Kißlegger Bürgermeister Dieter Krattenmacher, der drei Frauen vorne auf der Kreistagsliste platziert hat und sich auf den letzten Platz, berichtete Gisela Müller, Kreisrätin und Mitbegründerin von Bora.

Viele Entscheidungen auf kommunaler Ebene

Erstaunlich, wie viele Alltäglichkeiten auf gemeindlicher und Kreisebene entschieden werden. So ziemlich alles. Sabine Schlager, Referentin für Kommunalpolitik, zeigt sie und die Strukturen auf, nimmt Frauen Ängste und Vorbehalte.

Natürlich müsse man sich selbst hinterfragen: Will man die Zeit investieren, in eine – noch – vorherrschende Männerdomäne, was kann man als Einzelne bewirken, ist man den Anforderungen gewachsen? Wobei man bei Letzterem berücksichtigen müsse, dass sich Frauen häufig unterschätzen. Und sie sollten sich nicht in Ausschüsse verweisen lassen, die ihnen „naturgemäß“ liegen, also Soziales. Frauen kennen sich genauso gut aus in Finanzen oder beim Bau, wie Beispiele in der Region zeigen.

Hier sei ein „kleiner Kampf“ gefragt, wie eine Gemeinderätin anmerkt. Den trage sie aber gern aus. Ihre Erfahrung: Bei der jüngeren Generation der Männer sei man mehr auf Augenhöhe. Ansonsten helfe, miteinander zu reden. Ihr Resümee: Sitzen mehr Frauen in Gremien, ist das Stimmungsbild ganz anders.

Gemeindepolitik ist lebendig

Warum werden weniger Frauen gewählt? Weil sie nicht auf der Liste stehen! Wenn die Hälfte der Liste aus Frauen bestehe, werde auch die Hälfte gewählt, so Schlager.

Sie weckt mit Details Interesse: So können Gemeinderäte über die Kernzeit in der Grundschule entscheiden oder, ob Glyphospat auf öffentlichen Flächen gespritzt werden darf: „Sie haben Macht, Einfluss, Gestaltungsmöglichkeiten, Sie werden mit einer Fülle von Themen bereichert, eignen sich Fachwissen an, gewinnen Kompetenz, Sie werden ge- und beachtet und haben einen Wissensvorsprung.“
„Gemeindepolitik ist unheimlich lebendig und es ist spannend, bei Abstimmungen eine Mehrheit für etwas hinzukriegen“, begeistert sich eine Gemeinderätin:"Es gibt nirgendwo so viele Gestaltungsmöglichkeiten, wie auf der lokalen Ebene.“

"Dazuzugehören ist unglaublich"

Carola Mahler, 52, LBU, Bermatingen, hatte sich in der Bürgerinitiative für ein besseres Verkehrskonzept Bermatingen engagiert und an einem Vhs-Kurs „Kommunalpolitik für Frauen" teilgenommen: "Das werde ich nie vergessen: Eine Ärztin und ich wollten uns aufstellen lassen und wir haben fest daran geglaubt, dass wir gewählt werden. Witzigerweise war das dann so. Ich wollte einfach etwas bewegen in meinem tollen Dorf, ein Mitspracherecht in Kindergarten und Schule haben." Im Gemeinderat wurde ihr zugehört, sie als gleichwertiges Mitglied betrachtet.

Carola Mahler, Gemeinderätin in Bermatingen
Carola Mahler, Gemeinderätin in Bermatingen | Bild: Keutner, Christiane

"Die Teilnahme am Gemeinde-Geschehen gibt einem so ein tolles Heimatgefühl, dazuzugehören, das ist unglaublich. Ich hatte nie das Gefühl, Zeit umsonst zu investieren und die Arbeit war immer eine große Bereicherung", sagt Carola Mahler.

Bewusst hatte sie sich mit der Mitarbeit im Verwaltungs-, Finanz- und Bauausschuss und den Abwasserzweckverband für „männerbesetzte“ Themen entschieden, besonders den Finanzbereich als bedeutend für Projekte, die man ankurbeln wolle, gesehen.

Sie lernte aber auch, Rückschläge wie beim Vorhaben, die Abwasserorganisation umweltverträglicher zu gestalten, hinzunehmen. Mut macht sie den Frauen: "Man muss sich nur trauen, seine Meinung zu äußern, aufgeschlossen sein, hinterfragen, schauen, was geht oder nicht. Man darf und soll Dinge auch von emotionaler Seite betachten; die Summe ergibt dann ein stimmiges Bild. Hauptsache man beteiligt sich an der Demokratie, egal in welcher Partei!"

"Es geht um Kompetenz"

Sabine Müller, 48, CDU, Oberteuringen wollte mit 34 Jahren die Gemeinde mitgestalten. Inzwischen engagiert sich die heute 48-Jährige seit 14 Jahren im Gemeinderat und ist dort nicht nur Fraktionsvorsitzende in der sechs Männer umfassenden CDU, sondern überhaupt die einzige Frau im Gemeinderat, nachdem sie anfangs noch drei Frauen in der Fraktion waren.

Und so, wie sie sich von Männern nicht im negativen Sinn abgrenzt, sieht sie auch ihre Funktion als Vorsitzende eher als Sprecherin: "Vorsitz ist alt. Man will doch gemeinsam etwas bewirken." Auch an das "Parteibuch" fühle sie sich nicht gebunden: "Ich möchte für die Kommune da sein, für alle."

Sabine Müller, Gemeinderätin in Oberteuringen.
Sabine Müller, Gemeinderätin in Oberteuringen. | Bild: Keutner, Christiane

Sie habe sich so reingearbeitet, erinnert sie sich an ihre Anfänge und sieht keinen Unterschied zu anderen Bereichen, in denen man "auch den Mund aufmacht", wie beispielsweise in der Schule und im Elternbeirat. Interessant findet sie es auch, über den Gartenzaun zu schauen, was andere Gemeinde etwas machten, denn man sei hier ja ein Verwaltungsverband.

Sie mag die Mitbestimmung in der eigenständigen Gemeinde: "Jeder kann einen Antrag stellen, ob man nun das Verkehrsaufkommen zählen oder etwas anderes erreichen will." Im Gremium gehe es auch nicht um Geschlecht und Partei, sondern man sehe die Kompetenzen: "Wir sagen, dort ist der Fachmann." Dass sie keine Problem mit dem von Männern beherrschten Gremum hat, liegt vielleicht auch an ihrem Männerberuf: Sie hat einen Obstbaubetrieb, früher eine Männerdomäne.

"Auf Augenhöhe mit den Kollegen"

Susanne Sträßle, 56, CDU, Markdorf, empfindet Gemeinderatsarbeit spannend: "Man ist an der Basis, hat einen Gestaltungsspielraum. Man sieht, wie Entscheidungen zustande kommen, manchmal sind Ergebnisse klar, manchmal überraschend. Es ist schön, daran mitzuwirken, dass die Stadt zukunftsfähig aufgestellt wird.

Und manchmal ist Politik auch das Bohren dicker Bretter." Ihr gefällt es, andere Menschen und Themen kennenzulernen. Schon bei ihrer ersten Kandiatur 2009 ist Susanne Sträßle gewählt worden, inzwischen ist sie auch Fraktionssprecherin.

Von Berufs wegen interessant waren für sie wirtschaftliche Zusammenhänge, Politik habe sie bereits in der Schule interessiert. "Toll ist, wenn man sieht, was man beschlossen hat: Baugebiet, Kindergarten, Blaue Zone." Oder was man verhindert habe, wie das interkommunale Gewerbegebiet Haslacher Hof.

Susanne Sträßle, Stadträtin in Markdorf.
Susanne Sträßle, Stadträtin in Markdorf. | Bild: Keutner, Christiane

Nicht verschweigen möchte sie den Zeitaufwand für die Vorbereitung. Akzeptanz? "Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Meinung respektiert wird und ich auf gleicher Augenhöhe mit den Kollegen bin." Mit dem Frauenanteil lobt sie die Vielfalt der Argumente. Reizvoll sei sogar, Kompromisse auszutarieren.

Das Mandat sei persönlichkeitsbildend. "Wenn Frauen und Männer ihre Betrachtungsweisen zusammenbringen und eine Sache unterschiedlich diskutiert wird, kann der Bürger eine bestimmte Entscheidung akzeptieren. Verständnis hat sie für Frauen mit Kindern und pflegende Angehörigen: "Sich dann noch kommunalpolitisch zu engagieren, könnte schwierig sein."

"Wir brauchen Mütter im Rat"

Heike Fischer, 55, SPD, Deggenhausertal, ist über ihre Elternbeiratsarbeit zur Kommunalpolitik gekommen. "Da hatte ich viel mit der Gemeindeverwaltung als Schulträger zu tun." Allen Frauen, die unzufrieden sind mit einer Situation im täglichen Leben, rät sie, sich um ein Gemeinderatsmandat zu bewerben.

"Man sollte dort ansetzen, wo man etwas verändern kann und das ist der Gemeinderat. Ich emfehle keiner Frau, zu warten, bis Männer das ändern." Frauen, so vermutet sie, haben wegen ihrer Mehrfachbelatung mit Beruf, Ehe und Kindern eine andere Sichtweise. Ihnen fielen andere Probleme auf: "Man ist sofort betroffen, wenn ein Bus oder eine Erzieherin ausfällt."

Heike Fischer, Gemeinderätin im Deggenhausertal.
Heike Fischer, Gemeinderätin im Deggenhausertal. | Bild: Keutner, Christiane

Rund acht Jahre war sie Gemeinderätin und hört nun aus gesundheitlichen Gründen auf. Die Arbeit hat ihr Spaß gemacht und Genugtuung bereitet, wenn sie etwas durchsetzen konnte, oder, falls zunächst misslungen, ihre Kollegen später ihre Lösung doch akzeptiert hatten.

Sie sei sehr kritisch, fühle sich nicht parteigebunden, konnte immer nach freiem Gewissen entscheiden und geht gern mal den Weg fernab traditioneller Denkweisen. Darin wurde sie durch ihre Wiederwahl bestätigt. Sie habe versucht, Kandidatinnen zu gewinnen, "aber viele waren der Meinung, sie könnten das nicht. Kein Mann, vermute ich, war der Meinung, er könne das nicht."

Jeder Neue im Gemeinderat, müsse erst einmal lernen. "Mütter sind mit ihren Anliegen auf mich zugestürmt nach dem Motto, sie als Mutter müsse das doch verstehen. Darum brauchen wir auch Mütter im Gemeinderat."