Die ‘68er sind bei ihrem Marsch durch die Institutionen im Spiegelsaal des Neuen Schlosses angekommen. Entsprechende Anspielungen konnten sich bei der Eröffnung der Ausstellung „Protest in der Provinz“ weder der Überlinger Alt-Revoluzzer Alexander Plappert noch Landrat Lothar Wölfle verkneifen. Die Schau über die Jugend- und Studentenrevolte von 1968 entstand – wie zuvor bereits ein Projekt zum Ersten Weltkrieg – in Zusammenarbeit mit der französischen Region Touraine. Und so spricht, neben Wölfle, auch Anne Debal-Morche von den Archives Départementales d’Indre-et-Loire in Tours ein Grußwort.

Der 75-jährige Claus Schleheck, der die 1968er-Bewegung selbst miterlebte, erzählt davon der 38-jährigen Petra Mayer in der Ausstellung, die in der Kreisgalerie "Rotes Haus" in Meersburg zu sehen ist.
Der 75-jährige Claus Schleheck, der die 1968er-Bewegung selbst miterlebte, erzählt davon der 38-jährigen Petra Mayer in der Ausstellung, die in der Kreisgalerie "Rotes Haus" in Meersburg zu sehen ist. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Die meisten der Besucher, die im übervollen Spiegelsaal sitzen oder stehen, dürften vom Alter her die ‘68er-Bewegung selbst erlebt haben. Darunter sind Zeitzeugen wie die Schriftsteller Manfred Bosch, Jochen Kelter und Hanspeter Wieland. Oder auch Thomas Weber und Plappert, die sich damals als Gymnasiasten in Überlingen gegen Kruzifixe im Klassenzimmer auflehnten und auf der Hofstatt demonstrierten. Plappert sitzt an diesem Abend am Schlagzeug der Band „Bobo’s Blues Boyz“. Sie begleitet die Eröffnung musikalisch mit Blues und Rock aus den 1960ern und Markus Schweizer aus Tettnang spielt und singt Außenseitern gewidmete Chansons von Georges Brassens und Georges Moustaki.

Die Installation in der Ausstellung erinnert an den Protestzug Konstanzer Studenten nach dem Tod von Benno Ohnesorg, den ein Berliner Polizist 1967 am Rande einer Demonstration gegen den Schah von Persien erschossen hatte.
Die Installation in der Ausstellung erinnert an den Protestzug Konstanzer Studenten nach dem Tod von Benno Ohnesorg, den ein Berliner Polizist 1967 am Rande einer Demonstration gegen den Schah von Persien erschossen hatte. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Wieland trägt eine gelbe Weste, worauf Stefan Feucht, Leiter des Kreiskulturamtes, der in die Ausstellung einführt, hinweist. Wieland steht kurz auf und meint: „In aller Bescheidenheit: Die Herrschenden sind noch immer dieselben.“ Feucht retourniert: „Die, die protestieren, auch.“

Doch, wer meint, die Rollen seien beim Thema 1968 klar verteilt, den belehrt allein schon der Fokus der Schau eines Besseren: Bewusst richtet sie den Blick auf die Provinz, abseits der bekannten Protestmetropolen Paris, Berlin und München, und zeigt, dass die Studenten- und Jugendproteste etwa auch in Oberschwaben, am Bodensee und im französischen Tours Widerhall fanden.

Differenzierte Darstellung nötig

Linksradikale Studenten gegen erzkonservative Bürger – dieser oft beschworene Gegensatz greift zu kurz. Man könne die ‘68er-Bewegung nur vor dem zeithistorischen Hintergrund nach dem Zweiten Weltkrieg verstehen, sagt Feucht. Damals entstand eine neue Wohlstandsgesellschaft, deren Entscheidungsträger aber zum großen Teil noch die Autoritäts- und Moralvorstellungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertraten. Das führte, so Feucht, zur Etablierung einer neuen Linken, die sich nun an Vorbildern aus der Dritten Welt orientierte, sowie, in Deutschland, zu einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Doch gesellschaftliche Missstände und politische Entwicklungen wie die Notstandsgesetze, die die Befugnisse des Staates in „Krisenzeiten“ ausweiteten und ein Hauptauslöser der Proteste in Deutschland waren, empörten auch viele Bürger, die zwischen den extremen Lagern standen. Das bekräftigt Besucher Max Geiger aus Meersburg, auch wenn er damals nicht demonstriert habe. Denn: „Ich war schon Banker“, und sein Arbeitsgeber hätte das sicher nicht gern gesehen.

Protestaktionen in der Region

Tatsächlich, so das im Katalog festgehaltene Fazit der Ausstellung, sei die Protestbewegung von 1968 sowohl in Deutschland als auch Frankreich, wo es immerhin kurzzeitig einen Schulterschluss zwischen Gewerkschaften und Studenten gegeben hatte, „politisch gescheitert, aber kulturell erfolgreich gewesen.“ Und sie hinterließ ihre Spuren auch in der Provinz, selbst wenn viele, vor allem jüngere Besucher, davon erst dank der Schau erfahren dürften. So etwa, dass in Konstanz am 29. Mai 68 aus Protest gegen die Notstandsgesetze ein „symbolischer Emigrationszug“ in die Schweiz stattfand. Oder dass Protestierende in Biberach den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger bei einem Wahlkampfauftritt am 22. April 68 so aus der Fassung brachten, dass er rief, sie seien der Beweis, dass es diese Gesetze brauche. Oder dass die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg auch Radolfzeller Schüler mobilisierte. Drei von ihnen, darunter der spätere Schriftsteller Manfred Bosch, hängten im Eingang des Gymnasiums ein Plakat auf: „Demokratie oder Polizeistaat“, und in Konstanz veranstalteten Studenten einen Protestzug durch die Stadt, bei dem sie einen symbolischen Sarg mit der Aufschrift „Ohnesorg“ mitführten. Bewegte Monate – auch in der Provinz.