Zum Abschluss des elften WortMenues kredenzt der Schweizer Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler im Meersburger „Augustinum“ einen literarischen Festschmaus. Dem Erfolgsrezept des literarisch-kulinarischen Festivals verleiht Hohler immer wieder eine ganz besondere Würze: Bei dessen Premiere 1999 trat er als allererster Autor auf, er wirkte beim zehnjährigen Jubiläum 2009 mit und er sorgt nun beim 20-jährigen Bestehen für den krönenden Abschluss von insgesamt 25 Veranstaltungen. Nicht zu vergessen: Franz Hohlers Erzählung „Das verspeiste Buch“ lieferte einst die Anregung für das WortMenue-Logo: Ein Mann beißt in einen Band, aus dem Buchstaben purzeln.

Der Auftritt des Schweizer Autors, Kabarettisten und Liedermachers Franz Hohler im Meersburger Augustinum bildet den krönenden Abschluss des Überlinger WortMenues 2019.
Der Auftritt des Schweizer Autors, Kabarettisten und Liedermachers Franz Hohler im Meersburger Augustinum bildet den krönenden Abschluss des Überlinger WortMenues 2019. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Das lateinische Alphabet enthält 26, und letztlich ist alle Literatur „nur“ eine Kombination aus diesen wenigen Lettern. Doch während viele daraus lediglich dünne Buchstabensuppen anrühren, zieht der Sprach-Alchemist Hohler aus seinem vor Fantasie, Wortwitz und Charme nur so sprudelnden Zauberkessel einen Leckerbissen nach dem anderen hervor: Kurzgeschichten, Märchen, Gedichte, inklusive eines Spontanpoems über einen „Storch aus Überlingen“, oder auch das „Lied vom Chäs“, das Hohler singt. Inhalt: „Alles isch us Chäs“.

Das könnte Sie auch interessieren

Mag schon sein, dass vieles Käse ist, Hohlers Kunst aber auf gar keinen Fall. Zahlreiche Bücher, Kinderbücher, Filme, Tonträger, Kabarettstücke zeugen vom Werk des 1943 in Biel geborenen Multitalents. Rund 30 Literaturpreise hat er bis dato erhalten, darunter den Johann-Peter-Hebel-Preis, benannt nach dem großen alemannischen Dichter. „Franz Hohler ist wahrlich ein Johann Peter Hebel unserer Zeit“, rühmt ihn Moderator Oswald Burger, der jahrzehntelang Deutsch unterrichtete. Dabei hätten ihm – und seinen Schülern – Hohlers Texte, etwa „Die Rückeroberung“, wie keine anderen geholfen. „Er ist wirklich einer für uns alle“, kündigt Burger Hohler an und verspricht damit nicht zu viel.

Das könnte Sie auch interessieren

So sinniert Hohler in der privaten Seniorenresidenz eingangs Augen zwinkernd übers Altwerden und welche Maßnahmen man da ergreifen könne, „außer, sich im Augustinum niederzulassen“. Das Rezept für eine Brennnesselsuppe serviert er ebenso trocken wie Küchenkritik: „Denn ‚interessant‘ ist das Schlimmste, das man von einer Speise sagen kann.“ Aus seinem Roman „Der neue Berg“ trägt er gar eine veritable Koch-Katastrophe vor, die sich bei Zürich ereignet, nachdem „s‘Mami abgehauen“ ist. Das Publikum hat dabei gut lachen – auch, weil das Dreigang-Menü mit Schweizer Anklängen, das das Augustinum-Team kreiert hat, ganz anders ausfällt als das von Franz Hohler geschilderte Chaos-Risotto. Es gibt leckere Bündner Gerstensuppe, Zander „Zuger Art“ mit Spargel und Schoko-Mousse.

Das könnte Sie auch interessieren

Große Heiterkeit löst auch Hohlers Geschichte einer extremen Konditionierung aus: Damit ihr Kleinkind seinen Brei isst, müssen seine Eltern kontinuierlich die dazu erforderlichen Rituale erweitern, die immer absurder werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Franz Hohlers Humor jedenfalls bekommt man nicht satt. Als er nach dem Dessert wieder ans Lesepult tritt und fragt: „Mögen Sie wieder?“, schallt ihm ein einstimmiges „Jawohl!“ des Publikums entgegen. Hohler tischt nun drei Märchen auf, das „Chäslied“ inklusive eines kleinen Exkurses ins Schwyzerdütsch, Kinderverse und zu guter Letzt das soeben frisch geschriebene Gedicht vom Überlinger Storch, der nach Meersburg fliegt und beschließt: „Ich trink‘ noch etwas Vinum und bleib im Augustinum.“

Das könnte Sie auch interessieren

Es folgt anhaltender Beifall der begeisterten Zuhörer, darunter WortMenue-Erfinder und -Organisator Peter Reifsteck, der den Abend im „Augustinum“ so zusammenfasst: „Das war der Wahnsinn.“

Bilanz des WortMenues

  • Die 25 Veranstaltungen des über zweiwöchigen elften WortMenues, das am 21. Mai endete, besuchten laut Organisator Peter Reifsteck 2200 Besucher. Das seien exakt gleich viele wie beim vorangegangenen Festival 2017. Auch die diesjährige Auflage war laut Reifsteck so gut wie ausverkauft, die Hälfte der Veranstaltungen bereits nach zwei Tagen, einige sogar bereits nach wenigen Minuten, so die Auftritte von Sternekoch Vincent Klink, „Tatort-Kommissar Mario Kopper (Andreas Hoppe) und der Autorin und Köchin Verena Lugert.
  • Wird das WortMenue 2021 fortgesetzt? Organisator Peter Reifsteck, der das WortMenue erfand, 1999 aus der Taufe hob, seither alle zwei Jahre organisierte und auch die Rechte am Titel „WortMenue“ innehat, lässt noch offen, ob er es in zwei Jahren wieder auf die Beine stellen will. „Ich denke darüber nach“, sagt Reifsteck mit dem Hinweis, dass er ja auch 20 Jahre älter geworden sei. Die Stadt Überlingen, die das Festival veranstaltet, sei interessiert daran, es fortzuführen, meint Oswald Burger, langjähriger Stadtrat und Reifstecks Mitstreiter der ersten Stunde.
  • Auszeichnung für Peter Reifsteck: Die Gastronomische Akademie Deutschlands (GAD), die 2019 zum zehnten Mal die Schirmherrschaft für das WortMenue übernommen hatte, ehrte dessen Erfinder und Organisator Peter Reifsteck: Bei der von ihr präsentierten WortMenue-Lesung von Tobias Roth im „Johanniter-Kreuz“ zeichnete die GAD Reifsteck mit der „vergoldeten Rumohr-Plakette“ aus, benannt nach dem deutschen Künstler, Gelehrten und Gastrosophen Carl Friedrich von Rumohr (1785 bis 1843). Reifsteck habe Essen, Trinken und Literatur zu „Tafelkultur“ verbunden und zu einem „Gesamtkunstwerk“ zusammengefügt, würdigte ihn GAD-Vorstand Hans G. Platz. Reifsteck, der aus Reutlingen stammt und früher Buchhändler war, hatte 1997 die Landesliteraturtage Baden-Württemberg in Überlingen organisiert. Daraus entwickelte er die Idee für das spätere WortMenue, das mit seiner Konzeption und Veranstaltungsdichte, trotz etlicher Nachahmer, bis heute einmalig in Deutschland ist.