Auf der Meersburg verbindet sich seit rund einem Vierteljahrhundert Schriftstellergenie mit dem "genius loci", dem "Geist des Ortes". Denn seit 1993 tagt dort die vor 25 Jahren gegründete Schriftstellergruppe, die sich ab jenem Jahr Meersburger Autorenrunde nennt. "Die Meersburg beeindruckt nach wie vor", betont denn auch Volker Demuth bei der Feier des Silberjubiläums inklusive Poetry Slam und kaltem Buffet, zu dem jeder Gast etwas beisteuerte. Rund 20 Schriftsteller und Begleiter kamen. Felicitas Andresen, die den Abend mit Burgherrin Julia Naeßl-Doms organisiert hatte, stimmt zu: "Ja, hier will man immer wieder herkommen." Julia Naeßl-Doms spekuliert, vielleicht sei das der Geist Annette von Droste-Hülshoffs, worauf Oliver Gassner mit Blick auf Naeßl-Doms trocken einwirft: "Eher der Geist der gütigen Gastgeberin." Gassner ergänzt, im Hinterzimmer einer Wirtschaft hätte die Runde es wohl kaum so lange ausgehalten.

Seit deren Gründung wurden viele Seiten beschrieben und veröffentlicht sowie unzählige Gespräche und Diskussionen geführt – auch politische. Peter Renz, der von der ersten Stunde an dabei war, erinnert sich etwa an heftige Streitgespräche in den 1980ern, Jahre vor dem Mauerfall, zwischen Martin Walser und Jochen Kelter über eine Wiedervereinigung Deutschlands, die für Kelter undenkbar gewesen sei.

Zur Runde gehörten und gehören im Schnitt rund 40 Autoren, darunter etwa auch Beat Brechbühl, Werner Dürrson, Zsuzsanna Gahse, Hermann Kinder, Manfred Bosch, Peter Salomon, Monika Taubitz, Johanna Walser und viele mehr. Einige, wie Renz, sind von Anfang an und immer noch dabei. Manche, wie Dürrson, sind bereits verstorben, auch ihrer gedenkt die Festgesellschaft. Andere sind weggezogen, so Demuth, der jetzt in Berlin lebt, auch weil, wie er lächelnd meint, "meine Abwehrkräfte gegen die Lieblichkeit des Sees erschöpft sind". Immer wieder kommen neue Autoren hinzu, deshalb stellen sich an diesem Abend alle Versammelten kurz und prägnant vor. So meint Bruno Epple, mit 86 Jahren der Nestor an der Festtafel, mit feiner Selbstironie: "Ich habe den Eindruck, die Schriftsteller halten mich für einen guten Maler und die Maler für einen guten Schriftsteller." Der Begründer der Runde selbst, der heute 91-jährige Walter Neumann, konnte nicht kommen. Doch Naeßl-Doms richtet seine Grüße aus und liest einen Brief Neumanns vom 18. Dezember 1992 vor, der illustriert, wie die Autorenrunde aus der Taufe gehoben wurde.

Schließlich leitet Andresen den Höhepunkt des Abends ein, den Poetry Slam. Acht Autoren sind bereit, etwas vorzutragen. Jeder von ihnen hat dafür fünf Minuten, die mittels eines abgegriffenen, mechanischen Küchenweckers streng kontrolliert werden. Die Zuhörer können jedem Teilnehmer bis zu fünf Punkte geben. Sieger wird Epple, der sich anfangs noch über das seltsame Wort "Slamm" gewundert hat. Den ersten Platz erreicht er mit seinem hinreißenden Gedicht "Die Herren vom Bestattungsinstitut", mit dem er bei jedem Profi-Slam glänzen könnte. Zweite ist Andresen mit einem "erotischen Text", Dritte Katrin Seglitz mit drei brillanten Miniaturen.

Meersburger Autorenrunde

Die Meersburger Autorenrunde trifft sich seit 1993 regelmäßig auf der Meersburg. Ihr Grundstein wurde jedoch bereits am 22. Februar 1992 in Ludwigshafen am Bodensee gelegt. Dort, bei sich zuhause, hatte der Schriftsteller Walter Neumann zehn Kolleginnen und Kollegen versammelt. Neumann hatte zuvor in Bielefeld gelebt und gehörte dort einer aktiven Schriftstellergruppe an. So etwas wollte Neumann auch am Bodensee verwirklichen und erhielt dabei Unterstützung von Zsuzsanna Gahse, die damals in Überlingen lebte. Zu einer Freundschaftslesung für Josef W. Janker kam man dann ins Café der Meersburg. Die Idee entstand, die Treffen künftig doch immer dort abzuhalten. Burgherr Vinzenz Naeßl-Doms stimmte diesem Anliegen sofort zu. Die Autorenrunde trifft sich viermal im Jahr zum literarischen Austausch. Außerdem organisiert sie Lesungen und gab bis dato zwei Anthologien heraus, die erste 2001, die zweite dann im Jahr 2011. Auch die Literaturzeitschrift "Mauerläufer", von der bisher vier Ausgaben vorliegen, entstand aus dieser Runde heraus. Ferner ging aus ihr der öffentliche literarische Jour Fixe hervor, den der Internationale Bodensee-Club mehrmals im Jahr veranstaltet. (flo)