Meersburg/Konstanz – Vor 90 Jahren begann eine neue Ära in der Verkehrsgeschichte des Bodensees: Am 30. September 1928 startete die Fährlinie Konstanz-Meersburg mit der ersten Autofähre "Konstanz". Das Schiff existiert immer noch, dank des Vereins "Rettet die Meersburg ex Konstanz!", der es in jahrelanger Arbeit restaurierte und nun zum 90. Geburtstag ein Buch herausgibt: "Ein Fährschiff macht Geschichten." Vorgestellt wird es in passendem Rahmen: Die historische "Konstanz" fährt am 30. September von Konstanz nach Meersburg und zurück, dabei wird der Band in beiden Städten präsentiert.

Über sechs Jahre Arbeit am Buch

Den Titel mit "Geschichten" im Plural wählten die Autoren Margret Meier, Helio Stinka, beide aus Meersburg, und der Konstanzer Karsten Meyer ganz bewusst. Über sechs Jahre lang hatten sie an dem Buch gearbeitet, sich in die Stadtarchive von Konstanz, Meersburg und Überlingen vergraben, meterhohe Stapel an Akten gesichtet, kopiert, ausgewertet. Dabei stellten sie laut Stinka fest: "Es ist eigentlich ein hoffnungsloses Unterfangen, die Geschichte dieser Fähre ganz aufzuarbeiten."

60 kurzweilige Geschichten im üppig illustrierten Band

Aber sie fanden jede Menge unterhaltsame, wissenswerte und kuriose Geschichten, die sie kurzweilig und konzentriert erzählen wollten: Über 60 fanden Eingang in den üppig illustrierten Band. Die Bandbreite der Themen spannt sich von der Vorgeschichte und den Anfängen der Fähre über ihre mittlerweile 25-jährige Restaurierungsgeschichte bis hin zu ihrer heutigen Nutzung. Sie haben Titel wie: "Unterwegs für Olympia", "Mit der Hamsterfähre über den See", "Ein Kanzler auf Reisen", "Dramatische Rettungsaktion im Überlinger See".

"Kein wissenschaftliches Werk, aber alles belegt"

Die Buchidee entstand im Arbeitskreis Geschichte des Fährevereins. Doch: "Unser Ziel war, dass das Buch nicht nur die Vereinsgeschichte abbildet", betont Karsten Meyer. Es ist denn auch alles andere als eine trockene Chronik geworden. Die Episoden folgen zwar dem Zeitenlauf, doch man kann sie auch zwanglos einzeln oder querlesen. Meyer betont: "Die Unterhaltung steht im Vordergrund. Es soll kein wissenschaftliches Werk sein, aber es ist alles belegt." Stinka ergänzt: "Wer mehr wissen will, findet Quellen."

Buch räumt mit Mythos auf: Meersburg war nicht gegen Fähre

Tatsächlich fördert der Band, der auch viele erstmals veröffentlichte Bilder enthält, nicht nur Unerwartetes oder längst Vergessenes zutage, sondern räumt mit einigen Mythen auf: zum Beispiel dem bis heute verbreiteten Gerücht, Meersburg sei gegen die Fährverbindung gewesen. Margret Meier vermutet, dass daran wohl ein Artikel von Bürgermeister Karl Moll mit dem Titel "Der Bürgerausschuß lehnt die Fähre ab" Schuld war, veröffentlicht 1928 im Gemeindeblatt – allerdings in dessen Fastnachtsausgabe, was spätere Leser wohl übersahen. Die Wahrheit sah ganz anders aus: Gemeinderat und Bürgerausschuss votierten bereits im Januar 1927 klar für die Fähre. Der Meersburger Zuschuss betrug unterm Strich letztlich weit über 40 000 Reichsmark.

Umlandgemeinden und Adelshäuser waren gegen Fährverbindung

Hingegen protestierten 26 Umlandgemeinden, allen voran Überlingen, sowie die Adelshäuser Baden und Fürstenberg gegen die Fährverbindung. Gemeinsam schrieben sie 1927 an das badische Innenministerium: "Dieses teure Projekt würde aber nicht nur seinen Zweck nicht erfüllen, sondern wäre gleichbedeutend einem wirtschaftlichen Ruin für den ganzen Überlinger See und seine Umgebung." Wenn es überhaupt eine Fähre geben sollte, so die Gegner, dann sei Unteruhldingen "unbestreitbar der von Natur aus geschaffene günstig gelegene Platz".

Überlingen fühlte sich übergangen

Vor allem Überlingen fühlte sich übergangen. Für besonderen Unmut sorgte ein Werbeblatt von 1928, in dem Konstanz mittels einer Karte, auf der Überlingen fehlte, dargestellt hatte, dass via Fähre alle Wege nach Konstanz führten.

Politische Querelen, verrückte Fahrpläne, "Herrenfahrer", Kapitäne, kuriose Fahrgäste, engagierte Schiffsretter und vieles mehr: Das ist der Stoff, aus dem die Fähre-Geschichten sind.

Fakten und Daten zur "Konstanz"

  • Die Geschichte: Mit der "Konstanz" begann am 30. September 1928 zwischen Konstanz und Meersburg der Automobilfährverkehr auf dem Bodensee. Dieser verband Konstanz, das nach dem Ersten Weltkrieg von seinem Schweizer Hinterland abgeschnitten war und neuen Anschluss suchte, mit dem süddeutschen Raum. Als die Stadt Konstanz 1930 ein zweites Fährschiff in Betrieb nahm, wurde die erste "Konstanz" in "Meersburg" umgetauft. Nachdem sie 1963 als Fährschiff außer Betrieb gestellt worden war, diente sie unter dem Namen "Lukas" als Bagger- und Rammschiff.
  • Die Restaurierung: Danach, ab etwa 1984, rostete das Schiff ungenutzt im Überlinger Westhafen vor sich hin, bis sich 1993 der damals neu gegründete Verein "Rettet die Meersburg ex Konstanz!" ihrer annahm. 1994 wurde die alte Fähre unter Denkmalschutz gestellt. Nach langjährigen Restaurierungsarbeiten fand am 16. Juli 2011 die zweite Jungfernfahrt statt und die Fähre erhielt wieder ihren alten Namen "Konstanz". Sie dient heute unter der Regie der Stadtwerke Konstanz als Veranstaltungsschiff, liegt während des Sommers im Hafen Konstanz und wird bewirtet. Außerdem veranstaltet der Fähre-Verein mehrere Rundfahrten im Jahr.
  • Technische Daten: Die "Konstanz" ist 32 Meter lang, 9,4 Meter breit und hat Platz für 15 Autos. Der alte Antrieb von 1928 ist vollständig erhalten und wird derzeit noch restauriert. Zusätzlich wurde ein neuer Antrieb eingebaut, der den alten nicht berührt. Zum Vergleich: Die bis dato jüngste Fähre "Lodi" ist 82,4 Meter lang, 13,4 Meter breit und bietet Raum für 64 Autos.

 

Die Fähre im Internet: http://www.hfkn.de

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