"Europa gegen die Juden 1880 – 1945": Ein solcher Buchtitel klingt provokant, zumal wenn der Autor Deutscher ist. Aber: "Es geht nicht um die Relativierung der deutschen Verantwortung", betont der Verfasser, Götz Aly, gleich zu Anfang seiner Lesung, die er im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen im Spiegelsaal des Neuen Schlosses hält – bei tropischen Temperaturen und schlechter Akustik.

Was die Verfolgung, Enteignung und Deportation der Juden unter deutscher Besatzungsherrschaft angehe, müsse man jedoch die Frage stellen, inwieweit diese in den jeweiligen Ländern erleichtert oder erschwert worden sei. Alys Fazit: "Es war von Land zu Land, manchmal sogar von Stadt zu Stadt ganz verschieden." Beispiel Belgien, wo laut Aly insgesamt 45 Prozent der Juden in deutsche Hände fielen: In Antwerpen seien 65 Prozent der Juden gefasst worden, in Brüssel nur 37 Prozent. So hätten sich dort 19 Bürgermeister geweigert, zu kollaborieren.

Die Deutschen trügen fraglos die Schuld für die systematische Ermordung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg. Das bekräftigt Aly später nochmals auf kritische Nachfrage aus dem Publikum. Doch in vielen Ländern Europas sei der Antisemitismus ab 1880 stark angestiegen. Als Hauptgrund nennt Aly Sozialneid – und zwar sieht Aly diesen weniger bei von Abstiegsangst umgetriebenen Kleinbürgern, die andere Historiker oft an erster Stelle nennen, sondern vielmehr bei den nichtjüdischen Aufsteigern. Letztere hätten vielerorts versucht, den Bildungsvorsprung der Juden einzudämmen, etwa durch Zulassungsbeschränkungen an Hochschulen, so ab 1920 in Ungarn, wo Juden fünf Prozent der Bevölkerung ausgemacht hätten, aber 50 Prozent der Jura- und 40 Prozent der Medizinstudenten. In Deutschland sei der Antisemitismus an Gymnasien und Universitäten, wo Nazi-Studenten schon 1926 dominiert hätten, besonders stark gewesen. Aly sagt, zu seinen Thesen zähle auch, "dass der Antisemitismus in den Demokratien zum Teil schlimmer geworden ist als in den Autokratien." Ein Hauptgrund dafür war laut Aly der zunehmende Nationalismus nach dem Ersten Weltkrieg.

Neben dem Neid-Argument vertritt Aly eine weitere These mit Nachdruck: Die Enteignung von neun Millionen Juden habe zwangsläufig bis zu deren Vernichtung geführt und dazu, dass jene, die davon profitierten, dies zumindest billigend in Kauf nahmen. Aus den Euthanasie-Morden hätten die Nazis bereits gewusst, dass mit relativ wenig Widerstand aus der Bevölkerung zu rechnen sei – nur der Münsteraner Kardinal von Galen habe gewagt, offen dagegen zu predigen, was zum Stopp führte.

Was die katholische Kirche angehe, sei deren Rolle in punkto Widerstand ganz unterschiedlich gewesen in Europa. In Frankreich, wo drei Viertel der Juden überlebt hätten, "spielte sie eine außerordentlich positive Rolle", auch andernorts, so in Bukarest. Ihr "dunkler schwarzer Punkt ist Polen", wo bis heute die Diözesanarchive gesperrt seien, sagt Aly. In Deutschland habe der totalitäre Staat die katholische Kirche stark unter Druck gesetzt, so 1935 mit einer Gestapo-Sonderkommission zu "Kinder- und Knabenmissbrauch".

Zu Fragen aus dem Publikum, warum es insgesamt in Deutschland so wenig Widerstand gegeben habe, meint Aly, man dürfe auch nicht die Wirkung der NS-Sozialpolitik unterschätzen, die teils bis heute in Kraft sei, wie etwa Krankenversicherung für Rentner, bezahlter Urlaub. Aly fasst zusammen: "Die Aufstiegsmöglichkeiten, die da überall waren, das integriert."