Eigentlich wollte Christine Kuhn Sozialpädagogin werden. Damals, in den 1970-ern, gab es für die Ausbildung eine Wartezeit von drei Jahren. Um die Zeit zu überbrücken, fing sie zur Weihnachtszeit einen Job in der Hofbuchhandlung im niedersächsischen Bückeburg an.

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Nach 14 Tagen fragte der Buchhändler Kuhns Eltern, ob ihre Tochter nicht eine Buchhändlerlehre machen wolle. Sie hätte Talent dafür bewiesen. So fing die spätere Buchhändlerin von Meersburg dort eine Lehre an. Fast ein halbes Jahrhundert ist das nun her. Am Samstag geht Kuhn in den Ruhestand. Ihre Buchhandlung in der Meersburger Steigstraße wird sie an einen Kollegen übergeben.

"Ich bin nun 36 Jahre in Meersburg und 25 Jahren selbständig", sagt Kuhn. Die Zahlen, die sie aufzählt, klingen nüchtern. Aber dahinter steckt viel Menschliches. Viele ihrer Kunden, die von der Schließung erfahren haben, wollen das nicht glauben. "Sie riefen mich an, um mir zu sagen, dass ich das nicht machen könne", erzählt die Buchhändlerin. "Sie gehören doch zu Meersburg" würden die Kunden dann oft sagen. Und wenn ein Meersburger ein Buch bestellen wolle, habe er oft "ich gehe zu Frau Kuhn" statt "ich gehe in die Buchhandlung" gesagt. Es freue sie, wenn ihre Kunden sie als "Institution in Meersburg" bezeichnen.Ku

Buchhändlerin Christine Kuhn vor ihrem Buchladen in der Meersburger Steigstraße.
Buchhändlerin Christine Kuhn vor ihrem Buchladen in der Meersburger Steigstraße.

Sie verstehe sich mit ihren Kunden ohne viel Worte. Wenn sie in der Stadt unterwegs war, habe sie häufig Zettel mit Buchbestellungen zugesteckt bekommen. Aber die Detektivarbeit von Büchern, von denen der Kunde den Titel nicht kannte, habe mehr Spaß gemacht. Sofort fallen ihr die Anfragen wieder ein. "Ein Baby, das aus dem Bauch spricht" habe mal ein Kunde gefragt. Gemeint war der Klassiker "Hallo – hier bin ich" von Willy Breinholst aus den 1970-er Jahren. Und statt "Diebe im Weizen" habe die Anfrage "Fänger im Roggen" gelautet. Schwieriger würde es bei Anfragen wie "das Buch ist grün".

Kuriose Begegnung beim Aufschließen des Ladens

Das Kurioseste, was sie im Laden erlebt hatte, war ein Schüler, der eines Morgens im verschlossenen Laden saß. Bei der Lieferung des Großhändlers, der einen Ladenschlüssel hat, stand wohl die Tür offen. Der Schüler dachte, der Laden sei geöffnet und trat ein. Der Lieferant bemerkte ihn nicht und schloss die Tür ab. Pech für den Schüler, der nun eine lange Stunde im Laden festsaß. "Als ich die Tür aufschloss, warnte er mich zwar, mich nicht zu erschrecken, aber im ersten Moment habe ich doch einen Schreck bekommen", erzählt sie über die Begebenheit.

Kein Freund neuer Medien

Kuhn ist eine Buchhändlerin mit Herz und Seele. Nur mit den neuen Medien hat sie es nicht so. "In der Ausbildung gab es noch keine EDV. Und als der Vertreter mir sagte, dass ich mir einen Computer zulegen müsse, wollte ich zu einem Großhändler wechseln, der noch mit Katalogen arbeitet." Nur, der letzte Band des "Verzeichnisses der lieferbaren Bücher" erschien für die Saison 2004/2005. Sie musste also in das digitale Zeitalter wechseln. Für sie hieß das erstmal die Nutzung von CD-Roms. Heutzutage geht alles nur noch online. Das war nicht abzusehen, als sie in ihrem Beruf anfing.

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1978 kam sie "der Liebe wegen" an den Bodensee. Ihr damaliger Freund und heutiger Ehemann bekam als Lehrer eine Anstellung am Gymnasium in Konstanz. Sie fing damals in der Dorn'schen Buchhandlung in Ravensburg an und pendelte in die Konzilstadt. 1982 wechselte sie zur Markdorfer Buchhandlung Wälischmiller und betreute die Meersburger Filiale, bevor sie sie 1993 übernahm und sich so selbständig machte. Die ersten 15 Jahre lief es wegen der treuen Stammkundschaft sehr gut. Und die Touristen seien gutes Beiwerk gewesen. Aber seit der Euro-Umstellung wurden die Umsätze etwas weniger. "Durch den Online-Buchhandel hat sich dann auch etwas verändert", resümiert Kuhn. Freude am Beruf habe sie aber immer gehabt.

Lesen auf dem Weg zur Arbeit

Auf die Frage "was muss ich gelesen haben" hat Kuhn immer eine Antwort: "Immer mit Freude lesen." Denn es gebe nicht das eine Buch. Eher solle der Leser für sich die Frage beantworten: "Was liegt mir besonders am Herzen." Als Jugendliche las sie die russischen Klassiker. Jetzt bevorzugt sie die gehobene Belletristik und ab und an einen Krimi. Dass sie auf der anderen Seeseite wohnt, kommt ihr entgegen. So kommt sie im Bus und auf der Fähre auf "2,5 Stunden geschenkte Lesezeit" pro Arbeitstag. Umgerechnet in Bücher sind das drei bis fünf gelesene Bücher pro Woche.

Sie gehe "mit einem tränenden und einem lachenden Auge", sagt Kuhn. Schließlich habe sie mehr als die Hälfte ihrer Lebenszeit in Meersburg verbracht, aber sie freue sich, dass die Buchhandlung von Michael Schlageter weitergeführt werde und so den Meersburgern die Buchhandlung erhalten bleibt.