Ein merkwürdiges Klassentreffen fand 1994 auf dem Gelände des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Reichenau statt: Dort begegneten sich ehemalige Schüler der einstigen "Nationalpolitischen Erziehungsanstalt", die 1941 bis 1945 in Reichenau eingerichtet war. Im März 1941 hatte man die zuvor dort ansässige Heil- und Pflegeanstalt aufgelöst, nachdem 508 Patienten ermordet und die Überlebenden verlegt worden waren.

Dieses Klassentreffen war für den Konstanzer Regionalhistoriker Arnulf Moser der Auslöser, die Geschichte der Napola Reichenau zu erforschen. Im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen trägt Moser im Literaturcafé der Jufa unter dem Titel "Eliteerziehung im Dritten Reich" eine Zusammenfassung seiner umfassenden Recherchen vor, die 1997 erstmals und 2014 in einer überarbeiteten Auflage erschienen. Mosers gut formuliertes Referat zeichnet sich durch Detail- und Quellendichte aus. Da er es aber sehr schnell vom Blatt abliest, ist es für die rund 40 Zuhörer nicht leicht, ihm zu folgen.

Die Napola Reichenau startete 1941 als Zweigstelle der Napola Rottweil mit zehn- bis zwölfjährigen Schülern, Direktor war Max Hoffmann. Die Vorläufer der Napolas waren die Kadettenanstalten, die vormilitärische Erziehung spielte eine Hauptrolle, Reichenau sollte sich auf die Ausbildung von Marineoffizieren spezialisieren. Besonderen Wert legte man neben der Schulbildung auf den Sport. Das Programm umfasste auch Geländespiele, Musisches und Weltanschauung. Rassenkunde war, wie auch an regulären Schulen, Teil des Biologieunterrichts.

Aufnahmevoraussetzung war ein Ariernachweis, den die Eltern vorlegen mussten, jedoch kein Zeugnis ihrer politischen Zuverlässigkeit. Auch Kinder von Sozialdemokraten und Kommunisten seien angenommen worden, so Moser. Die Napolas waren billiger als andere Oberschulen, ab 1943 gar kostenfrei. Ein Prospekt der Napola Rottweil von 1938 beschrieb, was man mit einer Napola erreiche: "eine einheitliche Erziehung, die in jedem Zweig durchdrungen ist von nationalsozialistischer Weltanschauung." In Hegne entstand 1943 auch eine Heimschule für Mädchen, die laut Moser "eine Versuchsschule für einen neuen Typ von Mädchen-Napola war", die Schülerinnen aus ganz Deutschland besuchten. Das Ziel der Mädchenschulen umriss eine Ehemalige so: "Wir sollten intelligente Mütter werden."

Die meisten ehemaligen Napola-Schüler, mit denen Moser sprach, hätten ihre Schulzeit in guter Erinnerung. Ein späterer Konstanzer SPD-Stadtrat erklärte Moser, "er habe dort vor allem soziale Fähigkeiten und Gemeinschaftssinn gelernt". Die "nationalpolitische Schulung" werde von Rottweilern wie Reichenauern "als nicht übertrieben angegeben". Doch, betont Moser, man dürfe nicht übersehen, "dass bei der Napola die Politisierung nicht im Fachunterricht liegt, sondern in der totalen Erfassung der Schüler rund um die Uhr".

Nicht nur viele ehemalige Napola-Schüler machten nach 1945 beachtliche Karrieren. Auch die meisten Lehrer setzten ihre Laufbahn erfolgreich fort. "Diese Leute sind dann unsere Geschichtslehrer in den 50er Jahren", so Moser. Er selbst sei in Donaueschingen von früheren Napola-Lehrern unterrichtet worden. Sogar Direktor Hoffmann sei wieder in den Schuldienst übernommen worden. Insofern waren laut Moser die Napolas "eine Kaderschmiede für leitende Schulfunktionen der 50er und 60er Jahre". Die Napola-Schüler waren nach Mosers Einschätzung keine Täter. Doch: "Sie sollten einmal Täter werden, und zwar in den höchsten Stellen." Aktuell sei das Thema "insofern, als auch demokratische Staaten vor dem Problem stehen, ob und wie sie Eliten fördern wollen".

Pfarrer Herbert Duffner aus Überlingen erzählt nach dem Vortrag, dass der Rektor seiner Radolfzeller Grundschule 1941 den elfjährigen Herbert "ohne Kenntnis der Eltern" für die Napola Reichenau empfahl. Doch die katholische Familie wollte das nicht. Über die Vermittlung des Vikars fand Herbert Unterschlupf in einer Freiburger Familie und ging dort aufs Gymnasium.