Frau Locher, wenn jemand nach Ihrem Beruf fragt, was antworten Sie da als studierte Agrarwirtschafterin?

Ich bin Landwirtin. Der Studienabschluss nennt sich Bachelor of Science Agrarwirtschaft – ziemlich umständlich. Im Alltag verrichte ich dieselben bäuerlichen Tätigkeiten wie Ferdinand, der Landwirtschaftsmeister ist.


Und was ist man heutzutage als Bäuerin? Landwirtschaftliche Unternehmerin? Agrar-Büromanagerin?

Jeder, der das macht, managt heutzutage ein mittelständisches Unternehmen. Dazu gehören viele Büropflichten: Ich muss die Buchführung machen, Rechnungen schreiben, Impfungen der Tiere dokumentieren, aber auch Erkrankungen und Medikamentengaben. Das erfordert Kenntnisse in Tiermedizin. Ein Landwirt braucht aber auch Kenntnisse in Pflanzenphysiologie. Und ein halber Landmaschinen-Mechaniker sollte auch in ihm stecken. Ganz abgesehen davon, sollte er sein eigener PR-Manager sein und fit sein in der Mitarbeiterführung und der Lehrlingsausbildung.


Ganz schön vielseitig. Schon sehr jung, mit 20 Jahren, haben Sie den elterlichen Hof übernommen. Gab es da nie ein Zaudern?

Nein. Mein Berufswunsch stand schon seit der vierten Klasse fest, obwohl meine Eltern nie Druck in der Richtung ausgeübt haben. Für jeden Beruf braucht man Passion, und meine Passion ist die Landwirtschaft.


Viele Landwirte stehen derzeit mit dem Rücken zur Wand. Milch- und Schweinepreise sind im Keller, der Getreidepreis ebenso. In dieser schwierigen Situation haben Sie jetzt auch noch Verantwortung im Bauernverband übernommen.

Ja, weil die wenigen Landwirte, die es noch gibt, zusammenstehen und ihre Interessen gegenüber Politikern und Verbrauchern vertreten müssen. Wir müssen das Image der Landwirtschaft dringend verbessern. Dazu gehört erstens, die Verbraucher aufzuklären. Der „Tag des offenen Hofes“ ist ein guter Ansatz, aber wir müssen auch in den sozialen Netzwerken im Internet aktiv sein. Wir müssen Auskunft geben, womit und wozu wir spritzen – weil man nämlich mit Schorf in den Beständen seine Äpfel nicht vermarkten kann. Wir müssen deutlich machen, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen und unter guter fachlicher Praxis wirtschaften. Und deshalb müssen wir zweitens auch mehr für den regionalen Einkauf werben.


Die Bauern machen die Handelsriesen für den derzeitigen Preisverfall bei der Milch verantwortlich. Mal ehrlich: Haben Sie selbst noch nie beim Discounter eingekauft?

Klar gehe ich hin und wieder zum Discounter. Erst heute war ich dort. Aber ich bin erschrocken, als ich am Milchregal vorbeigekommen bin. Die haben die Preise für Käse, Milch und Butter noch weiter gesenkt. Das kauf ich dort nicht ein, die Erzeuger kommen nicht mal auf ihre Produktionskosten. Im Übrigen gibt es neben dem Preisdiktat der Handelsriesen noch eine weitere Ursache für den Preisverfall: Speziell bei der Milch bereitet der Wegfall der Quote ein Problem.


Kühe geben heute dreimal so viel Milch wie vor 60 Jahren, werden aber auch nur fünf statt 15 Jahre alt. Kritiker sprechen bereits vom „Burnout der Kühe“. Können Sie da Verbraucher verstehen, die glauben, Bauern behandeln ihre Tiere nicht gut?

Die Verbraucher befinden sich in einer schwierigen Situation. Einerseits wird ihnen in Hochglanzmagazinen ein beschauliches Landleben vorgegaukelt, andererseits sehen sie in Fernsehdokumentationen schreckliche Bilder über Massentierhaltung und eine industrialisierte Nahrungsproduktion. Wie soll man sich da ein eigenes Urteil bilden? Ich empfehle, zum Bauern zu gehen und sich vor Ort schlau zu machen. In den süddeutschen Familienbetrieben sind wir weit entfernt von Massentierhaltung. Und was die Milchkühe betrifft: Sie bringen ja nur Leistung, wenn sie gesund sind.

Ferdinand Herz: Ein krankes Tier kann auch nichts leisten. Wir investieren in das Wohlergehen der Tiere, bauen hohe Ställe mit viel Licht.

Birgit Locher: Immer mehr Betriebe achten zudem auf die Lebensleistung der Tiere und nicht darauf, was kurzfristig aus ihnen zu holen ist.
 

Sie repräsentieren eine neue Generation an Landwirten. Was will diese Generation? Mehr Work-Life-Balance? Mehr Ökologie in der Landwirtschaft?

Birgit Locher: Ein bisschen mehr Anerkennung wär‘ schon was. Mehr Freizeit brauch ich persönlich nicht, grüner muss es auch nicht werden – auch für konventionelle Landwirte gelten hohe ökologische Standards.

Ferdinand Herz: Höhere Standards machen wir gerne, dann möchten wir aber auch eine höhere Wertschöpfung haben. Wir wirtschaften gerne zum Wohl der Menschen, der Tiere und der Umwelt, aber nicht um diesen Preis.

Birgit Locher: Wenn die Bevölkerung wertschätzen soll, was wir Landwirte leisten, dann braucht es mehr Offenheit und Transparenz.

 

Zur Person

Birgit Locher studierte Agrarwirtschaft an der Fachhochschule Nürtingen. Parallel führte sie den elterlichen Hof in Unterteuringen, den sie seit 2012 übernommen hat. Das Studium hat sie im Februar abgeschlossen, im April wurde sie zur Obfrau der rund 70 Landwirte gewählt, die dem Bauernverband Oberteuringen angehören. Die 23-Jährige ist die jüngste und einzige weibliche Funktionärin im Kreisbauernverband. Schon als Jugendliche hat sie der Mückenplage im hofeigenen Schweinestall den Garaus gemacht: Beim Wettbewerb "Jugend forscht" 2012 verblüffte Birgit Locher die Juroren mit einer ökologischen Methode der Fliegenbekämpfung.

Mit zwei Mitstreiterinnen errang sie damit den Landessieg – und für ihre Tiere ein deutliches Plus an Lebensqualität: Die stressigen Plagegeister bleiben den 80 Muttersauen samt ihren Ferkeln erspart.