Schon beim Hinaufgehen zur Empore des Wein- und Kulturzentrums des Winzervereins sieht sich der Betrachter der gemalten Natur der Bodenseeregion gegenüber. Ein Blick vom Bodanrück auf die Felswände zwischen Überlingen und Sipplingen, von Litzelstetten aus auf Mainau und Alpen oder vom Lerchenberg aus auf Haltnau und Meersburg: Den Perspektiven auf die Bodenseelandschaft scheinen in Hans Dieters Gemälden keine Grenzen gesetzt. Einen großen Teil der Werke zeigt der Kulturverein im Wein- und Kulturzentrum, eine kleinere Auswahl ist im Augustinum ausgestellt.

Viele Besucher haben eine Verbindung mit der Malerei Hans Dieters oder mit seiner Person selbst.
Viele Besucher haben eine Verbindung mit der Malerei Hans Dieters oder mit seiner Person selbst. | Bild: Martina Wolters

Peter Schmidt, in seiner Doppelfunktion als Bürgermeisterstellvertreter und Laudator, charakterisiert bei der Doppel-Vernissage einen Kunstmaler, der wie kein anderer die Bodenseelandschaft und vor allem die Heimatstadt Meersburg verinnerlicht habe. "Aus den Bildern dieses Künstlers spricht der Landschaft unvergänglicher Zauber, so unverfälscht und klar", beschreibt Schmidt Malkunst und Wirken Hans Dieters. Wer stehe nicht gebannt vor den Gemälden, die mit der Schönheit der Natur zu atmen schienen. Die Rede ist von der künstlerischen Gabe, Augenblicke einzufangen, wie ein Frühlingserwachen mit lichtem Grün von Bäumen und Wiesen oder den silbrigen Glanz über dem Wasser, in dem sich eine Wolke spiegelt. Immer wieder blitzt Bodenseewasser auf in den gezeigten Bildmotiven unterschiedlichster Art. Doch eine romantisch- verklärte Bodenseeansicht sucht der Bildbetrachter laut Peter Schmidt vergeblich. Licht und Atmosphäre der Dieter'schen Malerei erzeugten bestimmte Naturstimmungen. Die aus ihr heraus sprechende Heiterkeit ist nach Ansicht Schmidts nicht aufgesetzt, sondern vielmehr der Landschaftsumgebung innewohnend.

Der Kulturvereinsvorsitzende und Initiator der Hans Dieter Ausstellung freut sich über die positive Besucherresonanz an beiden Eröffnungstagen.
Der Kulturvereinsvorsitzende und Initiator der Hans Dieter Ausstellung freut sich über die positive Besucherresonanz an beiden Eröffnungstagen. | Bild: Martina Wolters

"Niemand hat den See mit so viel Seele gemalt", schwärmt auch der Kunstvereinsvorsitzende und Initiator Michael Dörr von der Faszination der Dieter'schen Werkschau. Mehr als 30 Jahre hat der Künstler in Meersburg verbracht, 18 Jahre davon auf der Burg. Viele gemalte Ansichten der Stadt zeugen davon. Die Stadt im Frühling oder Winter, das alte Schloss, Seiltänzer in der Unterstadt oder eine Ansicht von Steigstraße und Pfarrkirche. "Ich wurde nicht fertig mit dem, was sich dort und hier allein zum Fenster herein anbot", zitiert Schmidt den Maler selbst. Der habe der ihm lieb gewordenen Stadt ein Denkmal gesetzt, unterstreicht der Laudator. Michael Dörr nennt das in seinem Vorwort zum Ausstellungskatalog "Spuren sichern" von Orten, die in den letzten Jahrzehnten einer Wohnsiedlung oder einem Industriegebiet zum Opfer gefallen seien. Kulturvereinsmitglied Diethard Nowak hat den 150-seitigen Katalog erstellt, dessen Vorderseite ein seltenes Personenmotiv aus dem Jahr 1935 ziert. Eine junge Meersburgerin in Tracht und mit Weinkrug ist darauf zu sehen, die dem Verein noch Rätsel aufgibt. Daher spendiert Winzervereinsgeschäftsführer Martin Frank eine Flasche Meersburger Wein für denjenigen Besucher, der die Identität der abgebildeten Schönen lüften kann.

Genaues Hinsehen ist gefordert bei den Landschaftsimpressionen von Hans Dieter hier im Augustinum, um die vielen Malereidetails zu entdecken.
Genaues Hinsehen ist gefordert bei den Landschaftsimpressionen von Hans Dieter hier im Augustinum, um die vielen Malereidetails zu entdecken. | Bild: Martina Wolters

Viele der Vernissagegäste haben eine persönliche Verbindung zu dem Gezeigten und/oder dem Kunstschaffenden selbst. Berthold Dieter zum Beispiel ist zwar nicht verwandt mit dem Künstler, kennt ihn aber von Kindesbeinen an. Als der Senior auf einer Katalogseite das Foto eines Kachelofens entdeckt, den sein Vater Eugen einst für die Dieter'sche Wohnung im Menizhoferweg anfertigte, ist er ganz aufgeregt. Sogleich sucht er unter den bemalten Ofenkacheln nach der, die seinen Vater und Hans Dieter selbst darstellt. Sogar den zugehörigen Kachelspruch aus der Feder des Malerpoeten weiß er noch auswendig. Gudrun Servay-Böttcher erkennt ebenfalls vieles wieder unter den Ausstellungsstücken. Seit 30 Jahren sind ihr die Landschaftsgemälde ein Begriff. Die Wahl-Hagnauerin schätzt sie sehr, wie sie sagt und besitzt 30 Jahre alte Bild-Kalender mit Dieter-Motiven. Ein Meersburger Besucher findet es "wohltuend, dass Dieter nicht diese typischen Kitsch-Motive gezeichnet hat."

 

Zu Maler und Ausstellung

  • Künstler Hans Dieter: Geboren am 14. Januar 1881 in Mannheim fand Hans Dieter in Meersburg eine zweite Heimat und Inspiration. 18 Jahre lang lebte und wirkte er im Sommer auf der Meersburg. Die übrige Zeit verbrachte er in Freiburg sowie in Museen und Kunsthochschulen in Karlsruhe, München oder Paris in der Auseinandersetzung mit Alten Meistern und auf der Suche nach seinem eigenen Stil. In Meersburg baute ihm sein Architektensohn Hans ein Atelier im Glaserhäusleweg und später ein Wohnhaus im heutigen Menizhoferweg oberhalb der Reben und dem See, wo er seine beseelten Bodenseelandschaften schuf. Der Tod seines Sohnes, der 1943 von der Ostfront nicht mehr heimkehrte, bedeutete den größten Schicksalsschlag im Leben des Kunstmalers. Sein Mentor, der renommierte Maler Hans Thomas, bestärkte ihn in seinem Wirken und ermunterte ihn, weiter zu machen. Im Jahr 1956 erhielt der damals 75-Jährige das Bundesverdienstkreuz am Bande und das Ehrenbürgerrecht der Stadt Meersburg.
  • Der Meersburger Kulturverein zeigt rund 120 Dieter-Gemälde aus privatem Besitz, die so noch nicht in der Öffentlichkeit zu sehen waren. Wegen der Vielzahl der Exponate wird zeitgleich an zwei Stellen in Meersburg ausgestellt, nämlich im Wein- und Kulturzentrum und im Wohnstift Augustinum. Kuratorin ist Marion Jaklin Latk. Diethard Nowak hat einen 150-seitigen Farbkatalog erstellt, der für 15 Euro erworben werden kann. Die Doppelausstellung ist geöffnet: Freitag bis Sonntag und an Feiertagen sowie am 30. April immer von 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Die Werkschau kann noch bis zum 3. Juni besucht werden.