Die Nacht des offenen Denkmals, die zugleich die landesweite Eröffnungsveranstaltung zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag war, zog bei schönstem Spätsommerwetter zahlreiche Besucher in die Meersburger Altstadt. Bis Mitternacht konnten sie 30 Denkmale besichtigen und 170 Angebote wahrnehmen. Beim Festakt auf dem Schlossplatz und der anschließenden Gesprächsrunde, die SÜDKURIER-Kulturchef Johannes Bruggaier leitete, stand das Thema Denkmalschutz und Stadtentwicklung im Fokus. Ein Fazit: Die Kommunen sind dabei auf die Unterstützung des Landes angewiesen.

Nicole Razavi, baden-württembergische Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, beendete ihre Denkmalreise in Meersburg und spricht dort bei der Denkmalnacht.
Nicole Razavi, baden-württembergische Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, beendete ihre Denkmalreise in Meersburg und spricht dort bei der Denkmalnacht. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Der Schwerpunkt „Wohnen in und mit einem Kulturdenkmal“ hatte bereits die viertägige Denkmalreise von Nicole Razavi (CDU) bestimmt, die die baden-württembergische Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen als Schluss- und Höhepunkt nach Meersburg führte. Hier zähle Wohnen und Arbeiten in Kulturdenkmalen schon zum Lebensgefühl vieler Einwohner, so Razavi. Sie betonte: „Da können wir noch mehr tun, weil wir die Eigentümer nicht allein lassen dürfen mit Fluch und Segen eines Denkmals.“ Sie sehe es als eine ihrer Aufgaben, Gemeinden und Bürger für das Thema zu interessieren und sie zu unterstützen. Es gebe noch viele Möglichkeiten, wie man Wohnen und das Erhalten von Denkmalen stärker verbinden könne. „Das ist auch Nachhaltigkeit in Bestform.“ Razavi unterstrich, sie wolle mit ihrem neuen Ressort die Schaffung von mehr und bezahlbarem Wohnraum ins Zentrum rücken. Sie versicherte: „Wir wollen den Menschen nicht vorschreiben, wo und wie sie wohnen sollen.“

Claus Wolf, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege, betonte, es handle sich „um das wichtigste Wochenende im Kalender der Denkmalpflege in Baden-Württemberg“ – die im Land Verfassungsrang habe. Nachhaltiger als in einem Denkmal könne man nicht leben, so Wolf ferner. Über die Jahrhunderte hochgerechnet, habe es „eine Energiebilanz, die kein 0-Energiehaus auch nur annähernd erreichen kann“. Für diese Worte gab‘s Beifall auf dem Schlossplatz.

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Veranstaltung zeigt das wirkliche, das echte Meersburg

Bürgermeister Robert Scherer hatte in seiner Begrüßung daran erinnert, dass dort an diesem Wochenende eigentlich das Bodensee-Weinfest stattfinden würde, das wegen Corona allerdings abermals abgesagt worden war. Umso bedeutender sei „diese große Denkmal-Veranstaltung in dieser Zeit“. Im Gegensatz zu anderen Events zeige sie „das wirkliche, das echte Meersburg. Das der Menschen, die hier täglich leben und ihre Stadt aktiv gestalten.“

Über die Vereinbarkeit von Denkmalschutz und Stadtentwicklung diskutierten (von links): Barbara Neumann-Landwehr, Leiterin der Stadtplanungsamtes Tübingen, Meersburgs Bürgermeister Robert Scherer, Moderator Johannes Bruggaier, Kulturchef des SÜDKURIER, die preisgekrönte Überlinger Architektin Corinna Wagner sowie Martin Hahn, Referatsleiter Inventarisation beim Landesamt für Denkmalpflege Stuttgart.
Über die Vereinbarkeit von Denkmalschutz und Stadtentwicklung diskutierten (von links): Barbara Neumann-Landwehr, Leiterin der Stadtplanungsamtes Tübingen, Meersburgs Bürgermeister Robert Scherer, Moderator Johannes Bruggaier, Kulturchef des SÜDKURIER, die preisgekrönte Überlinger Architektin Corinna Wagner sowie Martin Hahn, Referatsleiter Inventarisation beim Landesamt für Denkmalpflege Stuttgart. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Doch wie funktioniert Stadtentwicklung mit Verantwortung in einer historischen Stadt wie Meersburg, deren Gesamtanlage bereits 1954 unter Denkmalschutz gestellt worden war, als „Erste ihrer Art“? Unter diesem Titel diskutierten darüber im Anschluss Bürgermeister Robert Scherer, Barbara Neumann-Landwehr, Leiterin der Stadtplanungsamtes Tübingen, die für Denkmalsanierungen mehrfach preisgekrönte Überlinger Architektin Corinna Wagner sowie Martin Hahn, Referatsleiter Inventarisation beim Landesamt für Denkmalpflege Stuttgart.

Prädikat Gesamtanlage als Käseglocke?

Moderator Bruggaier hakte nach, wie man die Ansprüche des Denkmalschutzes und moderner Bürger unter einen Hut bringen könne. Neumann-Landwehr räumte ein, das sei nicht einfach. Wenn am Ende sowohl der Denkmalschutz als auch Bürger „nicht ganz zufrieden sind dann haben wir wohl gut abgewogen“, meinte sie lächelnd über die Arbeit ihres Amtes. Dessen Aufgabe sei aber ebenfalls, eine Altstadt auch für junge Familien funktionell zu machen. Hahn meinte auf Bruggaiers Frage, ob man mit dem Prädikat Gesamtanlage nicht eine Käseglocke überstülpe, dass Letztere eigentlich was Tolles sei, weil unter ihr der Käse reife. Die 116 Gesamtanlagen in Baden-Württemberg seien ein Schatz, das müsse man vermitteln. Aber insgesamt sei im Land nur ein Bruchteil aller Gebäude geschützt. „Das muss man hinkriegen.“

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Architektin Wagner sagte auf Nachfrage Bruggaiers, es gebe keinen Schlüssel, der für alle Eigentümer passe. Aber man verfüge über ein „Schatzkästlein“ an Argumenten, zu denen etwa Zuschüsse oder Steuererleichterungen zählten. Sie würde sich vom Land zudem etwa ein Budget für Machbarkeitsstudien wünschen. Es komme aber auch vor, dass ein Denkmal nicht zum Eigentümer passe. Wagner pflichtete Bruggaier bei, dass manchmal moderne Vorstellungen mit denkmalpflegerischen Auflagen kollidierten. „Alles um uns wird immer glatter, perfekter. Ein Denkmal hat seinen ganz eigenen Charme. Warum muss alles so glatt sein? Wir Menschen sind‘s ja auch nicht.“ Dafür erhielt sie Applaus.

„Warum muss alles so glatt sein? Wir Menschen sind‘s ja auch nicht.“
Corinna Wagner, Architektin

Bürgermeister Scherer bejahte Bruggaiers Frage, dass ihn der Spagat zwischen Denkmalschutz und Anforderungen wie moderne Infrastruktur, Energiewende und Barrierefreiheit durchaus ins Schwitzen brächten. Aber: „Wir versuchen, das zu kombinieren.“ Man gehe dabei Schritt für Schritt vor. Scherer nannte als Beispiele etwa den Breitbandausbau und das neue Parkhaus und: „Wir wollen, wenn es geht, die Altstadt mit Seewärme versorgen.“ Insgesamt meinte er: „Es geht, man muss nur wollen. Aber wir sind eine kleine Stadt und ohne Land geht‘s nicht.“

Meersburgs Bürgermeister Robert Scherer begrüßte auf dem Schlossplatz die Gäste.
Meersburgs Bürgermeister Robert Scherer begrüßte auf dem Schlossplatz die Gäste. | Bild: Sylvia Floetemeyer