Meersburg – Eine Kugel Eis „beim Italiener“ kostete Mitte der 1960er Jahre 10 Pfennig. Allerdings betrug das durchschnittliche Bruttoeinkommen eines Mannes laut dem Statistischen Bundesamt um diese Zeit auch gerade mal 890 Mark. Das Geld für Eis saß bei den meisten Eltern also nicht so locker und es war gut, wenn der Nachwuchs sich selbst ein paar Groschen verdienen konnte. Der Meersburger Peter Schmidt, Jahrgang 1961, tat das damals schon mit Führungen in der Unterstadtkirche. Dafür gab’s von den Besuchern jeweils zwischen 20 und 50 Pfennig, erinnert er sich. Außerdem verkaufte Schmidt, der später zwei Haushaltswarengeschäfte in Meersburg und Überlingen führte, den Touristen Postkarten à 50 Pfennig, die er selbst für 20 Pfennig eingekauft hatte. Seine Einnahmen verwahrt er in einem Zigarrenkistle. Doch einen Teil gab er oft schon auf dem Heimweg aus: im Eis-Salon Venezia in der Steigstraße, den Guiseppe Zampolli mit seiner Frau Roma Panciera führte. Deren Verwandter Romano Panciera, der zuvor bereits ein Eiscafé in Überlingen betrieben hatte, eröffnete dort 1953 das Venezia.

Aldo Stella, der heutige Inhaber des Venezia, mit seinen Mitarbeiterinnen Sarah Salvi (links) und Adriana Balanel (rechts).
Aldo Stella, der heutige Inhaber des Venezia, mit seinen Mitarbeiterinnen Sarah Salvi (links) und Adriana Balanel (rechts). | Bild: Sylvia Floetemeyer

Mehr als fünf, sechs Sorten gab es nicht

Mehr als zwei Kugeln, erinnert sich Schmidt, die in „eine ziemlich krümelige Eiswaffel“ gepresst wurden, gönnte er sich nicht, meist Zitrone und Schokolade. Doch mehr als fünf, sechs Sorten habe es damals eh nicht gegeben.

Orfeo Del Longo bestätigt das: „Vanille, Schokolade, Haselnuss, Zitrone, Erdbeere“, zählt er auf. Das war der Standard. Del Longo ist Roma Pancieras Neffe und übernahm von ihr 1971 das Venezia, das er 1978 umbaute und dann 1988 in die Unterstadtstraße 3 verlagerte, 1989 machte er in der Steigstraße ein zweites Eiscafé auf. Del Longo stammt aus dem Zoldo-Tal in den Dolomiten, wo das Eismachen eine lange Tradition hat. Bevor er nach Meersburg kam, hatte er zwölf Jahre lang in einem Eiscafé in Basel gearbeitet. Peter Schmidt, der im Haus Unterstadtstraße 3 geboren wurde und dort viele Jahre lebte, erinnert sich, wie frühmorgens dort „Unmengen Frischmilch und im Sommer Berge von Früchten, Himbeeren, Brombeeren, Kirschen“ von Bauern aus der Umgebung angeliefert wurden.

Das Eiscafé Venezia in der Unterstadtstraße 3 heute.
Das Eiscafé Venezia in der Unterstadtstraße 3 heute. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Bei Del Longo gab es das beste Eis

„Del Longo hatte mit Abstand das beste Eis“, schwärmt Schmidt. „Ja, ich habe immer alles frisch gemacht“, betont Del Longo – sieben Tage die Woche. Von Anfang März bis zum zweiten Sonntag im Oktober, so lange hatte das Venezia auf, arbeitete er durch. „Das Personal hatte einen Tag frei, ich nicht“, erzählt er. Im Herbst ging es dann zurück in die Dolomiten, wo Del Longo sich um sein Haus kümmerte, Holz machte und begeistert Langlauf betrieb. „Ich liebe die Natur“, sagt der heute 78-Jährige, der 2003 mit seiner Frau Colomba nach Norditalien zurückkehrte.

An Meersburg, das er seither erst einmal besucht hat, während seine Frau bereits mehrere Male zurückkehrte, hat er gute Erinnerungen. Er berichtet: „Die Deutschen haben immer mehr Eis gegessen als die Italiener.“ Die Deutschen, verrät er schmunzelnd, seien ihm auch noch aus einem anderen Grund die lieberen Kunden gewesen: Sie nähmen gerne immer wieder das Gleiche, äußerten weniger Sonderwünsche.

Das Venezia 1988 in der Unterstadtstraße, wohin Orfeo Del Longo das Eiscafé im selben Jahr verlagerte.
Das Venezia 1988 in der Unterstadtstraße, wohin Orfeo Del Longo das Eiscafé im selben Jahr verlagerte. | Bild: Privat

Nach Del Longos Heimkehr übernahm ab der Saison 2004 Aldo Stella, der aus Treviso stammt, das Venezia. Mittlerweile stehen rund 25 Sorten auf der Karte, darunter auch Geschmacksrichtungen wie Ingwer, Cookies oder Tiramisu, listet Stella auf. Doch am besten liefen auch heute noch Klassiker wie Schokolade und Vanille. Die Kugel kostet dieses Jahr 1,20 Euro.

Roma Panciera (links) und Tochter Renata vor der Eisdiele in der Steigstraße.
Roma Panciera (links) und Tochter Renata vor der Eisdiele in der Steigstraße. | Bild: Privat

Kleine Eis-Geschichte

Wer hat’s erfunden? Wie bei der Nudel denkt man: die Italiener. Aber es sollen einmal mehr die Chinesen gewesen sein, die das erste Speiseeis herstellten. Allerdings schätzten bereits die Römer ein gefrorenes Dessert, das – aus Gletscherschnee, Früchten, Honig oder Rosenwasser zubereitet – aber mehr einem Sorbet glich. Tatsache aber ist: Beim Eismachen sind die Italiener in puncto Tradition, Knowhow und Passion unschlagbar. Von rund 60 000 Eisdielen, die es 2016 in ganz Europa gab, befanden sich 39 000 in Italien. Und natürlich war es auch ein Italiener, der das „moderne“ Eis erfand: Bernardo Buontalenti servierte 1559 in Florenz ein Eis aus Milch, Honig, Eigelb und Wein, aromatisiert mit Bergamotte, Zitrone und Orange. (flo)