Verwandeln, entlarven, erscheinen: Das sind die Aspekte, die die Ausstellung „Das Zweite Gesicht“ behandelt, die unter freiem Himmel im Reithof des Staatsweinguts eröffnet wurde. Tatsächlich trifft der vielversprechende Titel dieser dritten Kooperationsschau, die das Land, der Bodenseekreis und die Stadt gemeinsam ausrichten, in mannigfaltiger Hinsicht zu.

Die Vernissage der Kooperationsausstellung „Das Zweite Gesicht“ des Landes, des Kreises und der Stadt Meersburg findet unter freiem Himmel im Reithof des Staatsweingutes statt.
Die Vernissage der Kooperationsausstellung „Das Zweite Gesicht“ des Landes, des Kreises und der Stadt Meersburg findet unter freiem Himmel im Reithof des Staatsweingutes statt. | Bild: Sylvia Floetemeyer

So fielen schon bei der Vernissage die Masken, da man auf Mund-Nasenschutz draußen zur Freude aller Gäste verzichten konnte. Und die Veranstaltung markierte gleich doppelt die Wiederauferstehung der Kultur. Denn sie war mit der Eröffnung des „Kultursommers am Bodensee“ verknüpft, dessen Auftakt das parallel stattfindende Jazzkonzert von „Michael T. Otto und Freunde“ machte. Ermöglicht wurde der „Kultursommer“, den der Bodenseekreis in Meersburg, Friedrichshafen und Markdorf organisiert, durch eine sechsstellige Summe aus dem Bundesprogramm „Neustart Kultur“.

Meersburger Oberstadt wird zu Museumsraum

Die Ausstellung selbst verwandelt die Meersburger Oberstadt bis zum 7. November in eine begehbare Museumslandschaft, da sie auf drei Orte aufgeteilt ist: das Neue Schloss, das dem Land gehört, die Galerie Bodenseekreis „Rotes Haus“ und das städtische Vineum Bodensee.

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Birgit Rückert von den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg, die das Land vertrat, Landrat Lothar Wölfle und Bürgermeister Robert Scherer sprachen Grußworte. Rückert ging auf das Erkennungszeichen der Ausstellung ein, einen steinernen, doppelgesichtigen Januskopf, der sich am Unteren Tor der Schlossanlage Salem befinde. Er verkörpere das zentrale Thema der Ausstellung: „Was ist die andere Seite der Medaille?“

Landrat widmet sich der Frage: Was verbergen wir?“

Wölfle sagte, die drei Teile der Ausstellung seien zwar unabhängig voneinander erarbeitet worden, widmeten sich aber gemeinsam der Frage: „Was verbergen wir?“ Er selbst sei ja auch Fasnetsnarr. Aber Masken könnten auch missbraucht werden. Er nannte als Stichwort fake news. Darum müsse man ebenso erwägen: „Wo ist denn die Grenze des Sich-Verbergens?“

Beim Aspekt „Verwandeln“ darf im Vineum die Meersburger Fasnet nicht fehlen.
Beim Aspekt „Verwandeln“ darf im Vineum die Meersburger Fasnet nicht fehlen. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Bürgermeister Scherer hob hervor, dass Meersburg nicht nur ein städtebauliches und landschaftliches Juwel sei, sondern auch eine Museumsstadt, deren großes Angebot auf engstem Raum mehr als ein tagesfüllendes Programm darstelle.

Anschließend stellten die Kuratoren jeweils den von ihnen verantworteten Part der Ausstellung vor. Das Vineum stehe im Zeichen des Verwandelns, betonte Christine Johner, Leiterin der städtischen Abteilung Kultur & Museum. Im historischen Dachstuhl schuf Gestalterin Sharonah Lüderitz, die bereits die vorangegangene 1920er-Jahre Ausstellung entworfen hatte, eine begehbare Installation. Sie greift unterschiedlichste Aspekte der Transformation, inklusive der des Betrachters, auf. Dazu zählen Kafkas „Verwandlung“, die Meersburger Fasnet sowie regionale Malerei und Kunstwerke wie der kostbare „Basler Totentanz“ aus Zizenhauser Tonfiguren.

Der fein gearbeitete „Basler Totentanz“ aus Zizenhauser Terrakotten ist eine wertvolle Leihgabe der Stadt Stockach.
Der fein gearbeitete „Basler Totentanz“ aus Zizenhauser Terrakotten ist eine wertvolle Leihgabe der Stadt Stockach. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Frühere Generationen lebten mit dem Tod

Denn die ultimative Verwandlung ist der Tod. Ganz weit öffnet ein Exponat buchstäblich die Türen zu den letzten Dingen: In einem Schrank sind die Totenmaske Fritz Mauthners sowie historische Fotos zu sehen. Sie zeigen Verstorbene, teils aufwändig aufgebahrt und sogar inszeniert. Heute, da der Tod meist ausgelagert wird in Krankenhäuser, Altenheime und Bestattungsinstitute, wirkt das auf manche Betrachter befremdlich, teils sogar schockierend. Frühere Generationen hingegen lebten mit dem Tod, er gehörte zum Alltag.

Ganz weit öffnet im Vineum dieser Schrank die Türen in die Welt der ultimativen Verwandlung: Zu sehen sind die Totenmaske Fritz Mauthners (links unten) und historische Fotos von Verstorbenen.
Ganz weit öffnet im Vineum dieser Schrank die Türen in die Welt der ultimativen Verwandlung: Zu sehen sind die Totenmaske Fritz Mauthners (links unten) und historische Fotos von Verstorbenen. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Heike Frommer, Leiterin der Kreisgalerie, betonte, deren Thema sei Entlarven – aber auch Erschaffen. Denn: „Ohne das eine ist das andere nicht möglich.“ Sie hob auch hervor: „Ein zweites Gesicht ist ohne ein Erstes gar nicht denkbar.“ Eine Auswahl unterschiedlichster Werke von Künstlern aus der Region illustriert, wie groß die Bandbreite des Sujets ist. Sie reicht von spielerischer Selbstbespiegelung mit Hilfe der Videoinstallation „Das große Flattern“ von Markus Brenner bis hin zu den Abgründen menschlicher Existenz, wie sie sich in Otto Dix‘ Grafikzyklus „Der Krieg“ auftun.

Dank Markus Brenners Videoinstallation im Roten Haus kann sich jede Besucherin, wie hier Eva-Maria Schick, in einen Schmetterling verwandeln.
Dank Markus Brenners Videoinstallation im Roten Haus kann sich jede Besucherin, wie hier Eva-Maria Schick, in einen Schmetterling verwandeln. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Der Konstanzer Künstler Brenner, der 2016 in der Kreisgalerie bereits mit seinen bekleideten Fischen seine Kreativität zur Schau stellte, fesselte und faszinierte die Eröffnungsgäste mit seiner Mitmach-Videoinstallation, die speziell für diese Ausstellung entstand. Erst gingen die Besucher ihm buchstäblich ins digitale Netz, dann durften sie sich in virtuelle Schmetterlinge verwandeln und waren von ihren Metamorphosen völlig verzaubert.

(Schein-)Welt der Kunst- und Kultfiguren

„So tun als ob“, das ist auch ein Kernthema des dritten Ausstellungsteils „Erscheinen“ im Neuen Schloss, den Ralf Michael Fischer, Leiter des Museums Langenargen, verantwortet. In vier Räumen wird die (Schein-)Welt der Stars und Sternchen, Kunst- und Kultfiguren von der Stummfilmzeit bis zu den sozialen Medien beleuchtet. Unter anderem dienen dazu Ausschnitte aus Stummfilmen, Plakate, Plattencover, Playboy-Ausgaben aus den 1980ern und Pappkameraden: So lauert hinter einer Tür Darth Vader, der Bösewicht aus „Krieg der Sterne“ und quasi der Inbegriff der maskierten, mehrfach gebrochenen Persönlichkeit.

Hinter einer Tür im Neuen Schloss lauert Pappkamerad Darth Vader, die Überfigur der maskierten, mehrfach gebrochenen Persönlichkeit.
Hinter einer Tür im Neuen Schloss lauert Pappkamerad Darth Vader, die Überfigur der maskierten, mehrfach gebrochenen Persönlichkeit. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Inszenierung und Selbstinszenierung sind die roten Fäden, die sich durch diese Präsentation ziehen, die Fischer selbstironisch auch als „Gemischtwarenladen“ bezeichnete. Landrat Wölfle gefiel dieser Begriff, selbst wenn er etwas abfällig klinge. „Denn in einem Gemischtwarenladen entdeckt man immer wieder etwas Neues.“

Weitere Eindrücke aus der Ausstellung

Jede Menge Larven und Entlarvendes bietet die Schau in der Kreisgalerie im Roten Haus.
Jede Menge Larven und Entlarvendes bietet die Schau in der Kreisgalerie im Roten Haus. | Bild: Sylvia Floetemeyer
Ebenso gekonnte wie irritierende Selbsdarstellung mit Dopplungseffekt: Gemälde von Sigrun C. Schleheck im Roten Haus.
Ebenso gekonnte wie irritierende Selbsdarstellung mit Dopplungseffekt: Gemälde von Sigrun C. Schleheck im Roten Haus. | Bild: Sylvia Floetemeyer
Film-Equiment, wie diese historische Kamera, rundet das Austellungssegment im Schloss ab.
Film-Equiment, wie diese historische Kamera, rundet das Austellungssegment im Schloss ab. | Bild: Sylvia Floetemeyer
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