In Männerkleidern, zehn Wochen nach der Geburt ihres Sohnes, flieht die junge Prinzessin Amalie von Hohenzollern 1785 aus Schloss Sigmaringen, in dem sie sich wie eine Gefangene fühlte. Erst 1808 wird sie aus Paris nach Sigmaringen zurückkehren – nachdem sie, dank ihrer freundschaftlichen Beziehungen zu Napoleons Frau Joséphine, erreicht hat, dass die beiden Ländchen Hohenzollern-Sigmaringen und Hohenzollern-Hechingen zwischen Baden und Württemberg ihre Souveränität behalten können.

Die Lebensgeschichte dieser außergewöhnlichen Fürstin wäre allein schon einen Roman wert. Doch Gabriele Loges verarbeitet in ihrem Amalie gewidmeten Buch „Paris, Sigmaringen oder Die Freiheit der Amalie Zephyrine von Hohenzollern“ gleich mehrere Erzählstränge. Diese sind teils Fiktion, teils Dokumentation und führen die enge Verflechtung der deutsch-französischen Geschichte in den vergangenen rund 250 Jahren anschaulich vor Augen.

Loges liest aus ihrem Roman vor rund 30 Zuhörern beim Jour Fixe im Literatur-Café des Internationalen Bodensee-Clubs auf der Meersburg. Rund sieben Jahre arbeitete sie an dem Buch. Sie sagt: „Ich habe viele Türen gefunden, die man aufmachen könnte. Man muss manche auch zulassen, sonst ufert es aus.“

Letzteres trifft auf das rund 300-seitige Werk nicht zu. Vielmehr faszinieren die Querverbindungen, die Loges aufschlüsselt. Im Roman überlässt sie diese Aufgabe ihrer Erzählerin Angelika, die von Sigmaringen nach Paris reist, um dort nach den Spuren Amalies zu suchen – und um ihrer Jugendliebe Pierre wieder zu begegnen. In deren Gesprächen, die sich oft auch um Filme und Bücher drehen, spielt die deutsch-französische Geschichte der jüngeren Vergangenheit ebenfalls eine Rolle.

Und je intensiver Angelika sowohl in Amalies als auch in ihre eigene Geschichte mit Pierre eintaucht, umso deutlicher wird, dass sich weder die Beziehungen zwischen Menschen noch zwischen Ländern so einfach in Freund-Feind-Schablonen pressen lassen – nicht einmal in Zeiten der Schreckensherrschaft. Das gilt sowohl für die Französische Revolution, die Amalie hautnah mit- und überlebt – im Gegensatz zu ihrem geliebten Bruder Friedrich von Salm-Kyrburg, bei dem sie nach ihrer Flucht aus Sigmaringen lebt. Er endet auf dem Schafott – obwohl er, wie Amalie, demokratische Ideen befürwortet.

Das gilt aber auch für die Zeit der Naziherrschaft. Acht Monate, von 1944 bis 1945, ist Sigmaringen sogar die Hauptstadt Frankreichs – zumindest in den Augen der Nazis, die im Schloss, aus dem Amalie einst floh, die mit Deutschland kollaborierende Vichy-Regierung unterschlüpfen lassen. Nur wenige Kilometer entfernt, in Krauchenwies, wo die Hohenzollern auch ein Schloss besaßen und wo sich Amalie 1808 vorerst niederließ, musste die spätere Widerstandskämpferin Sophie Scholl 1941 ihren Reichsarbeitsdienst antreten.

Mit ihrem flüssig geschriebenen Buch zeigt Gabriele Loges, dass sich Geschichte nicht, wie es Lehrpläne gerne tun, in kompakte, in sich abgeschlossene Kapitel einteilen lässt. Ironischerweise war eine Sage Mitauslöser für Loges, die bereits Teile von Amalies tatsächlicher Biografie kannte, das Buch zu schreiben. Der Sage nach soll Amalie, die sich Freiheiten erkämpfte, die für eine Frau ihrer Zeit unerhört waren, aus Liebeskummer auf einem Schimmel in die Donau gesprungen sein. Dabei ist ihre wahre Geschichte viel spannender.


Zur Person

Gabriele Loges kam 1957 in Dettingen bei Horb zur Welt. Sie studierte in Tübingen Germanistik und Philosophie. Danach leitete sie unter anderem von 1988 bis 2008 die Stadtbücherei Gammertingen. Seit 2009 arbeitet sie als freie Autorin und Journalistin. Loges lebt mit ihrer Familie in Hettingen auf der Schwäbischen Alb.

„Paris, Sigmaringen“ ist Gabriele Loges' erster Roman. Er erschien 2014 bei Klöpfer & Meyer und kostet 12 Euro. (flo)