Er duftet nach Himbeeren und Johannisbeeren, leuchtet in kräftigem Rosé, hat eine ausgewogene Säurestruktur und schmeckt für einen Jungwein bereits ausgesprochen harmonisch. Die Rede ist vom Sticher, einem Rotling, den der Winzerverein Meersburg erstmals für die Gesellschaft der 101 Bürger ausbaut. Im September lasen Mitglieder der über 500 Jahre alten gemeinnützigen Vereinigung fleißig Trauben für den Wein, von dem rund 3000 Liter im Stahltank heranreifen. Der Sticher besteht zu zwei Dritteln aus rotem Dornfelder und zu einem Drittel aus weißem Müller-Thurgau. Das Besondere: Deren Saft vergärt zusammen, während bei einer üblichen Cuvée die fertigen Weine erst hinterher verschnitten werden.

Mit dem Sticher wollen die 101er auf ihre Gesellschaft aufmerksam machen, die soziale und kulturelle Zwecke unterstützt. Die Idee dazu entstand, nachdem Anton Kresser einen von Adolf Kastner archivierten Text von 1723 entdeckt hatte, der beschreibt, wie man einen rötlichen Wein herstellt, Schiller oder Sticher genannt. Die Idee, einen Sticher herzustellen, fiel bei den 101ern auf fruchtbaren Boden, zumal zu ihren Reihen etliche Winzer zählen und der amtierende Oberpfleger Georg Dreher Vorsitzender des Winzervereins ist. "Wenn nicht jetzt, wann dann", kommentierte Dreher. Wenn der Sticher sich gut verkaufe, könne er sich eine Fortsetzung vorstellen.

Die erste Verkostung war auf jeden Fall vielversprechend, fanden die Beteiligten. Kellermeister Valentin Wagner, der die Vergärung des Weins bei 14 Gramm Restzucker abstoppte, war vom Resultat ebenso angetan wie von der Chance, so einen Wein herstellen zu dürfen: "Es ist mein erster Rotling." Winzer Andreas Volz schlotzte genüsslich und stellte fest: "Der Dornfelder kommt gut durch." Der Wein wird noch filtriert und im März abgefüllt werden. Rund 4000 Flaschen à 9,50 Euro wird es geben und ein Teil des Erlöses an die 101er fließen. Ein Abnehmer steht schon fest: das 101er-Traditionslokal "Bären".