Noch vor wenigen Monaten hat das Landratsamt händeringend nach Mietobjekten für Flüchtlinge gesucht. Private Immobilienbesitzer wurden kontaktiert, Gebäude begutachtet, Verhandlungen über Mietverträge geführt. Doch die Zeiten ändern sich und der Landkreis bekommt immer weniger Flüchtlinge zugewiesen. Die Folge: Auslaufende Mietverträge für Gemeinschaftsunterkünfte werden teilweise nicht mehr verlängert, Verhandlungen über neue Mietobjekte zum Ärger einiger privater Immobilienbesitzer abgeblasen.

Einer von ihnen ist Gerhard Dzubiel aus Friedrichshafen. "Im April kontaktierte mich das Amt wegen meiner Gewerbeimmobilie in Oberteuringen und wollte einen Mietvertrag über mindestens zehn Jahre abschließen", berichtet der 75-Jährige im SÜDKURIER-Gespräch. Der Rentner war einverstanden, da der Mietvertrag für seine Kapitalanlage im Juli ohnehin auslief. Das Landratsamt leitete ein monatelanges Prüfverfahren ein. Architekten erarbeiteten Umbaupläne für das 1000 Quadratmeter große Gebäude, Baurechtler und Kreisbrandmeister prüften es auf Tauglichkeit. Dzubiel erhielt Unterlagen über Maßnahmenbeschreibungen per Mail. Doch kurz vor der Unterzeichnung des Mietvertrags ruderte das Landratsamt zurück – und teilte dem Rentner mit, dass man sich aufgrund "rückläufiger Flüchtlingszahlen" dazu entschlossen habe, "keine größeren Immobilien, bei denen aufwendige Baumaßnahmen notwendig seien" anzumieten. Dazu gehöre auch sein Gebäude in Oberteuringen. Für Dzubiel ist das ein Schock: "Diese Immobilie ist meine Altersabsicherung, ich habe dem Landratsamt vertraut und geglaubt, dass man sich auf die Aussagen verlassen kann."

Nun habe er Probleme ohne die geplanten Einkünfte von rund 6500 Euro monatlich seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Außerdem habe er das Gebäude bereits leer geräumt, Einbauschränke und Küche "verscherbelt". "Schadensersatz wäre schon das Mindeste", sagt er.

Das sehen die Verantwortlichen im Landratsamt Bodenseekreis anders. "Es gab keine gegenseitige Verpflichtung und es ist nicht vermittelbar, dass wir Verträge abschließen, die wir aus heutiger Sicht nicht brauchen", sagt Landratsamtsprecher Robert Schwarz. Er verstehe die Verärgerung zwar, sehe aber privatrechtlich keinen Grund, Schadensersatz zu zahlen. Die Zahlen sprechen für sich: Während im Januar noch 317 Flüchtlinge dem Landkreis zugewiesen wurden, waren es im September gerade mal noch zehn. "Wir bewerten die Lage mittlerweile im zweiwöchigen Takt neu", erklärt Schwarz. Derzeit rechne das Landratsamt mit 2000 benötigten Plätzen in Gemeinschaftsunterkünften – und die seien durch aktuelle Mietobjekte und Bauprojekte abgedeckt. "Rein rechnerisch sind noch nicht mal alle 2000 Plätze belegt", sagt Schwarz.

Die augenblicklich entspanntere Situation führt auch dazu, dass auslaufende Mietverträge nicht mehr verlängert werden. Beispiele finden sich in einigen Gemeinden im Bodenseekreis. Da wäre etwa eine Unterkunft in der Schloßstraße in Friedrichshafen, in der 33 Flüchtlinge lebten. Oder die Gemeinschaftsunterkunft in Überlingen-Höllwangen. "Im kommenden Jahr werden alle unsere 40 Standorte für Gemeinschaftsunterkünfte im Kreis genau überprüft", sagt Landratsamtsprecher Robert Schwarz, "und die nicht so guten Objekte werden abgewickelt." Ziel sei es vorrangig "eine Substanz zu schaffen, die später für den sozialen Wohnungsbau" verwendet werden könne.

Gemeinschaftsunterkünfte

In Friedrichshafen und Bermatingen entstehen derzeit zwei neue, größere Gemeinschaftsunterkünfte. Seit Oktober baut der Bodenseekreis in Bermatingen eine Gemeinschaftsunterkunft, in der ab Februar bis zu 59 Flüchtlinge unterkommen werden. In Friedrichshafen wird das ehemalige Hotel Schlossgarten umgebaut, hier sollen ab Februar/März 77 Flüchtlinge wohnen. Den Vorwurf, dass der Umbau des Hotel Schlossgartens etwas mit der Absage an Immobilienbesitzer Gerhard Dzubiel zu tun hat, weist das Landratsamt von sich. "Wir planen mit Augenmaß", erklärt Landratsamtsprecher Robert Schwarz, "und prüfen genau, ob etwas besser oder schlechter passt." (sab)