Man weiß nie, was unten rauskommt. „Es ist wie ein Überraschungsei für Erwachsene, nur ohne Schokolade“, meint Markus Waibel. Am Haus des Malermeisters und seiner Frau Claudia in der Daisendorfer Straße hängt seit Kurzem der erste Kunstautomat am Bodensee.

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Kunstpäckchen statt Zigarettenschachteln

Für kleines Geld gibt es kleinformatige Originale, maximal etwa acht mal fünf Zentimeter groß, von Profi-Künstlern. Man wirft vier Euro Münzgeld ein, wählt aus sechs Schächten und Rubriken regionale, nationale oder internationale Kunst und zieht sich ein Päckchen im Zigarettenschachtelformat.

Claudia Waibel hatte die Idee, auch in Meersburg einen Kunstautomaten aufzuhängen.
Claudia Waibel hatte die Idee, auch in Meersburg einen Kunstautomaten aufzuhängen. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Objekte im Miniaturformat

Also, erst mal ein Griff zur regionalen Kunst: Im Karton steckt ein Mini-Gemälde des gebürtigen Schweizers Sebastian Burckhardt, eine Dame im Bikini, das Motiv könnte nicht besser zu einem heißen Sommertag passen.

Jedes kleine Kunstwerk kommt mit einem Beipackzettel, der Informationen zu seinem Schöpfer sowie zum Kunstautomaten-Projekt enthält.
Jedes kleine Kunstwerk kommt mit einem Beipackzettel, der Informationen zu seinem Schöpfer sowie zum Kunstautomaten-Projekt enthält. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Das macht Lust auf mehr, man kramt noch mal vier Euro aus dem Geldbeutel, entscheidet sich für einen anderen Schacht, zieht ein weiteres Schächtelchen. Heraus purzelt ein Diarahmen, in das die Textildesignerin Velia Dietz ein filigranes Gespinst aus feinem Nylongewebe gezaubert hat.

Textildesignerin Velia Dietz hat für ihre Automaten-Kunst einen ganz besondern (Dia-)Rahmen gefunden.
Textildesignerin Velia Dietz hat für ihre Automaten-Kunst einen ganz besondern (Dia-)Rahmen gefunden. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Waibels sind auch fasziniert. Sie selbst haben laut Markus Waibel „bestimmt schon zehn Päckle“ gezogen, teils zum Eigengebrauch, teils als kleine Geschenke. „Es gibt von uns jetzt keine Blumen mehr, sondern Päckchenkunst.“ Die allerersten beiden Päckle überreichte Waibel, Fraktionssprecher der Freien Wähler im Gemeinderat, bei der konstituierenden Sitzung des neu gewählten Gremiums seinen ausscheidenden Kollegen Wilfried Wodsak und Heinrich Frey.

Ehepaar kontaktiert Erfinder des Kunstkonzepts

Beim Urlaub in der Ernst-Barlach-Stadt Güstrow war das kunstsinnige Ehepaar Waibel erstmals auf einen solchen Automaten gestoßen. „Meine Frau hat ihr ganzes Urlaubsgeld reingeschmissen“, erzählt Markus Waibel. Claudia Waibel fährt schmunzelnd fort: „Irgendwann sagte mein Mann: Wir haben jetzt genug.“ Doch sie fanden beide, dass so ein Kunstautomat auch etwas für Meersburg wäre, fotografierten die Kontaktadresse ab und meldeten sich bei Lars Kaiser, dem Erfinder des Kunstkonzepts, in Potsdam. Der freute sich über die Anfrage, meinte aber erst, Süddeutschland sei zu weit weg für seine Tour.

Deutschlandweit rund 100 Kunstautomaten

„Wir sind nur zu zweit“, erklärt Kaiser dem SÜDKURIER. Und man müsse ja die Automaten nicht nur bringen, sondern auch regelmäßig neu befüllen. Im Südwesten gebe es bisher nur zwei weitere der kreativ umgewidmeten ehemaligen Zigarettenautomaten: in Villingen und in Schwenningen. In ganz Deutschland befinden sich laut Kaiser derzeit rund 100 Kunstautomaten, insgesamt in Europa etwa 200.

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Themenschächte zu besonderen Anlässen

Umso mehr freute sich das Ehepaar Waibel, als Lars Kaiser ein halbes Jahr später doch zusagte. Der Automat kostet weder die Eheleute noch Lars Kaiser Miete. „Wir suchen aktiv attraktive Plätze“, sagt der Erfinder. Doch in rund 70 Prozent der Fälle meldeten Interessierte sich bei ihm. Zu besonderen Anlässen schaffe man auch Themenschächte, so bereits zu „100 Jahre Bauhaus“, „70 Jahre Berliner Luftbrücke“ oder „500 Jahre Reformation“.

„Tolle Sache, um Kunst unter die Leute zu bringen“

Waibels fänden etwa auch einen eigenen Schacht für Bodensee-Künstler spannend. Dass das Automaten-Angebot ankommt, können sie täglich von ihren Geschäftsräumen aus beobachten. Claudia Waibel berichtet etwa: „Gestern hat ein Kind gerufen: Papa, hast du noch Kleingeld? Papa: Du hast doch schon drei. Kind: Ja, aber der Tante könnte man auch noch eins mitbringen.“ Sie finde das super: „Das ist doch eine tolle Sache, um Kunst unter die Leute zu bringen und ist gesünder als Zigaretten.“

Künstler begrüßen Initiative

Das sieht der 1950 in Bern geborene Künstler Sebastian Burckhardt genauso. Bereits mehr als 700 dieser kleinformatigen Bilder, wie die Bikini-Dame, hat er über die Kunstautomaten verkauft. Auf SÜDKURIER-Anfrage, warum er mitmache, schreibt Burckhardt: „Ich fand diese Initiative toll, da damit ein bisschen Kunst in den Alltag kommt und somit auch am Leben gehalten wird.“ Für wichtig halte er auch, dass „regionale Künstler eine kleine Plattform bekommen“.

Teilnahme als Herzenssache

Velia Dietz, die 1989 in Filderstadt zur Welt kam und schon mehrfach am Bodensee ausgestellt hat, stieg 2018 ein. Seither steckten schon 300 ihrer Dias, alles Unikate, in Kunstautomaten, teilt sie mit. Der Zeitaufwand dafür sei sehr hoch, aber die Teilnahme an diesem Projekt sei für sie Herzenssache. „Ich finde die Idee super, weil sich damit jeder Originalkunstwerke leisten kann.“ Sie bekomme viel positives Feedback, schreibt sie und schickt tags darauf noch eine aktuelle Kundenreaktion.

Ein „Len“ schreibt auf Englisch: „Hi Velia, ich habe ein Mini-Kunstwerk aus einem ‚Kunstautomat‘ in Meersburg gezogen. Wir waren am Bodensee im Urlaub. Ich mag es und werde es rahmen, obwohl es ja schon ‚gerahmt‘ ist. Ich habe deine Website gecheckt, und ich mag deine Arbeit und dein Konzept. Alles Gute, Len.“