Zwei Jahre nacheinander hat die rührige Marianne Ludwig ihre Mitschüler des Meersburger Volksschuljahrgangs 1936/37 schon zum Klassentreffen gerufen. Im Jahr 2016 und 2017 konnten die ehemaligen Klassenkameraden jeweils ihr 80. Lebensjahr vollenden. In diesem Jahr erinnerte das Treffen an die Einschulung im Jahr 1943, sagte Marianne Ludwig. Das war vor 75 Jahren, was das erneute Wiedersehen zu einem Jubiläum machte. War bisher immer der Aussichtspunkt Känzele neben den damaligen Schulräumen am Reithof als Auftakt zum Treffen gewählt worden, so ging es diesmal in den Westen der Stadt. Die einstigen Volksschüler trafen sich am großflächigen Dr.-Karl-Moll-Platz, der unterhalb der Kirche und der B 33 einen ähnlich aussichtsreichen Blick wie vom Känzele bietet, sogar auf mehr: auf die Meersburg, den Bodensee, die Unterstadt und die Steigstraße.

Die ehemaligen Meersburger Volksschülerinnen (von links): Renate Burkhardt, Annette Asmus, Christel Marschall, Christel Stertz und Marianne Ludwig.
Die ehemaligen Meersburger Volksschülerinnen (von links): Renate Burkhardt, Annette Asmus, Christel Marschall, Christel Stertz und Marianne Ludwig. | Bild: Theo Wieland

Der Platz ist dem ehemaligen Meersburger Bürgermeister Karl Moll gewidmet, der von 1919 bis 1936 Rathauschef war. An diesem Platz vor markanter Kulisse wurde der 36/37er-Schuljahrgang mit sonorer Musik vom Bodensee-Alphorntrio, bestehend aus Dirk Bühler, Walter Ruf und Peter Tolksdorf, und einem Aperitif aus Meersburger Rebengewächs begrüßt.

40 Kinder wurden am 1. September 1943 mitten im Krieg eingeschult. Und es wurden immer mehr: während des Krieges durch Evakuierungen aus großen Städten, danach durch Flucht und Vertreibung. 30 von den bis zu 60 Schülern in der Zwei-Jahrgangsklasse, aber auch die Ehepartner bereits verstorbener Mitschüler erhielten die Einladung nach Meersburg.

Erinnerung an Schülerspeisung nach dem Krieg

Die Mehrzahl nahm an dem Klassentreffen teil. Denn die Klassenkameraden halten zusammen: Einheimische, Auswanderer und die, die auf andere Schulen wechselten. Da gab es Renate Burkhardt (geborene Keller). Sie wohnte Im Sentenhardt beim "Semi". Der Weg über den Platz zur Schule und ins Klassenzimmer mit der schönen Aussicht über den Bodensee war kurz. Burkhardt lernte Schuhfachverkäuferin und zog 1961 nach Karlsruhe. Oder Franz Koch, der als Kind am Kirchplatz wohnte und heute in der deutschen Exklave Büsingen am Hochrhein lebt. Koch erinnerte sich an die Schülerspeisung nach dem Krieg mit Grießbrei und getrockneten Pflaumen, Manfred Pfau an den Rat seiner Mutter bei Fliegeralarm wegen Bomberanflugs in Richtung Friedrichshafen: "Leg dich in den Graben!"

Annette und Holger Asmus sind eigens aus New York für die Zusammenkunft angereist. Jedes Jahr zieht es sie einmal nach Meersburg.
Annette und Holger Asmus sind eigens aus New York für die Zusammenkunft angereist. Jedes Jahr zieht es sie einmal nach Meersburg. | Bild: Theo Wieland

Ganz besonders freuten sich alle, dass diesmal beide "Amerikaner" dabei waren: Annette Asmus (Beisch) aus New York und Hartmut "Harry" Kempf aus Chicago. Asmus zog es zu Beginn der 60er Jahre und Kempf schon Mitte der 50er Jahre über den Atlantik. Für beide entwickelte sich daraus eine interessante Lebensgeschichte.

Zwei wanderten in die USA aus

Annette Asmus, begleitet von ihrem aus Rendsburg stammenden Mann Holger, unterrichtete von 1962 bis in die 2000er Jahre Sport an der "Brearley School", einer Privatschule für Mädchen in dem New Yorker Stadtteil Manhattan. Bekannte Namen gehörten zu ihren Schülern: Caroline, die Tochter des 35. US-Präsidenten John F. Kennedy und dessen Frau Jacqueline Kennedy Onassis, später die Töchter von Caroline Kennedy und Ivanka Trump, Tochter des jetzigen 45. US-Präsidenten Donald Trump. Und auch eine Tochter von Rockmusiker Mick Jagger, Frontmann der Rolling Stones, war unter ihren Schülerinnen. Jedes Jahr kehrt Anette Asmus in die "traumhafte Landschaft" ihrer Heimatstadt Meersburg zurück. "Das gehört sich doch", sagte sie. Obwohl die pensionierte Lehrerin und ihr Mann in dem New Yorker Stadtteil Queens auch "mitten in einer kleinen, grünen Insel" leben. "Früher hatte ich Fernweh. Heute habe ich Heimweh", sagt Asmus.

Auch die Männer haben sich viel zu erzählen – aus der Schulzeit und von heute (von links): Horst Weller, Franz Koch und Hartmut "Harry" Kempf, der aus den USA zu Besuch kam.
Auch die Männer haben sich viel zu erzählen – aus der Schulzeit und von heute (von links): Horst Weller, Franz Koch und Hartmut "Harry" Kempf, der aus den USA zu Besuch kam. | Bild: Theo Wieland

In den USA erfolgreich sein? Das gelang auch Hartmut "Harry" Kempf. In Chicago führten er – schon mit 19 Jahren wanderte er aus und ist mittlerweile auch 80 Jahre alt – und sein Bruder Günter fast 50 Jahre lang das Restaurant "Chicago Brauhaus" in der N. Lincoln Avenue. Zur exzellenten deutschen und amerikanischen Küche gehörte für beide immer die Musik: "Harry" am Bass und Günter am Schlagzeug. Im Jahr 2000 widmete ihnen die Stadt eigens den Kempf Plaza. Kempf und seine Schwester Irmgard Möller hatten ihren ehemaligen Mitschülern viel zu erzählen. Beim Besuch der allen bekannten Seminarkapelle, zuerst zu Besinnung und Dankgebet und dann mit Erläuterungen von Marianne Ludwig, musizierte passend zum barocken Raum das Flötenduo Lisa Hafen und Sczabolcs Galanthay.

Klaus Wodtke (links) und Hartmut Kempf freuen sich über das Wiedersehen.
Klaus Wodtke (links) und Hartmut Kempf freuen sich über das Wiedersehen. | Bild: Theo Wieland