Appetitlich liegt der Felchen, den Sven Schuchhardt, Küchenchef des Hotel-Restaurants "Zum Schiff" im Ganzen gebraten hat, auf dem Teller. Kurz zuvor schwamm er noch im Bodensee, bis ihn der Meersburger Fischer Axel Mayer fing. Ginge es nach Elke Dilger, der Vorsitzenden der Badischen Berufsfischer, dann kämen am Bodensee auch künftig nur frei aufgewachsene Blaufelchen auf den Tisch. Dilger hat eine Kampagne für den Wildfisch gestartet, denn, wie die allermeisten Fischer rund um den See, lehnt sie die vom Land Baden-Württemberg anvisierte Felchenzucht in Netzgehegen klar ab. Michael Gröer, Inhaber des "Schiffs" und Vorsitzender des Meersburger Gastgeber-Forums, unterstützt Dilgers Vorstoß. Mit Blick auf den See direkt vor seinem Haus, sagt Gröer: "Mir ist daran gelegen, dass ich die Regionalität, die ich hier habe, auch auf der Speisekarte anbieten kann. Ich glaube nicht, dass ein Fisch, der im Gehege aufgezogen wird, dazu passt."

Allerdings räumt Gröer auf Nachfrage ein, er könne nicht sagen, ob er Zuchtfelchen kategorisch ablehnen würde, wenn er keine Wildfische mehr bekommen könnte. Vielen anderen Wirten gehe es ähnlich. Bodenseeurlauber wollten einfach Felchen essen, "und wenn ich keine habe, gehen sie ins nächste Lokal". Da unterliege die Gastronomie einem Erwartungsdruck. "Ich kann mir nicht erlauben, keine anzubieten." Natürlich bedaure er, dass viele Leute heute meinten, alles müsse jederzeit verfügbar sein. Gröer gesteht: "Ich wäre gerne so wie ein Wirt im 17. Jahrhundert": Man kennt jeden Lieferanten persönlich und das Angebot richtet sich nach der Saison.

Dilger hakt ein: "Der Blaufelchen bietet dem Bodensee ein Alleinstellungsmerkmal." Denn während Silber- und Sandfelchen in weiteren europäischen Seen vorkommen, fühlt sich der Blaufelchen nur hier wohl. Und: Der begehrte "Brotfisch" der hiesigen Fischer eignet sich nicht zur Zucht. Für die angedachte Aquakultur würde man deshalb Sandfelchen einsetzen. Dilger betont: "Wir Bodenseefischer wollen den Wildfisch schützen und sind deshalb gegen Netzgehege." Denn aus Gewässern, wo man letztere nutze, sei bekannt, dass darunter auch der Wildfisch stark leide. "Der Blaufelchen aber kann vier Jahre lang glücklich und tierfreundlich heranwachsen, bis ihn der Berufsfischer fängt, in Netzen mit nachhaltig geregelter Maschengröße." Auch Vergleiche mit Finnland, wo bereits Sandfelchen gezüchtet werden, hält Dilger für unpassend, "weil wir hier ganz andere klimatische Verhältnisse haben und die Bewirtschaftung somit anders funktionieren wird. Somit sollte der Bodensee nicht als Versuchslabor genutzt werden."

Gelder für die Forschung könnten besser eingesetzt werden, findet Dilger. So habe der See in "in den letzten 40 Jahren eine exzellente Gewässerreinigung erfahren". Übrigens seien es die Berufsfischer gewesen, die in den 1970er Jahren die Landesregierung darauf aufmerksam gemacht hätten, dass der See eutrophiere und das zu starke Pflanzenwachstum reduziert werden müsse. "Wir sind der Landesregierung dankbar für die vielen Investitionen in die Forschung, die Kläranlagen und die Ringkanalisation am See. Der Bodensee war damals dreckig, heute ist er sauber und so soll es auch bleiben. " Auch die Fischer wollten einen sauberen See – allerdings "mit etwas mehr Nahrung für die Fische." Die Fischer forderten die Landesregierung auf, die Forschung voranzutreiben und eine Möglichkeit zu finden, "dass der Bodensee sauber bleibt und nahrungsreicher für Fische wird." Dilger zeigt sich zuversichtlich. "Wir sind überzeugt: Auch das kann die Forschung."

Aquakultur im Bodensee

  • Netzgehege sind schwimmfähige Anlagen zur Fischzucht in offenen Gewässern. In Finnland etwa sind sie zur Felchenzucht seit Jahren in Gebrauch. Für einen eventuellen Einsatz im Bodensee sind derzeit zehn bis zwölf Netzgehege anvisiert, um jährlich bis zu 600 Tonnen Sandelchen zu erzeugen. Den Erstbesatz zieht die staatliche Fischbrutanstalt in Langenargen bereits heran. Jeder eingesetzte Fisch würde geimpft werden.
  • Die Anfang Juni gegründete Genossenschaft "RegioBodenseeFisch" will die Felchenzucht mit zwei Anlagen im Überlinger See starten. Dafür braucht sie aber erst entsprechende Genehmigungen. Gegen Aquakultur sind die Berufsfischerverbände rund um den See sowie rund 30 weitere Organisationen, darunter Wassersport-, Angler- und Naturschutzvereinigungen. Mit Ablehnung reagierten außerdem bereits das Bundesland Bayern, die Bodenseewasserversorgung, der Konstanzer Kreistag und etliche Anliegergemeinden, darunter Meersburg. (flo)