Ein Kapitel im Buch ist Frieda Meier gewidmet. Sie war die erste Berufsfischerin am Bodensee und Werbeikone für den Heimatfilm „Die Fischerin vom Bodensee“. Das Postkartenfoto von 1953 – mit nachträglich einmontiertem Alpenpanorama – für das die junge Fischerin zu diesem Zweck Modell stand, ziert auch das Cover von Soppas Buch.

Doch Meiers harter Alltag hatte nichts mit dem kitschigen Heimatfilm gemein. Der älteste Bruder fiel im Krieg, der zweite war aufgrund einer Hirnhautentzündung behindert. Und so nahm ihr Vater, der Fischer Bernhard Messmer aus Konstanz-Egg, sein jüngstes Kind Frieda, seit sie 15 Jahre alt war, mit auf den See. Sie wurde Berufsfischerin und erwarb auch das Bodensee-Schifferpatent.

Den männlichen Kollegen stand Frieda Meier in nichts nach. Die Fischerei führte sie auch nach dem Tod ihres Vaters weiter. Sie kaufte sich zwei neue leichte Perlonnetze für je 1000 Mark, die es ihr ermöglichten, auch allein zu fischen. Doch nachdem sie ihr gestohlen wurden, musste sie 1958 die Fischerei ganz aufgeben. Sie arbeitete dann als Näherin und ruderte nur noch ab und zu privat über den See, wie sie bei der Lesung erzählte. Unterkriegen ließ Meier sich genauso wenig wie die 44 anderen von Soppa beschriebenen Frauen aus den See-Anrainerstaaten Deutschland, Österreich und Schweiz, die sich in einer von Männern dominierten Welt durchsetzten.

Sechs Lebensbilder las Soppa bei der Buchpremiere vor: Frieda Meier, Elisabeth von Plotho, Brida von Landenberg, Martina Hälg-Stamm, Dora Labhart-Roeder, Clara von Bodman. Von Plotho war das Vorbild für Fontanes Effi Briest. Ihr Mann Armand Léon von Ardenne erschoss 1886 bei einem Duell Elisabeths Liebhaber und trennte sich von ihr. Doch anders als die tragische Romangestalt stirbt Elisabeth nicht jung an gebrochenem Herzen sondern, nach einem ereignisreichen Leben, 1952 mit 98 Jahren in Lindau.

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Brida von Landenberg musste sich im 15. Jahrhundert als Witwe in den Appenzellerkriegen zwischen den verfeindeten Parteien behaupten. Auf sie war Soppa während der Recherchen für ihren Roman „Der große Muntprat“ gestoßen, dessen Schwiegermutter Brida war. Martina Hälg-Stamm (1914 bis 2011) war eine frühe Thurgauer Politikerin und ab 1972 erste – und fast drei Jahre lang einzige – Kantonsrätin unter 129 Ratsherren. Unter anderem setzte sie durch, dass männliche und weibliche kantonale Angestellte den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit erhielten.

Auch ihre Landsfrau Dora Labhart-Roeder (1897 bis 1992) war lange Zeit einmalig: als erste – und bis in die 1950er Jahre – einzige Anwältin im Kanton Thurgau. Clara von Bodman (1890 bis 1982) betitelte Soppa als „Geduldige Dichtergattin“. Das hört sich nach klassischer „Frau an seiner Seite“ an. Doch weit gefehlt. Clara ertrug nicht nur die Schrullen ihres Dichtergemahls Emanuel von Bodman, sondern war eine rührige Netzwerkerin, verwaltete nach Emanuels Tod sein Vermächtnis und sorgte etwa dafür, dass im Reclam-Verlag eine zehnbändige Ausgabe seiner Werke erschien.

Soppa fiel während ihrer Vorträge auf: „Diese ganzen Damen sind sehr, sehr alt geworden.“ Spontan kommentierte die 86-jährigen Frieda Meier: „Da habe ich auch gute Aussichten.“ Soppa erklärte das Geheimnis dieser Vitalität so: „Jede hatte ihr Ziel und ihre Vision, das ist vielleicht der Schlüssel zu einem erfüllten Leben.“

Michael Dörr, Vorsitzender des Kulturvereins, bedankte sich bei Soppa unter anderem mit dem Jahreskalender 2022 des Vereins und meinte zum Abschluss: „Ich denke, die Frauen haben es heute ein bisschen leichter.“ Zwischenruf von Frieda Meier: „Nicht immer!“