„Die Landlichtspiele beehren sich, den Beginn der Kinovorstellungen am Ostersonntag, im Raum der ehemaligen evangelischen Kirche in Neuhaus, anzuzeigen.“ Mit diesen Worten begann 1955 die Bekanntmachung, mit der „die verehrte Bevölkerung von Oberteuringen und Umgebung“ darüber informiert wurde, dass künftig am Samstagabend und Sonntagnachmittag regelmäßig „nach Möglichkeit erfolgversprechende Filme“ gezeigt würden.

So wurden die Filme angekündigt.
So wurden die Filme angekündigt. | Bild: Gudrun Schäfer-Burmeister

Bis Dezember 1967 finden sich allwöchentlich Ankündigungen im Amtsblatt der Gemeinde und zeigen, dass es mehr als zehn Jahre gelang, den Kinobetrieb im Anbau des Kaufhauses Müller umzusetzen. „50 Pfennig hat ein Kinobesuch gekostet“, berichtet der 70-jährige Günther Rueß, der mit dem bereits verstorbenen Siegfried Hoffmann die Geschichte von Neuhaus in Bildern und Texten aufgearbeitet und 2008 im Eigenverlag als Buch veröffentlicht hat. Rueß wuchs in direkter Nachbarschaft auf. Allerdings durfte er sonntagnachmittags nur ins Kino, wenn er vorher den Rosenkranz in der Kapelle besucht hatte. Erst danach bekam er Geld von den Großeltern und schaffte es gerade noch zum Ende von Fox tönender Wochenschau, vor Beginn des Hauptfilms auf einen der freien Plätze. Vielen älteren Oberteuringern sind die Kinovorstellungen in guter Erinnerung.

So sah der Betsaal in den 1960er Jahren von außen aus. Auf der linken Seite des Gebäudes befand sich das Kaufhaus Müller.
So sah der Betsaal in den 1960er Jahren von außen aus. Auf der linken Seite des Gebäudes befand sich das Kaufhaus Müller. | Bild: Privat

Bei Durchsicht der archivierten Bekanntmachungsblätter zeigen die wöchentlichen Meldungen eine Vielzahl unterschiedlichster Filme auf. „Am Sonntag, den 6. August 1961 und ausnahmsweise am Mittwoch, den 9. August um 20:30 Uhr“ wurde „Duell im Atlantik“ gezeigt, ein Farbfilm in Breitwand über den es hieß: „Ein großartiger, fairer Farbfilm über eine Seeschlacht während des Zweiten Weltkriegs.

Durch eine schwere Türe ging's ins Gebäude

Spannend, wahrheitsgetreu und atemberaubend wird dieses Seegefecht in kaum noch zu überbietender Echtheit wiedergegeben. In den Hauptrollen Curd Jürgens, Robert Mitchum u. v. a.“ Der 1943 geborene Lothar Schaefer erinnert sich auch an den Veranstaltungsort, den ehemaligen evangelischen Betsaal. „Man betrat das Gebäude durch eine große schwere Türe. Dann führte eine kurze Treppe nach oben, die Bänke stammten noch aus dem Betsaal."

Das Gebäude der Kaufmannsfamilie Müller im Jahr 2001. Der Betsaal und spätere Kinovorführsaal befand sich im rückwärtigen, auf diesem Foto nicht sichtbaren Teil des Hauses.
Das Gebäude der Kaufmannsfamilie Müller im Jahr 2001. Der Betsaal und spätere Kinovorführsaal befand sich im rückwärtigen, auf diesem Foto nicht sichtbaren Teil des Hauses. | Bild: Gudrun Schäfer-Burmeister

Die Leinwand war an der Ostseite zur Rotach hin angebracht, der Projektionsraum befand sich gegenüber auf der Empore. Vorgeführt wurden die Filme von einem Mann aus Ravensburg. Der Name dieses Wanderkinobetreibers ließ sich in den Unterlagen nicht finden. Die damals gegenüber wohnende Hannah Enser, Jahrgang 1941, entsinnt sich, dass er Rudeck geheißen habe und während der Vorstellung mit seiner Frau bei ihrem Vater, mit dem er sich angefreundet hatte, zum Kaffeetrinken zu Besuch war. Enser: „Er hat zwischendrin immer mal wieder nachgeschaut, ob der Film noch lief und die Filmrollen gewechselt.“

Das alte Kaufhaus wurde 2007 abgerissen und somit verschwand auch der Betsaal im Anbau, in dem die Lichtspiele von 1955 bis 1967 Filme zeigten. Heute befindet sich dort ein Discounter mit großem Kundenparkplatz.
Das alte Kaufhaus wurde 2007 abgerissen und somit verschwand auch der Betsaal im Anbau, in dem die Lichtspiele von 1955 bis 1967 Filme zeigten. Heute befindet sich dort ein Discounter mit großem Kundenparkplatz. | Bild: Gudrun Schäfer-Burmeister

Weder Adrian Kutter vom Verein Film- und Kinomuseum Baden-Württemberg noch Axel Burth, Geschäftsführer des Cinepark Ravensburg und Experte für regionale Kinogeschichte, konnten Licht ins Dunkel der Landlichtspiele Neuhaus, gelegentlich auch Landlichtspiele Ravensburg genannt, bringen. Plakate oder Bilder des Kinosaales sind nicht überliefert.

Ankündigungen zeugen von großer Filmwelt

Einzig die Ankündigungen in den Amtsblättern nach den amtlichen Nachrichten und der Werbung für örtliche Betriebe zeugen von der großen weiten Filmwelt. Für 14. Januar 1962 wurde ein „Spitzenfilm der Weltproduktion“ angekündigt: „Wem die Stunde schlägt“, „fesselnde und spannende Unterhaltung, wunderschöne Landschaftsaufnahmen“. Am 7. Juli 1963 gab’s den Bergfilm „Jägerblut“ zu sehen, „ein Filmwerk, voll Spannung und Dramatik mit herrlichen Aufnahmen der deutschen Hochalpenwelt“. Als „bester Lustspielfilm des Jahres“ wurde für 12. April 1964 „Die Rache ist süß“ angekündigt.

Günther Rueß blättert in seinem Buch "Neuhaus im Wandel der Zeit". Leider hat auch er keine Fotos des Kinosaals, aber er erinnert sich gut an das sonntägliche Vergnügen.
Günther Rueß blättert in seinem Buch "Neuhaus im Wandel der Zeit". Leider hat auch er keine Fotos des Kinosaals, aber er erinnert sich gut an das sonntägliche Vergnügen. | Bild: Privat

Der beste Farbfilm 1964 wiederum soll „Heimweh“ gewesen sein, der am 6. Dezember mit dem berühmten „Filmhund Lassie als Hauptdarsteller in diesem herrlichen und farbenfrohen Tierfilm“ in Neuhaus die Herzen rührte. Die letzte Kino-Eintragung kündigt für den 10. Dezember 1967 um 14 Uhr und um 20.10 Uhr den „spannenden Film – Ein Cowboy lebt gefährlich“ an. Was danach aus den Landlichtspielen wurde und ob der Filmvorführer seinen Betrieb andernorts weiterführte oder einstellte, ließ sich nicht feststellen.

Das wurde aus dem Gebäude

  • Das Kinogebäude: Wo seit 2007 an der B 33 in bester Verkehrslage ein Discounter eine Filiale betreibt, stand bis ins gleiche Jahr das Anwesen der Familie Müller. Deren Aufzeichnungen nennen Ursprünge des Gebäudes um 1700. Das ehemalige Zollhaus wurde um 1836 an die evangelische Kaufmannsfamilie verkauft, 1887 ließ man den Betsaal mit siebzig Sitzplätzen anbauen. Ab 1955 hatte die gewachsene Schar der Gläubigen einen Kirchenneubau zur Verfügung und der Saal stand leer. Noch im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre wurde das ehemalige Kaufhaus Müller als Edeka-Aktivmarkt von einer Nachfahrin weitergeführt, bevor das gesamte Gebäude abgerissen wurde, um Platz zu machen für die Einkaufsbedürfnisse des neuen Jahrtausends.
  • Wanderkinos gab es ab Ende des 19. Jahrhunderts. Mit dem Bauboom stationärer Kinos der 1950er Jahre in den Städten reduzierten sich die Wanderkinos bis auf Angebote in Gaststätten und Gemeindesälen im ländlichen Raum. Seine Bedeutung verlor das Wanderkino endgültig beim Einsetzen der großen Motorisierung in den 1960er Jahren. Die Kinobegeisterten in der ländlichen Region konnte nun das Angebot der Kinos in Mittel- und Großstädten annehmen. (gsb)