Wie sieht man klarer, aus der Nähe oder mit Abstand, mit eigenen oder durch andere Augen? Antworten und Anstöße zu solchen Fragen finden sich in der facettenreichen siebten Auflage des literarischen Jahreshefts „Mauerläufer“. Das Titelthema lautet: „Der fremde Blick.“ Es entstand vor Corona, hatte erst also nichts und hat nun doch etwas damit zu tun. Zunächst beeinflusste das Virus auch beim „Mauerläufer“ die äußeren Umstände. So musste die Vorstellung der neuen Ausgabe in der Meersburg, die immer gut besucht war, ohne Publikum über die Bühne gehen.

Pandemie findet doch noch Zugang ins Heft

Aber auch inhaltlich fand die Pandemie noch Zugang ins Heft, nach kontroversen Diskussionen der Redaktion, deren Arbeit und Austausch sie ebenfalls erschwert hatte. Als Sujet etlicher der bildnerischen Kunstwerke, die wie stets einen wesentlichen Anteil ausmachen, aber auch in Form eines Textes, den die Redaktion bei Volker Demuth bestellt hatte.

Widerspruch der Redaktion zum Tagebuch über Corona

Tagebuchartig notierte Demuth zwischen dem 15. März und dem 2. Mai, wie sich Corona seiner Ansicht nach auf die Gesellschaft auswirkt. Schon die Beauftragung des Textes wie auch später dessen politische Aussage stießen in der Redaktion auf Widerspruch, wie deren Mitglied Jochen Kelter festhielt. Deshalb habe man im Anschluss auch die wichtigsten Einwände abgedruckt.

Für das Heft hatte die Redaktion Autoren aus der Region, „Fremde, Einheimische, Zugezogene, Migranten gebeten, schreibend einen neuen Blick auf unsere Regionen“, aber auch auf andere Weltgegenden zu richten, erklärte Kelter. Die Grundidee dazu lieferte der Briefroman „Lettres persanes“ (Persische Briefe) des Aufklärers Montesquieu. In diesem fiktiven Reisebericht schildern zwei Perser Freunden daheim ihre Eindrücke von Frankreich.

Über 100 Texte gingen für die aktuelle Ausgabe ein

Rund 100 Texte für den „Mauerläufer“ gingen der Redaktion zu. Die Texte von 42 Schriftstellern nahm sie ins Heft auf, ebenso die Werke von 22 Künstlern, die Grafikerin Eva Hocke bei der Buchpräsentation vorstellte. Zu Letzteren zählt auch das Titelbild, das einen schwarzen Jungen beim Damespiel mit einem weißen Mann in einem Garten zeigt. Wer sie sind, weiß man nicht. Das Bild stammt aus einem Dachbodenfund: 1993 entdeckte man in Wilhelmsdorf 350 Glasnegative des Fotografen Friedrich Pöhler, der 1909 und 1910 das Leben in Wilhelmsdorf dokumentiert hatte und dessen Werk Claudio Hils 1997 in einem Bildband herausgab.

Das Cover des siebten „Mauerläufers“: Das Titelfoto nahm der Wilhelmsdorfer Fotograf Friedrich Pöhler um 1910 auf. Es erschien zuerst im Band „Von Königskindern und anderen“, den Claudio Hils 1997 herausgab.
Das Cover des siebten „Mauerläufers“: Das Titelfoto nahm der Wilhelmsdorfer Fotograf Friedrich Pöhler um 1910 auf. Es erschien zuerst im Band „Von Königskindern und anderen“, den Claudio Hils 1997 herausgab. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Im ersten Kapitel des neuen „Mauerläufers“ schildern Fremde ihre neue Heimat. So erzählt der Serbe Sinan Gudzevic, wie einer der ersten Gastarbeiter der Schweiz daheim in Jugoslawien die Seegfrörne beschreibt und als Lügner bezeichnet wird. Das zweite Kapitel richtet den „Blick auf unbekannte Länder und Territorien“, wie Jochen Kelter sagte, das dritte Kapitel auf die eigene Heimat. Das vierte und das fünfte Kapitel versammeln thematisch ungebundene Texte. Doch auch das eigene Fremdwerden, das Katrin Seglitz in ihrem Text „Festhalten“ beschreibt, könnte laut Kelter unter das Titelthema subsumiert werden.

Bilder und Worte, die Corona streifen, sind gelb unterlegt

Den Blick auf die Pandemie überlässt die Redaktion, von Demuths Text abgesehen, den bildenden Künstlern. So sind Zeichnungen aus dem Lockdown-Skizzenbuch von Barbara Ehrmann zu sehen, die, im doppelten Wortsinn, Freiraum für eigene Interpretationen lassen. Eva Hocke, die auch dieses Heft wieder aufwendig und ansprechend gestaltete, hat alle Bilder und Worte, die Corona streifen, gelb unterlegt.

Redakteur Hanspeter Wieland hätte auf diese Färbung gern verzichtet. Er wollte Corona gar nicht im Heft haben, obwohl die Pandemie auch für die redaktionelle Arbeit eine große Herausforderung gewesen sei, wie er sagte. Aufgrund von Corona „haben wir eine Entwicklung, wo Diskussionen weniger werden“, bedauerte er.

Team konnte sich nicht treffen, sondern debattierte per Mail

Kelter bestätigte: „Wir konnten uns nicht treffen und diskutieren.“ Bei persönlichen Begegnungen werde „sonst schon mal mit harten Bandagen für oder gegen Texte gestritten“. Katrin Seglitz erhob Einspruch: Man habe per Mail über Corona diskutiert und sei der Meinung gewesen, „es beeinflusst uns so sehr, dass wir Stellung dazu nehmen sollten.“

„Das Virus hat den Kulturbereich fast komplett lahmgelegt. Uns hat man zu verstehen gegeben: Euch brauchen wir am wenigsten.“
Katrin Seglitz

Das Virus habe den Kulturbereich fast komplett lahmgelegt. „Uns hat man zu verstehen gegeben: Euch brauchen wir am wenigsten.“ Demuths Text zeige zwar, dass Äußerungen zu Corona eine gewissen Vorläufigkeit innewohne. Doch Seglitz fand, dass sich im Heft nicht nur bildende Künstler damit befassen sollten. Kelter betonte aber, es sei gut, dass die Redaktion am ursprünglichen Titelthema festgehalten habe. Denn viele Corona-Texte, die er gelesen habe, seien Schrott, nichts Endgültiges. Will heißen: Auch auf die heutige Zeit wird man vielleicht einmal mit ganz anderen Augen zurückschauen.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €