Tristan starrt Isolde verliebt an, sie antwortet mit Augenaufschlägen: "Gib zu, du hast es getan!", verlangt sie und lässt ihren Mezzosopran bei der Wiederholung sanft beben. "Heinrich, mir graut vor dir", antwortet Tristan mit markantem Bass und überraschtem Lächeln. "An deiner Stelle würde ich die Finger davon lassen", rät Isolde. Sein Versöhnungsangebot: "Gib mir bitte die Pampelmusen", mündet in ein sinnliches Duett, dann ruft sie: "Lass mich in Ruhe!" Er fällt vor ihr auf die Knie und umklammert ihre Beine: "Und was machst du, wenn das nicht geht?"

Das Libretto liegt in Zetteln auf dem Boden und besteht aus Sätzen, die das Publikum in der Pause aufgeschrieben hat. Verena Barth und Burkhard Kosche heben sie auf, singen und variieren sie und schaffen so eine Mini-Oper, die es nur an diesem Abend und nur im Meersburger Augustinum gibt. Sie gehören zu "La Triviata", einem Ensemble für improvisierte Oper. "Wir erfinden alles, was wir hier machen, in dem Moment, in dem wir es tun", erklärt Tenor Benno Vogel zu Beginn. "Und wir brauchen eure Hilfe."

Benno Vogel liest einen aktuellen Zeitungsartikel als Rezitativ. Bild: Corinna Raupach
Benno Vogel liest einen aktuellen Zeitungsartikel als Rezitativ. Bild: Corinna Raupach

Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Einmal lässt er einen Zuhörer einen Artikel aus einer Zeitung von heute aussuchen. "Ich wollte so viele Christen töten wie möglich", liest der vor. Aus dem Stegreif entwickeln die vier Akteure daraus ein tragisches Kammerspiel: In dem Zeitungsartikel geht es um den Prozess gegen einen Araber wegen Mords an einem 15jährigen in einem Supermarkt. Vogel trägt ihn als Rezitativ vor. Zwischendurch agieren seine Kollegen: erst lamentiert Barth über die lästige Pubertät ihres Sohns, während Kosche davon faselt, ein Mann mit einem Herz aus Stahl werden zu wollen.

Nach dem Prozess sitzt er im Gefängnis. "Hier kommst du nicht mehr raus", versichert Gefängniswärterin Ariane Pestalozzi in geschliffenem Sopran. "Ich stand zu meinen Überzeugungen, ich habe mich nicht brechen lassen", hält Kosche dagegen. "Du bis ein Mörder!" singend kreisen ihn die anderen drei ein.

"Mörder!", singt die Mutter, deren Sohn in einer Mini-Oper zum Terrorist geworden ist. v.l.: Burkhard Kosche, Verena Barth, Ariane Pestalozzi. bild: Corinna Raupach
"Mörder!", singt die Mutter, deren Sohn in einer Mini-Oper zum Terrorist geworden ist. v.l.: Burkhard Kosche, Verena Barth, Ariane Pestalozzi. bild: Corinna Raupach

Den vier Sängern gelingen musikalische Momente großer Dichte, geschmeidige Komik steht neben ergreifendem Ernst. Dabei gibt Michael Armann am Klavier Themen vor. Mühelos nehmen sie Ideen und Impulse auf, setzen sie in moderner Tonsprache um und spinnen sie weiter. Zwischendurch ist das Publikum gefragt: Für Winnetou-Fan Otto, der beim nächtlichen Rudern auf dem Bodensee ins Wasser fällt, seine Frau an seinen besten Freund und den Arbeitsplatz gleich mit verliert, wünscht und bekommt es ein Happy-End. Schwägerin Claudia gesteht ihre Liebe: "Endlich interessiert sich ein Mann für meine Briefmarkensammlung!"