In den fast zwei Jahrzehnten, die Jürgen Kammerer im Gemeinderat von Stetten aktiv war, ist viel passiert. „Als ich angefangen habe, waren nur Männer im Gemeinderat“, erinnert sich Kammerer. Heute sitzen drei Frauen mit am Ratstisch. Zwei von ihnen hatte der Freie Wähler Jürgen Kammerer vor der letzten Wahl im Jahr 2019 sogar selbst angeworben.

Engagement für Spielplatz, Kindergarten und Turnhalle

Das Sich-Einbringen in die Stettener Gemeinde war für Jürgen Kammerer von Anfang an selbstverständlich. „Durch Vereinsmitgliedschaften und bürgerschaftliches Engagement bin ich angekommen und fühle mich hier zuhause“, erzählt er. Rund um die Erneuerung des Spielplatzes und den Bau des Kindergartens in den 80er Jahren hätten er und seine Frau Birgit sich mit engagiert, ebenso beim Turnhallen-Ausbau. Letzterer fiel schon in seine Zeit als Gemeinderat.

Bausteinaktion brachte mehr als 70.000 Euro für die Turnhalle

Es sei eine großartige Sache gewesen, wie sich die Stettener für ihre Halle eingesetzt hätten, durch Eigenleistung und auch finanziell, erinnert sich Jürgen Kammerer. Bei einer Jahresversammlung des Turn- und Sportvereins sei eine Bausteinaktion ins Leben gerufen worden. Mit dem Kauf der ersten Steine für je 1000 Euro durch Teilnehmer an der Versammlung wurde damals der Grundstein gelegt für eine Spendenaktion, die später mehr als 70.000 Euro einbrachte.

Jürgen Kammerer freut sich nach seinem Ausscheiden aus dem Stettener Rat über mehr Zeit für seine Frau Birgit, seine Kinder und Enkelkinder.
Jürgen Kammerer freut sich nach seinem Ausscheiden aus dem Stettener Rat über mehr Zeit für seine Frau Birgit, seine Kinder und Enkelkinder. | Bild: Martina Wolters

„Insbesondere der Zusammenhalt in der Bevölkerung ist für mich beeindruckend“, unterstreicht Kammerer. Danach gefragt, was ihm in seiner Ratstätigkeit besonders am Herzen lag, muss der 70-Jährige, der jetzt auf eigenen Wunsch aus dem Gremium ausgeschieden ist, nicht lange überlegen. Er habe sich immer für Vereine und alle damit zusammenhängenden Vorhaben stark machen wollen. „Ein Verein ist ein Instrument, um soziale Bindungen in der Bevölkerung aufzubauen und zu stärken“, weiß Kammerer aus mehrjähriger Tätigkeit im Vorstand des Narren- und Sportvereins.

Zwei Resolutionen zur B-31-Planung hat er entworfen

Darüber hinaus hat sich der diplomierte Mathematiker immer ausgiebig mit allen verkehrspolitischen Themen beschäftigt. In die Planung der B 31-neu hat er sich nicht nur als Ratsmitglied, sondern auch als Mitglied der Interessengemeinschaft Verkehrsplanung B31/33 Stetten eingebracht. Zwei der Resolutionen zur B-31-Planung, die Stettens Gemeinderäte verabschiedet hätten, habe er entworfen.

Froh, dass es nicht zum Kauf des Stromnetzes kam

Großes Augenmerk hat Jürgen Kammerer ferner auf die Vertragswerke insbesondere in technischen Fragestellungen gelegt. Als es 2012 darum gegangen sei, im Rahmen des Verwaltungsverbands das Stromnetz von der Energie Baden-Württemberg (EnBW) zurückzukaufen, habe er sich zunächst als einziger Rat dagegen ausgesprochen, eine Netzagentur Westlicher Bodenseekreis zu gründen. Seine berufliche Erfahrung als Geschäftsführer sei ihm dabei hilfreich gewesen. Er habe sich nicht vorstellen können, wie ein Verbund so kleiner Gemeinden und eines Stadtwerks den Betrieb und Unterhalt eines Stromnetzes mit Blick auf die Herausforderungen der Zukunft hätte sicherstellen könnte. „Wenn ich mir heute unseren Haushalt anschaue, bin ich froh, dass wir damals den Kaufpreis im mittleren sechsstelligen Bereich nicht bezahlt haben“, sagt Kammerer mit Blick auf den Stettener Haushalt, der auf Kante genäht ist.

Erste Demo in der Gemeinde gegen Mobilfunkmast

Bei seinem Rückblick fällt Kammerer auch die erste Demo in Stetten ein, die er erlebt hat, seit er vor 38 Jahren in die kleine Seegemeinde kam. Es sei darum gegangen, den Mobilfunkmast auf dem Gasthof Rebstock zu verhindern. Sogar eine Arbeitsgemeinschaft mit Vertretern aus Gemeinderat und Bürgerschaft sei gegründet und eine Bürgerversammlung einberufen worden.

Gemeinderat hat hauptsächlich mit Bauanfragen zu tun

Die Hauptarbeit eines Ratsmitglieds sieht Jürgen Kammerer im Durcharbeiten von Unterlagen. „In so einer kleinen Gemeinde ist das überschaubar“, findet er. Das Hauptaugenmerk liege auf dem Bereich Bauanfragen. Viel Entscheidungsspielraum habe die Gemeinde allerdings nicht. In den meisten Fällen seien Räte und Anfragen konform gegangen. Einen Bauantrag im Ahornweg hätten er und seine Kollegen wegen der Höhe des Gebäudes zweimal abgelehnt. Schließlich sei der Antrag aber doch vom übergeordneten Baurechtsamt genehmigt worden. Trotz derartiger Erfahrungen sagt Jürgen Kammerer, dass ihn seine Ratsarbeit nie frustriert habe. Er sieht sie als Dienst an der Allgemeinheit, den er gern anderen Bürgern ebenfalls ans Herz legen möchte.

Der Privatmensch Jürgen Kammerer

Jürgen Kammerer ist gebürtiger Ravensburger und lebt seit 1984 in Stetten. Der langjährige Betriebsleiter im Bereich Flugsicherung ist verheiratet und hat drei Töchter, einen Sohn und fünf Enkel. Im Februar 2017 ging er in Rente. Zum Jahresbeginn hat er den Gemeinderat nach 17 Jahren verlassen. Die gewonnene Zeit widmet er vor allem der Familie: Er unterstützt aktuell eine 90-jährige Tante sowie eine seiner Töchter bei deren Geschäftsgründung und hütet gern seine Enkelkinder.