„Der Glöckner von Notre Dame“ flimmerte nach dem Brand der Pariser Kathedrale wieder über viele Bildschirme. So, wie zu Quasimodos Zeiten, der durch seine Arbeit übrigens ertaubte, werden Kirchenlocken schon lange nicht mehr geläutet. Längst haben elektrische Steuerungen und Zeitschaltuhren auch in Gotteshäuser Eingang gefunden. Doch selbst das garantiert nicht unbedingt, dass die Glocken genau dann bimmeln, wenn sie sollen. Davon konnte der katholische Stadtpfarrer Matthias Schneider bisher ein Lied singen.

Doch ab sofort kann er Glocken der Stadtpfarrkirche sowie der Friedhofskapelle dank Fernsteuerungen bequem vom Pfarrhaus aus erschallen lassen – oder auch von einem anderen Ort, wie etwa der Aussegnungshalle.

Fachmann Leo Brugger (rechts) checkt mit Pfarrer Matthias Schneider die Fernbedienung für die Glocken. Bilder: Sylvia Floetemeyer
Fachmann Leo Brugger (rechts) checkt mit Pfarrer Matthias Schneider die Fernbedienung für die Glocken. Bilder: Sylvia Floetemeyer | Bild: Sylvia Floetemeyer

Möglich wurde das dank des Einsatzes und der Spendenbereitschaft der 101 Bürger von Meersburg, an die sich Schneider mit seinem Anliegen wandte. In den Reihen der uralten, gemeinnützigen Gesellschaft finden sich Männer aus allen Lebensbereichen und Berufsgruppen, so auch der Fernsehtechniker Leo Brugger. Brugger installierte zwei Empfänger, jeweils auf dem Kirchturm und im Chorraum der Kapelle, und baute dem Pfarrer zwei Fernsteuerungen. Die Teile, die er dafür brauchte und die 837 Euro kosteten, spendierten die 101er, deren Oberpfleger derzeit Karl Brugger ist. Hinzu kommt natürlich Leo Bruggers Arbeit. Hätte man den Auftrag fremdvergeben, so wären wohl Kosten von deutlich über 2000 Euro entstanden, schätzt, auf SÜDKURIER-Nachfrage, Unterpfleger Andreas Volz.

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Mit der einen Fernbedienung, die in den Händen des Pfarrers bleibt, kann er in der Stadtkirche, die sechs Glocken hat, sowohl die Totenglocke als auch die Johannesglocke läuten, die aus dem Jahr 1675 stammt. Wichtig sei bei der Glockenauswahl gewesen, dass beim Läuten kein Uhrschlag dazwischen käme.

Mit der zweiten Funksteuerung, die in der Aussegnungshalle hinterlegt wird, kann man die größere der beiden Glocken in der Friedhofskapelle in Gang setzen. „Die Friedhofskapelle, als besonderes kulturelles und künstlerisches Kleinod, liegt den 101ern besonders am Herzen“, betont die Gesellschaft.

Kapelle kaum noch in Gebrauch

Die Kapelle war um 1450 als Siechenkapelle für die Pestkranken erbaut worden, die außerhalb der Stadtmauern leben mussten, erst 1682 entstand in der Nähe der Friedhof. Doch heute ist die Kapelle, außer an ihrem Patrozinium Maria Himmelfahrt am 15. August, kaum noch in Gebrauch. Erstens, so Pfarrer Schneider, sei sie zu klein für größere Beerdigungen, zweitens gebe es meist keine Messfeier mehr vor Bestattungen, vor allem, da die Nachfrage danach nicht mehr sehr groß sei. Trauerfeiern finden in der etwas weiter weg liegenden Aussegnungshalle statt.

Zeitschaltuhr nicht der Weisheit letzter Schluss

Zur Begleitung der Trauergäste bei ihrem Gang von der Halle zum Grab läutete man bisher von der Stadtkirche aus. Das, so der Pfarrer, „konnte man früher gut machen, weil vorher Messfeier war, und der Mesner unten in der Kirche blieb, während der Pfarrer mit den Ministranten auf den Friedhof ging.“ Später“, so Schneider, „als man immer weniger Ministranten hatte und oft der Mesner selbst mit dem Pfarrer mitging, hatte man eine Zeitschaltuhr, mithilfe derer man die Glocke einschalten konnte.“ Aber, räumt Schneider ein, „das hat natürlich beides nie so richtig funktioniert, entweder läutete es zu früh oder zu spät. Die Zeitschaltuhr ging dann mal kaputt.“

Erinnerungen an Ministrantenzeit werden wach

Solche Probleme dürften nun dank der 101er passé sein. Beim Gang durch die wunderschöne, kaum noch genutzte Friedhofskapelle erinnern sich einige von ihnen an die Zeit, als sie hier als Ministranten gedient haben. Stolz erzählt Andreas Volz, wie er, erstmals als Zwölfjähriger, die Glocke noch von Hand geläutet hat. Verschmitzt erinnern er und Bertold Wurster, Oberirtner der 101er, sich daran, dass bei ihnen als Ministranten Beerdigungen besonders beliebt waren: „Da hat jeder von uns fünf Mark bekommen.“