"Sommersonnenrausch" heißt das erste Gastspiel von Noltes' Theater aus Überlingen im Augustinum Meersburg. Der Titel hält, was er verspricht und straft somit Heinrich Heine Lügen, der einst gelästert hatte, der deutsche Sommer sei eher ein grünangestrichener Winter: Bei wunderschönem Wetter im Freien, unter Platanen, bieten die famose Sängerin und Schauspielerin Birgit Nolte-Michel und Michael Lauenstein, der sie am Klavier, mit dem Akkordeon und der Gitarre begleitet, ein Programm aus Jazz, Blues und Poesie, das die rund 160 Zuhörer begeistert. Richard Rheindorf, der Direktor des Wohnstifts, kündigt an, der Auftritt sei der Start einer längerfristigen Kooperation mit dem privaten Kleinkunsttheater aus Überlingen. Der gelungene Auftakt dürfte dafür die beste Werbung sein.

In einer eleganten Mischung von Liedern und Texten deklinieren Nolte-Michel und Lauenstein das Thema Sommer leicht und beschwingt durch, großteils mit bekannten Melodien, aber neu interpretiert, sowie Textauszügen und Gedichten, die sich erfrischend vom allseits Bekannten abheben, was sonst unterm Stichwort Sommer zum Besten gegeben wird. Die Auswahl an Schriftstellern, die den Sommer nicht nur preisen, reicht von Seneca über Detlev von Liliencron und Thomas Mann bis hin zu Ephraim Kishon, Peter Handke und Ingeborg Bachmann.

Natürlich dürfen Song-Klassiker wie Gershwins "Summertime" nicht fehlen, mit dem Nolte-Michel lasziv loslegt und dabei an eine Katze erinnert, die sich geschmeidig in der Wärme räkelt. Doch die Katze kann auch ganz schön fauchen, wenn ihr die Hitze so arg wird, dass es sogar zum Schmusen zu heiß ist, so in "It's too darn hot", das einst Ella Fitzgerald sang und hinter der sich Nolte-Michel nicht verstecken muss. Jazz und Blues liegen ihr besonders im Blut. Doch sie brilliert auch mit Chansons wie "Hotel Normandy" von Patricia Kaas und sie kann auch Schlager. Das beweist sie, indem sie die "Capri-Fischer" anstimmt und das Publikum animiert, zumindest den Refrain mitzusingen: "Bella, bella Marie". Bekannt wurde das Lied Anfang der Italien-Reisewelle zu Beginn der 1950-er Jahre, doch geschrieben hat es Gerhard Winkler bereits 1943. Damals durfte es allerdings im deutschen Radio nicht gespielt werden, da die US-Armee bereits auf Capri gelandet war.

Davon ist an diesem lauen Abend natürlich nicht die Rede. Aber unter die Strand-Idylle mischt Nolte-Michel durchaus auch Abgründiges, etwa eine maliziöse Kurzgeschichte von Gabriele Wohmann. Drei Frauen liegen am Strand und beobachten träge den Nachwuchs, die eine zählt statt vier Kindern nur noch drei. Denn das Jüngste liegt, von der Spielkameradin verbuddelt, unterm Sand und die kleine Übeltäterin wartet nun auf die Flut.

Ja, der Sommer hat auch seine dunklen Seiten. Thomas Mann, dessen Protagonisten in "Mario und der Zauberer" über das südliche Klima stöhnen, litt selbst im kalifornischen Exil unter dem Endlosschönwetter. Doch die Sonnenanbeter sind in Literatur und Musik deutlich in der Überzahl und bejubeln den "bright sunshiny day", "blue skies" und "the sunny side of the street". "Here comes the sun", freuten sich einst die Beatles. Birgit Nolte-Michels Version klingt viel temperamentvoller. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Pilzköpfe aus Liverpool stammten und dort die Sonne nur selten so schön strahlt wie an diesem Abend in Meersburg.


Weitere Infos finden Sie unter: www.noltes.biz sowie www.augustinum.de/meersburg

 

Noltes' Theater

Das Ehepaar Birgit Nolte-Michel und Oliver Nolte betreibt seit März 2014 in einem alten Überlinger Gewölbekeller eine private Kleinkunstbühne. Zuvor leiteten sie zehn Jahre lang das "Theater im Saustall" in Weinstadt-Strümpfelbach. Der gebürtige Düsseldorfer und die Hamburgerin lernten sich in einer kleinen Schauspielschule in Balingen kennen. Die Schauspielerei liegt Oliver Nolte im Blut, seine Eltern hatten in Düsseldorf ein Boulevard-Theater. Birgit Nolte-Michel studierte an der Musikhochschule Stuttgart Gesang und Sprecherziehung. Musikalisch begleitet werden Noltes von Multitalent Michael Lauenstein, der auch an der Musikschule Empfingen unterrichtet.

Der Abend "Sommersonnenrausch" bildete den Auftakt einer Kooperation mit dem Wohnstift Augustinum in Meersburg, wo jährlich mindestens zwei Gastspiele stattfinden sollen. Als nächstes werden Noltes dort am 11. und 12. November mit dem "Jedermann" auf der Bühne stehen. Die Idee für die kulturelle Zusammenarbeit hatte die frühere Augustinum-Direktorin Sylvia Kruse-Baiker, ihr Nachfolger Richard Rheindorf griff sie gerne auf und zeigte sich nun von der Auftaktveranstaltung begeistert. Diese war mit 160 Besuchern fast ausverkauft, wobei 50 Tickets an Bewohner und 110 Tickets an externe Besucher verkauft wurden. Mit interessanten Kulturangeboten auch die Bevölkerung anzuziehen, liege ganz im Sinne des Augustinums, so dessen Kulturreferentin Kirsten Franke.