Kaiser Wilhelm I. hat schon im "Löwen" Kaffee getrunken, Bundespräsident Richard von Weizsäcker kehrte dort ebenfalls ein. Die beiden Staatsoberhäupter gehören zwar zu den berühmtesten Gästen des Hotel-Restaurants am Meersburger Marktplatz, doch sie sind nur zwei prominente Beispiele in einer langen Reihe: Seit 420 Jahren ist das Gebäude bereits Gastwirtschaft und seine Geschichte reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Das Haus war ein idealer Kandidat für das Projekt "Historische Gasthäuser in Baden", dessen Repräsentanten Frank J. Ebner und Wolfgang Schäfer Wirt Sigfrid Fischer nun zum 30-jährigen Betriebsbestehen gratulierten.

Fischer gab bei dieser Gelegenheit auch bekannt, dass er noch 2016 die Geschäftsführung in die Hände seiner Tochter Carmen Fischer und seiner Enkelin Dana Fischer-Jäger legen werde. "Ganz ziehe ich mich aber nicht zurück", versprach er. Ebner würdigte Fischers Wirken. Denn Historie allein ist kein Kriterium, um in das Projekt aufgenommen zu werden, das bis dato 65 Gasthöfen in Baden sein Siegel verliehen hat. "Uns ist auch wichtig: Die Wirte müssen passen und die Nachfolge muss gesichert sein", so Ebner. Der "Löwen" erfülle all diese Bedingungen aufs Beste. Das bestätigten auch Bürgermeister Martin Brütsch und Lokalhistoriker Peter Schmidt, der die Geschichte(n) des Hauses, seiner Bewohner und Wirte ebenso kenntnisreich wie humorvoll referierte. Ebner ernannte Brütsch und Schmidt zu "Löwen"-Paten.

Brütsch sagte, es sei heutzutage nicht mehr selbstverständlich, dass ein Geschäftsmann 30 Jahre lang ein Unternehmen führe. Den "Löwen" zeichne auch aus, dass er ganzjährig geöffnet habe sowie ein Ausbildungsbetrieb sei. Erfreut zeigte sich Brütsch ebenso, dass die Nachfolge geregelt sei. Und die Auszeichnung "Historisches Gasthaus" sei auch eine "Werbebotschaft nach außen". Brütsch: "Wir brauchen solche Häuser, um für Gäste attraktiv zu sein." Brütsch überreichte Familie Fischer im Namen der Stadt Meersburg eine Torte. Damit aber nicht genug der süßen Glückwünsche: Denn Nachbar Fritz Wurster, Senior der Bäckerei Stüble-Wurster, überreichte Hefegebäck in Form eines Krokodils. Letzteres habe keine tiefere Bedeutung, versicherte Wurster verschmitzt.

Wenn, dann wüsste es Peter Schmidt. Doch als Wappentier der Wirtschaft sei schon 1605 ein hölzerner Löwe verbürgt. Das Haus war aber nicht immer Gasthof. 1350 tauchte es erstmals in einer Skizze als "Haus in der Unterstadt, bei der Brotlaube" auf. Es stand dort damals, außer dem Dominikanerinnenkloster, als einziges Gebäude. In ihm wurde 1483 Simon Weinzürn geboren, der legendäre "Bürgermeister" und Rebell, der die Rechte der Stadt gegenüber dem Fürstbischof von Konstanz geltend machte und dafür hingerichtet wurde, auch wenn das Ertränken im See eine Legende sei, so Schmidt. Ein weiterer Held erblickte als Gastwirtssohn im "Löwen" 1765 das Licht der Welt: Johann Baptist Lingg, der später in der badischen Armee Karriere machte und 1807 die Stadt Hersfeld vor den Franzosen rettete. Friedlicherer Tätigkeit gingen die Gebrüder Grimm im "Löwen" nach: Sie spielten am Kachelofen Zego.

Zur Person

Sigfrid Fischer, Jahrgang 1940, wuchs in Friedrichshafen auf. In Manzell machte er eine Metzgerlehre, später lernte er im "Bayerischen Hof" in Lindau noch Koch. Zehn Jahre lang arbeitete er für die Lufthansa in Frankfurt, für die er etwa Großveranstaltungen mit Tausenden von Gästen organisierte, bevor er von 1972 bis 2006 die Hafengastronomie in Friedrichshafen leitete. Zu seinen Aufgaben gehörte viele Jahre lang auch die Bewirtschaftung der Bodenseeschiffe. Zusätzlich übernahm Fischer 1986 den "Löwen" in Meersburg. Dessen Geschäftsführung übergibt er an Tochter Carmen, gelernte Köchin, die seit 2004 im Betrieb arbeitet, und Enkelin Dana Fischer-Jäger, Hotelfachfrau und Köchin, die seit August im "Löwen" beschäftigt ist. (flo)