Die 28-jährige Lisa-Marie Pfeffel hat aus der Hand von Landrat Lothar Wölfle den diesjährigen Förderpreis für gegenständliche Kunst des Bodenseekreises empfangen. Der Publikumspreis ging an die 32-jährige Anna Rofka. Die Verleihung der Auszeichnungen im Spiegelsaal des Neuen Schlosses war der krönende Abschluss der Ausstellung der eingereichten Wettbewerbsarbeiten, die drei Monate lang in der Galerie des Bodenseekreises im "Roten Haus" zu sehen waren.

Bevor die Gewinnerinnen bekannt gegeben wurden, dankte der Landrat den Künstlern und der Jury und erinnerte an den Mitbürger, der, ohne seine Person nennen zu wollen, die Stiftung des Preises ermöglicht habe. Spannung baute auch Kerstin Rock vom Kreiskulturamt auf, als sie, alphabetisch geordnet, die 28 Künstler und ihre Werke kurz präsentierte. So konnten die Besucher noch einmal rätseln, wen wohl Jury und Publikum als Favoriten erkoren hätten.

Heike Frommer, Leiterin der Galerie Bodenseekreis und Jurorin, stellte nicht nur die Gewinnerinnen vor und begründete die Entscheidung der Jury, sondern lieferte auch eindringliche Bildbeschreibungen, vor allem von den drei Arbeiten, die Pfeffel eingereicht hatte. Es sind Kinderbilder, doch die junge Malerin konterkariert gängige Klischees: Ihre Kleinen seien nicht süß, fröhlich und harmlos, so wie sich Erwachsene Nachwuchs gemeinhin vorstellten und wünschten. Diese bildliche Vorstellung von heiler Welt, wie sie etwa Hans Thomas Kinderreigen von 1884 zeige, erklärte Frommer, habe sich in einer langen Tradition verfestigt, die bis zum Beginn der Romantik Ende des 18.

Jahrhunderts zurückreiche. Davor stellte man Kinder als kleine Erwachsene dar. Nun spielten Pfeffels Bilder "nicht mit unseren Erwartungen – sie erfüllen sie nur einfach nicht." Pfeffels Margareta kratzt sich am Hals, das Mädchen auf dem Bild "Vorgeschmack" leckt sich die Hand, das Werk "Rosemaries" zeigt, ja, was, siamesische Zwillinge? Oder eine dämonische Dopplung? Details wie ein zu großer Kinderkopf, ein einzelner Zahn, eine gähnende Mundhöhle wirken auf den großformatigen Aquarellen irritierend. Frommer: "Die Verschiebung der Proportionen, die Missverhältnisse in der Darstellung sind nicht aufdringlich. Und doch verändern sie den Ausdruck der Figur so subtil wie drastisch." Tatsächlich, so hatte Pfeffel Frommer mitgeteilt, spürten Kinder den Druck, den Erwartungen der Erwachsenen nachzugeben, manche zerbrächen daran, manche passten in gar kein Schema. "In meinen Bildern kehrt sich auch das Innere nach außen."

Pfeffel, so Frommer, "sucht nach Momenten, die sie an Schlüsselerlebnisse ihrer eigenen Kindheit erinnern". Die Intensität ihrer Darstellungen habe auch die Jury überzeugt. Der Künstlerin sei es gelungen, "dem Thema Kinderbild eine neue Dimension hinzuzufügen". Gerade durch die Brüche und die Ambivalenz in ihrer Darstellung gebe die Künstlerin ihren Werken Spannung. Pfeffel, die in Karlsruhe studierte, arbeitet als Gymnasiallehrerin für Bildenden Kunst und Deutsch in Pforzheim sowie als Malerin, derzeit unter anderem in Paris. Die Galerie Fähnle in Überlingen wird für Lisa-Marie Pfeffel 2017 eine Einzelausstellung ausrichten.

Die Besucher der Ausstellung – laut eines Mitarbeiters dreimal mehr als bei der Wettbewerbsschau 2014 – wählten Anna Rofkas Porträt einer bezaubernden jungen Frau mit Turban zu ihrem Liebling. Frommer erzählte, schon bei der Eröffnung hätten sie Gäste auf das Bild angesprochen, "das wie von innen heraus leuchte". Tatsächlich verleihe der auffällige Kontrast von Licht und Dunkel, der chiaroscuro, der Darstellung Dramatik. Rofka selbst sage zu dem Porträt: "Es ist eine meiner Vorstellungen von Schönheit." Zunächst habe sie es als Arbeit zum Thema "Gnade" gedacht, später aber überarbeitet und "säkularisiert".

Anna Rofka stammt aus der Ukraine. In Kiew, erzählt Rofka, habe sie am Landesinstitut für dekorative und angewandte Kunst zunächst eine solide handwerkliche Ausbildung erhalten. Von ihren Lehren habe sie gelernt, sich für die Natur zu begeistern und Schönheit in allem zu sehen. Rofka lebt heute in Konstanz und arbeitet als Künstlerin sowie als Kunstdozentin, etwa in Singen und Donaueschingen.

Aus dem üblichen Rahmen für vergleichbare Veranstaltungen fiel die musikalische Begleitung: Das Bodensee-Alphorntrio begleitete die Verleihung des Kunst-Förderpreises, unter anderem auch mit Kuhglockenklängen.

Kunstförderpreis

Der Bodenseekreis vergibt seinen Förderpreis für gegenständliche Kunst seit 2010 in einem alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerb. Ermöglicht wurde er laut Landrat Lothar Wölfle auch durch einen inzwischen verstorbenen Gönner, der ungenannt bleiben wollte. Neben dem mit 4000 Euro dotierten Hauptpreis gibt es auch einen mit 1000 Euro dotierten Publikumspreis. Für die vierte Auflage 2016 reichten 28 Künstler im Alter von 20 bis 35 Jahren eines oder mehrere ihrer Werke ein, die vom 28. Juli bis 26. Oktober in der Galerie des Bodenseekreises in Meersburg zu sehen waren. Die meisten von ihnen sind, wie in den Vorjahren, Studenten und Absolventen der Kunstakademien in Stuttgart, Karlsruhe und München, doch auch Bewerber aus Dresden, Halle und Leipzig waren vertreten. Außer aus den deutschsprachigen Ländern stammen die Künstler etwa aus Mazedonien, der Ukraine, Korea, den USA und dem Iran. Den Hauptpreis vergibt eine Jury, bestehend aus Stefan Feucht, Kreiskulturamtsleiter, Heike Frommer, Leiterin der Galerie des Kreises, dem Galeristen Michael Walz und dem Künstler Bernhard Huber. (flo)