Wie ein Atemholen nimmt die erste Geige den Auftakt, ehe die vier die Weiten des ersten Satzes erkunden. Sie kosten Akzente und Synkopen aus und wenden die Anfangsmelodie ins Dunkle. Dem dunkelschönen Lied des zweiten Satzes stellen sie raue Akkorde gegenüber. Munter murmelnd rast das Allegro vorbei, ehe die Geigen sich im Presto in übermütige Triolen stürzen, von Bratsche und Cello mit Furore beantwortet.

Das Ensemble Modern widmet sich seit seiner Gründung 1980 der zeitgenössischen Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. An diesem Abend machen sie eine Ausnahme. Das ist kein Zufall: das Quartett entstand 1800, auf der Schwelle von der Klassik zur Romantik. Trotz der Verneigung vor Mozart und Haydn weist Beethoven mit heftigen Sforzati, gewagten Modulationen und kernigen Rhythmen nach vorn.

Gleichzeitig und gleichfalls zwischen den Welten bewegte sich Johann Christian Friedrich Hölderlin, einer der bedeutendsten deutschen Lyriker. In hymnischer Sprache und exaktem Versmaß besang er die großen Fragen des Lebens. Mit der Reihe "Hölderlin lesen" versucht Komponist Hans Zender nicht, Worte zu vertonen.

"Das verbietet sich bei einem Autor wie Hölderlin, der so messerscharf und sprachgewaltig formuliert", sagt Zender, der zum Konzertgespräch nach Meersburg gekommen ist. Das interdisziplinäre Projekt hat sich zwei Tage dem Werk gewidmet und endet mit dem Konzert im Vineum.

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Dem Stück "Ein Wandersmann... zornig" liegen Hölderlin-Fragmente zugrunde. In den Dialog mit der Sprache tritt das Akkordeon, dem Teodore Anzelloti Töne zwischen Einatmen, Aufflackern und brausender Orgel entlockt. "Wo das Streichquartett die bürgerliche Musikkultur repräsentiert, steht das Akkordeon für das Volkstümliche. Hölderlin war ja auch Revolutionär", sagt Zender.

Am Ende des Konzerts bitten die Mitglieder des Ensembles Moderne den Komponisten Hans Zender nach vorn.
Am Ende des Konzerts bitten die Mitglieder des Ensembles Moderne den Komponisten Hans Zender nach vorn. | Bild: Corinna Raupach

Es hat das erste Wort: Elegische Dissonanzen steigern sich zu zuckendem Protest und nehmen die Klage des Dichters vorweg. Plötzlich fällt das Wort in gesprochener Form ein. "Vormals – vormals richtete Gott – vormals richtete Gott – richtete Könige – Könige – Weise. Wer richtet denn – wer richtet denn itzt?", deklamiert Stimmsolistin Salome Kammer. Ein eigener Rhythmus entsteht, der in verzweifeltem Stottern bricht. Wenn es um die Gottheit geht, versagen Dichter und Komponist die bewährten Mittel.

Das Gegengewicht zu Ausschnitten aus Hölderlins Hymne "Patmos" bildet in "Denn Wiederkommen. Hölderlin lesen III" ein Streichquartett: Gespenstisch flirren Flageoletts, komplett tonlos fauchen Instrumente, Bögen streichen mit dem Holzrücken oder auf dem Steg. Am Ende einen sich überraschend Wort und Musik: "Schroff abbrechend" ruft Kammer zu scharfen Streichertönen – plötzlich herrscht Stille.