Frau Menauer, der Oberteuringer Jagdvorfall – der Fehlschuss – erschreckt Außenstehende und sie fragen sich, wie so etwas passieren kann. Wie viele Fälle von Jagdunfällen hat es in den vergangenen Jahren in Baden-Württemberg gegeben?

Aktuelle Statistiken belegen, dass Jagen bei Weitem nicht so gefährlich ist, wie man vielleicht denkt. 2017 gab es deutschlandweit zwei Tote sowie zwei Verletzte durch Jagdunfälle mit Schusswaffen – bei 383 828 Jagdscheininhabern. Die Wahrscheinlichkeit für Jäger, durch jagdlich geführte Schusswaffen ums Leben zu kommen, liegt demnach bei 0,00052 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, beim Bergwandern zu sterben, ist mehr als vier Mal so hoch!

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Woher stammen diese statistischen Zahlen?

Die Zahlen stammen von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, aus dem Archiv der Deutschen Presseagentur von 2017 und vom Deutschen Alpenverein.

Verena Menauer, Pressesprecherin Landesjagdverband Baden-Württemberg: "Aktuelle Statistiken belegen, dass Jagen bei Weitem nicht so gefährlich ist, wie man vielleicht denkt. 2017 gab es deutschlandweit zwei Tote sowie zwei Verletzte durch Jagdunfälle mit Schusswaffen – bei 383 828 Jagdscheininhabern."
Verena Menauer, Pressesprecherin Landesjagdverband Baden-Württemberg: "Aktuelle Statistiken belegen, dass Jagen bei Weitem nicht so gefährlich ist, wie man vielleicht denkt. 2017 gab es deutschlandweit zwei Tote sowie zwei Verletzte durch Jagdunfälle mit Schusswaffen – bei 383 828 Jagdscheininhabern." | Bild: Denise Kleine

Wie lange dauert eine Ausbildung zum Jäger und wer bildet die Bewerber aus?

Das Gesetz schreibt vor, dass der Vorbereitungskurs mindestens 130 Stunden umfassen muss – also etwa vier Wochen. Dazu kommt das Schießtraining. Der Kurs kann entweder bei der örtlichen Kreisjägervereinigung oder an einer privaten Jagdschule absolviert werden. Je nachdem, wo man den Vorbereitungskurs besucht und für welches Modell man sich entscheidet, findet er am Stück oder verteilt über mehrere Monate statt. Viele Teilnehmer entscheiden sich aber für das längere Modell, so hat man einfach mehr Zeit zum Lernen. Ausgebildet werden die Jagdscheinanwärter durch fachliche versierte Ausbilder, die entweder ehrenamtlich tätig sind oder die bei kommerziellen Jagdschulen angestellt sind. Die Ausbildungsinhalte und Anforderungen sind im Anhang einer staatlichen Verwaltungsvorschrift geregelt. Die Ausbilder und Prüfer werden regelmäßig von Fachleuten geschult.

Was müssen Jagdscheinanwärter in diesem Kurs lernen?

Die Ausbildung umfasst die Bereiche Wildtierkunde, Wildkrankheiten und Wildbrethygiene, Waffenkunde, Jagdrecht und Jagdpraxis. Die Inhalte sind also sehr breit gefächert: Man muss Weizen von Gerste unterscheiden können, wissen, wann Damwild Nachwuchs bekommt und die Ursachen der Strahlenpilzerkrankung kennen. Rund zwei Drittel des Kurses sind Theorie, ein Drittel ist Praxis. Die Kursteilnehmer lernen zum Beispiel, wie man ein erlegtes Tier weiterverarbeitet oder wie man Hochsitze baut. Der wichtigste Praxisteil ist aber die Waffenhandhabung und das Schießen. Die Jagdscheinanwärter lernen, wie man mit Waffen umgeht, welche Sicherheitsregeln beachtet werden müssen und natürlich wie man schießt.

Wie läuft die Jägerprüfung in Theorie und Praxis ab, wer nimmt die Prüfung ab und wer stellt den Jagdschein aus?

Um sich überhaupt für die Prüfung anmelden zu können, braucht man einen Ausbildungsnachweis. Das heißt, die Jagdschule muss bescheinigen, dass man erfolgreich am Vorbereitungskurs teilgenommen hat. Die Prüfung umfasst einen praktischen und einen mündlichen Teil sowie eine Schieß- und Waffenhandhabungsprüfung. Der Prüfling muss dabei Waffen und ihre einzelnen Teile korrekt beschreiben können, er muss sicher mit der Waffe umgehen können und in allen Schießdisziplinen eine ausreichende Trefferzahl haben. Nach bestandener Prüfung kann er mit seinem Prüfungszeugnis zur Unteren Jagdbehörde gehen und dort seinen Jagdschein lösen.

Gibt es so etwas wie regelmäßige Schießprüfungen – sprich müssen Jäger regelmäßig den sicheren Umgang mit Schusswaffen in der Praxis nachweisen und wer überwacht das?

Zum einen schreibt das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz explizit vor, dass Jäger ihre Schießfertigkeiten regelmäßig üben müssen. Sonst dürfen Sie zum Beispiel nicht mehr an Bewegungsjagden teilnehmen. Zum anderen kontrolliert das Landratsamt in unregelmäßigen Abständen, ob die Waffen korrekt aufbewahrt werden. Sonst droht der Verlust des Jagdscheins. Unabhängig davon ist aber jedem Jäger daran gelegen, gut zu schießen. Wir wollen mit Wildfleisch ein hochwertiges Lebensmittel anbieten und Tierleid so weit wie möglich verhindern. Das geht nur, wenn wir gut schießen können.

Welche Sicherheitsregeln muss ein Jäger beachten, ehe er einen Schuss abgibt?

Es gibt drei Grundregeln. Regel 1: Überprüfen, ob das Schussfeld frei ist. Es dürfen keine Menschen oder andere Tiere in der Nähe sein, die verletzt werden könnten. Außerdem dürfen keine Äste oder Zweige im Weg sein, sonst könnte das Geschoss unbeabsichtigt abgelenkt werden. Regel 2: Auf Kugelfang achten. Das heißt, der Jäger muss dafür sorgen, dass die Kugel in Richtung Boden fliegt. Die Kugel bleibt nämlich meist nicht im Wildkörper stecken, sondern durchdringt ihn. Das Geschoss soll aber, wenn es den Wildkörper verlässt, niemanden mehr verletzen. Darum sitzen Jäger häufig auf einem Hochsitz und schießen von oben nach unten. Regel 3: Das Wild genau ansprechen. Soll heißen: Vor dem Schuss muss der Jäger klar erkennen, auf was er zielt und ob das Tier unselbstständige Junge hat. Denn für alle jagdbaren Arten gilt: Elterntiere genießen höchsten Schutz. Zudem dürfen nicht alle Tierarten zu jeder Jahres- und Tageszeit erlegt werden.

Wann dürfen Wildschweine gejagt werden?

Schwarzwild ist die einzige Tierart in Baden-Württemberg, die zu jeder Tages- und Nachtzeit und mehr oder weniger ganzjährig bejagt werden darf, im März und April gelten einige Einschränkungen. Grund ist ihre massive Ausbreitung: Durch den Klimawandel und veränderte Bedingungen in der Landwirtschaft haben es die Wildschweine in den letzten 20 Jahren geschafft, sich fast in ganz Baden-Württemberg auszubreiten. Jetzt fressen sie sich in Maisfeldern satt, graben Wiesen um und drücken beim Schlafen und Rasten großflächig Getreidefelder platt. Das betrifft nicht nur die Landwirte, sondern auch uns Jäger: Wir müssen den Schaden in den meisten Fällen ersetzen.

Was ist der Unterschied zwischen Treib- und Drückjagd?

Eine Treibjagd ist laut Gesetz eine Jagd, an der mehr als 15 Personen als Treiber oder Schützen teilnehmen. Der Begriff Drückjagd kommt aus der Jagdpraxis und bezeichnet eine Treibjagd, die meistens im Wald stattfindet: Treiber und Hunde versuchen dabei, die Wildtiere durch lautes Rufen beziehungsweise Bellen aufzuscheuchen, um sie vor die Jäger zu bringen. Damit dabei niemand verletzt wird, müssen alle an der Jagd Beteiligten signalfarbene Kleidung tragen – auch die Hunde. Außerdem gibt es genau festgelegte und farbig markierte Gefahrenbereiche, in die vom Hochsitz aus nicht geschossen werden darf. Die Jagdgebiete sind für mehrere Stunden großräumig abgesperrt, so kann auch Spaziergängern, Radfahrern oder Reitern nichts passieren.

Fragen: Toni Ganter