„Diese Aktion ist unser letzter Strohhalm. Wenn wir keine neuen Leute bekommen, müssen wir die Wasserrettung einstellen“, schildert Stefan Bücheler die Notsituation der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Meersburg. „Dabei sind wir technisch auf dem neuesten Stand. Wir haben ein tolles Rettungsboot und alle technischen Hilfsmittel, die unsere Tätigkeit attraktiv machen.“ Aber das beste Material nützt nichts, wenn die Leute fehlen.

Stefan Bücheler ist Einsatzleiter des Meersburger Wasserrettungsdienstes. Das sind diejenigen, die auch außerhalb der Uferzone zu Hilfe eilen, beispielsweise wenn eine Jolle gekentert ist oder ein Surfer bei Sturm nicht mehr ans Ufer kommt. Auch bei Tauchunfällen wird die DLRG gerufen. Die passieren meist vor Überlingen. „Unser Einsatzradius ist in den letzten Jahren größer geworden. Der nächste Stützpunkt nach Westen ist in Sipplingen. Wenn in Überlingen Alarm gegeben wird, fahren wir beide dorthin.“ Zwar gibt es auch eine Dependance der Sipplinger im Spetzgarter Hafen bei Goldbach. „Das wird sogar von der Schule Schloss Salem selbst finanziert, aber leider ist dieser Posten in den Ferien nicht besetzt – und da gibt es gerade die meisten Einsätze“, ergänzt Meersburgs Vorsitzender Jan Tauschinsky.

Einfach ist weder die Tätigkeit des Retters noch der Weg dahin, „aber sehr interessant“, befinden die beiden. Immerhin beansprucht die Ausbildung viele Wochenenden und ist rein ehrenamtlich. „Allerdings sind alle Fortbildungen kostenlos, darunter so attraktive Dinge wie das Bodensee-Schifferpatent, eine Funkausbildung oder die Ausbildungen zum Sanitäter und Rettungstaucher.“ Und man biete eine „sinnvolle Freizeitgestaltung für alle, die Spaß am Helfen haben“. Momentan gibt es nur sieben feste Retter. „Das ist viel zu wenig.“ Drei bis vier sollten bei einem Einsatz auf dem Boot sein, mindestens drei Schichten braucht man, um den Betrieb zu gewährleisten. Schön wäre es, wenn sich die Retteranzahl verdoppeln würde, „aber vier bis fünf Neue würden schon helfen.“ Nur durch den Einsatz von Gast-Rettern aus anderen DLRG-Bezirken, die am Bodensee Urlaub machten, konnten die Meersburger in den vergangenen Jahren den Wasserrettungsdienst gewährleisten.

Langfristig hoffen Tauschinsky und Bücheler auf den eigenen Nachwuchs. Immerhin rund 200 Jugendliche sind in der Ortsgruppe und das Modell der Jugendeinsatztruppe in Zusammenarbeit mit den Ortsgruppen Salem und Bermatingen stimmt zuversichtlich. Doch bis die soweit sind, dauert es zu lange. „Wir brauchen kurzfristig Erwachsene, die uns unterstützen. Ideal wäre es, wenn sie schon Rettungsschwimmer sind.“ Ob Frauen oder Männer, spielt dabei keine Rolle. „Hauptsache sie haben Lust mitzumachen“, betont Jan Tauschinsky und appelliert an die Öffentlichkeit: „Helft uns helfen; wir brauchen Eure Hilfe!“


Voraussetzungen

Um als Wasserretter helfen zu können, muss man gewisse Voraussetzungen erfüllen. Ein Bewerber muss mindestens 18 Jahre alt sein und das Rettungsschwimmabzeichen besitzen oder machen. Darauf aufbauend gibt es verschiedene fest definierte Fortbildungen aus den Bereichen Sanitäter, Funken und Theorie. Je nach aufgewendeter Zeit kann man nach einer Saison oder einem Jahr Einsätze mitfahren. Zusatzausbildungen als Einsatztaucher, Bootsführer und für den speziellen DLRG-Führerschein sind wünschenswert. (up)

„Der Bodensee ist ein Sonderfall“

DLRG-Landespressesprecher Hans-Peter Eckstein über besondere Herausforderungen für die Wasserretter.
DLRG-Landespressesprecher Hans-Peter Eckstein über besondere Herausforderungen für die Wasserretter.

Herr Eckstein, gibt es bei der DLRG in Baden-Württemberg Nachwuchsprobleme?

Im Vergleich zu früher gibt es überall Nachwuchssorgen; aber insgesamt sind wir sehr gut aufgestellt. Der Bodensee ist allerdings ein Sonderfall.

Was ist das Besondere hier?

Unser eigentliches Einsatzgebiet sind kleinere Seen und fließende Gewässer. Der Bodensee fällt da größenmäßig aus dem Rahmen. Eigentlich wären wir nur für den Uferbereich zuständig. Alles andere ist Aufgabe der Wasserschutzpolizei. Doch in aller Regel sind wir auch auf dem See tätig, so etwa bei Tauchunfällen oder zur Rettung von Leuten aus gekenterten Booten. Das Bergen der Boote gehört wiederum nicht zu unserem Auftrag.

Also ist der Bodensee eigentlich zu groß für die DLRG?

Es ist nicht nur die Größe. Die Rettung am Bodensee funktioniert komplett anders als im Rest der Republik, selbst im Vergleich zu Ost- oder Nordsee. Die plötzlichen Wetterwechsel, die drehenden Winde, das relativ kalte Wasser, die Uferstruktur und die Weitläufigkeit sind Probleme, die wir so nirgends sonst haben.

Wie bewältigen Sie das dann?

Zum einen müssen die Retter Sonderausbildungen durchlaufen, wenn der Einsatz mehr als drei Meter vom Ufer entfernt stattfindet, um mit diesen Bedingungen vertraut zu sein. Zum anderen sind die Einsatzkräfte am See gut vernetzt, mit der Wasserschutzpolizei, der Feuerwehr und auch international. Unser Problem ist dabei, dass alle unsere Helfer ehrenamtlich arbeiten und deshalb keine festen Arbeitszeiten haben. Ein weiteres Problem für uns als Verband ist die Finanzierung. Wir können nur die Lebensrettungen abrechnen, alles andere wird nicht ersetzt. Wir haben einen enormen logistischen Aufwand und hohe Treibstoffkosten. Unser eigener Anspruch aber ist es, in Notfällen immer da zu sein. Da können wir oft nur defizitär arbeiten. (up)