Der in Karlsruhe lebende Musiker referierte über "Musik komponieren heute". Ein Heimspiel für den heutigen Mittvierziger Ockert, denn wenige Schritte vom Vineum entfernt ging er früher am Droste-Hülshoff-Gymnasium zur Schule und nur zwei Häuser weiter in der Vorburggasse zu den Proben der Meersburger Knabenmusik. Referent und Thema passten zur Fowik-Zielsetzung "Wissenschaft und Kultur". Was das Publikum in gut zwei Stunden hören und erleben konnte, war nach dem Urteil des Fowik"-Vorsitzenden Karl Beuter "eine neue Welt für mich". Analog resümierte auch ein Gast: "Für mich wurde heute die Musik neu erfunden", denn Matthias Ockert, der diplomierte Architekt und studierte Musiker, "nutzt", wie er sagte, für seine Kompositionen "alle Möglichkeiten, die mir die moderne Technik bietet."

Fragestellungen zu dieser Positionierung setzte Matthias Ockert an den Anfang: Wie arbeitet ein Komponist heute? Wie entsteht Musik im kreativen Prozess? Was sagt das Verhältnis zwischen Architektur und Musik aus? Besteht ein Widerspruch von Komposition und Improvisation? Dem Fragenkatalog ließ der Musiker ein Klangbild seiner 2015 geschaffenen Komposition "Strombahnen-Heart" für E-Gitarre und Elektronik folgen – mit intensiver Fußarbeit an den Controllern.

Um den Zusammenhang von Architektur und Musik zu illustrieren, spannte Matthias Ockert zeitlich den Bogen von der "Villa Malcontenta" des Andrea Palladio Mitte des 15. Jahrhundert zur "Villa Garches" (Villa Stein) von Le Corbusier aus dem Jahr 1927 – für den Weg vom Einzelnen zum Ganzen und in Umkehrung vom Ganzen zum Einzelnen. Oder, auf das Weltbild bezogen, "von der Unendlichkeit zur Relativität in der Trennung Ton und Geräusch". Im 20. Jahrhundert seien die Schlagzeuge wichtiger geworden. Der Arhcitekt und Komponist Iannis Xenakis (1922 bis 2001) entwickelt aus zufälligen ("stochastischen") Naturphänomenen seine "stochastische Musik" als Klangobjekt – jeder Streicher spielt etwas anderes.

Im Jahr 2004 komponiert Matthias Ockert "Diaphaneity" für großes Ensemble und Elektronik im Raum der Gläsernen Manufaktur der Volkswagen AG in Dresden: Wie funktioniert Musik mit Klängen im Fließbandprinzip in solchen Räumen, transparent, multiperspektivisch? Komposition und Improvisation ließen sich beim Hören der Aufführung erfahren. Komponieren bedeute Zusammenfügen, Beziehungen schaffen. Und: "Musik ist stetiger Lernprozess."

Im Jahr 2009 entsteht das Bühnenwerk "Xanthopsia" mit Ballett zu Vincent van Gogh für drei Tänzer, E-Gitarre und Elektronik, aufgeführt im Badischen Staatstheater Karlsruhe mit Lichtskulpturen aus leuchtenden Eimern, um zu zeigen, wie Musik mit Licht reagiert. Takt für Takt, so Ockert, sei alles traditionell durchnotiert. Seine E-Gitarre/Elektronik-Musik führe dazu, dass "Sachen entstehen, die sonst nicht entstanden wären" – Multiperspektivität von Zeit und Raum, Sonifikation astronomischer Daten mit Klängen aus astronomischen Lichtsignalen als Baukasten. In Anlehnung an Friedrich von Schiller auch "Balladen und Jazz". Von Matthias Ockert dürfte auch nach seinem Zyklus "Strombahnen" (2007 bis 2017) entlang künstlerischer, soziologischer und ökonomischer Entwicklungslinien noch viel zu hören sein.

Zur Person

Matthias Ockert ist Daisendorfer, er ging in Markdorf und Meersburg zur Schule. Hier, am Droste-Hülshoff-Gymnsasium, so stellte ihn sein einstiger Daisendorfer Nachbar Peter Boese vor, sei im Miteinander mit den musikalischen Eltern – die Mutter Musikpädagogin, der Vater Hobbymusiker – und seiner Eigeninitiative als Knabenmusiker (Flöte, Klarinette, Gitarre) "die Grundlage für ein breites Repertoire für die Musik gelegt" worden. Sein Bruder Hans-Peter ist ebenfalls im Musikfach tätig. "Ich habe immer nebenher musiziert", charakterisiert Matthias Ockert, der während des Architekturstudiums in Berlin als Jazzer unterwegs war, seine Leidenschaft für Musik. Als fertiger Architekt kehrt er zurück ins Badische und studiert in Karlsruhe Musik.

Er beschäftigt sich dazu mit dem Werk von Iannis Xenakis, ebenfalls Architekt und Musiker. Und mit Le Corbusier, dem sich Xenakis verbunden fühlte. Weitere Lehrer waren Attila Zoller ("Studiere lieber Komposition, um die europäische Tradition zu lernen, auch für den Jazz.") und Wolfgang Rihm am "Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe". Ocker sagt: "Eine breit gefächerte Ausbildung ist nötig." Daher arbeitet er auch als Dozent an der Hochschule für Gestalten in Offenbach im Sektor Bühnenbild. "Sein umfangreiches Werk aus instrumentaler und elektronischer Musik, Jazz, Klanginstallationen und Bühnenwerken", schrieb Karl Beuter in der Fowik-Einladung zu Vortrag und Konzert im "Vineum", "wird international von bedeutenden Musikern aufgeführt. Matthias Ockert gründete 2012 das "Polythestic Ensemble" aus drei bis elf Musikern, das Klassik und Jazz neu zusammenführt in unterschiedlichen Sozialisationen von Musikern und Publikum mit visuellen, musikalischen Architekturen als Bühnenbild. Mehr Informationen auf: www.matthiasockert.dewww.polytheistic-ensemble.net

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