Die Bilder heißen etwa „Angst“, „Meine Psychose“, „Insomnia“. Andere Titel lauten: „Schwarzbunte Kuh im Birkenwald“, „See“, „Torbögen“, „Touristen“. Eines trägt den Namen „Narrenfreiheit“ – und wäre das nicht auch ein gutes Schlagwort für eine Diskussion über die Kunst an sich? Denn: „In der Kunst gibt es kein richtig oder falsch oder gar einen spezifischen Blick, der durch eine psychische Erkrankung begründet wäre.“ Das schreibt Iris Maier-Strecker von der Diakonie Württemberg, die das Projekt auch in Meersburg vorstellt, im Katalog der Wanderausstellung „so gesehen“ mit Bildern Psychiatrie-Erfahrener, die derzeit im Neuen Schloss zu sehen sind. Die Meersburgerin Daniela Schmid vom Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg und Bärbel Nopper vom Landesverband Gemeindepsychiatrie Baden-Württemberg setzten sich dafür ein, dass die Ausstellung auch nach Meersburg kommt.

„Lange Zeit schwankte die Betrachtung solcher Werke zwischen einer rein diagnostischen und einer rein ästhetischen Sichtweise“, erläutert Laudator Thomas Röske. Er leitet die Sammlung Prinzhorn des Universitätsklinikums Heidelberg. Deren einzigartiger Bestand umfasst rund 6000 Werke, die Insassen psychiatrischer Anstalten zwischen 1840 und 1945 schufen. Zum größten Teil trug sie der Kunsthistoriker und Psychiater Hans Prinzhorn während seiner Zeit als Arzt an der Psychiatrischen Klinik der Uni Heidelberg zusammen. Prinzhorn kam laut Röske schon 1922 zum Schluss, dass es unmöglich sei, einheitliche formale Merkmale dieser Kunst festzuhalten. Ähnlich vorurteilsfrei habe man – nach den Nazi-Verbrechen an Psychiatriekranken und einer Geisteshaltung, die weit über 1945 hinauswirkte – erst wieder nach der Psychiatriereform in den 1970er Jahren solche Kunst betrachtet, die auch unter dem Begriff „Outsider Art“ firmiert. Sie zeichne sich durch eine ungeheure Vielfalt von Stilen aus. Das gelte auch für die Ausstellung, für die die Jury, darunter Röske, sich „bemühte eine Art Querschnitt zusammenzustellen.“ Für Psychiatrie-Erfahrene sei Kunst „oft eine Art Lebensvehikel.“ Der Überlinger „Kunstdenker“ Alexander-Peter Posch, der die Begrüßungsrede hielt, bezeichnet solche Künstler gar als „Lebenskunstwerker“, kurz: LKW, die statt Waren „geistige Inhalte, einen aktuell vorzufindenden Gemütszustand so gesehen transportieren“.

Eingangs hatten Bürgermeister Martin Brütsch und Kreiskulturamtsleiter Stefan Feucht Grußworte gesprochen. Brütsch sagte, er freue sich über die Ausstellung, für die das Schloss der ideale Rahmen sei. Feucht: Die „gute Stube Meersburgs“ trage dazu bei, eine „inklusive Wirkung zu erzielen“, das „Stigma des Anderssein ein stückweit zu relativieren“. Das „Schlossbergtrio“ mit Herbert Federsel und Johannes Weigle trug dazu musikalisch bei.

 

Kunstpreis „so gesehen“

Der Kunstpreis „so gesehen“ wurde im Rahmen des Landespsychiatrietages 2015 bereits zum dritten Mal vergeben. Rund 450 Menschen mit Psychiatrieerfahrung beteiligten sich an dem landesweiten Wettbewerb und reichten über 1000 Arbeiten ein. Eine Jury prämierte 13 Arbeiten und wählte insgesamt 51 aus. Diese touren bis Ende Juni 2016 in einer Wanderausstellung durch neun Städte im Land.

 

Bis zum 29. April 2016 sind die Arbeiten im Neuen Schloss Meersburg zu sehen, Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag von 9.30 Uhr bis 18 Uhr, letzter Einlass:

17.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Am 29. April, 20 Uhr findet die Finissage statt. Danach sind die Bilder noch in Mannheim und Stuttgart ausgestellt. (flo)