Bodensee-Fischerin Elke Dilger lächelt. Sie tippt auf das Schriftstück vor sich auf dem Tisch und sagt: „Ich bin ein gutes Stück weit zuversichtlicher geworden.“ Vor ihr liegt die Antwort des Umweltministeriums auf den Antrag der Grünen, die Landesregierung möge eine Stellungnahme zur Frage abgeben, ob offene Netzgehege im Bodensee genehmigungsfähig seien. „Die ziemlich deutliche Positionierung vom Umweltministerium ist für mich die Beruhigung, dass die Netzgehege am See doch keine Daseinsberechtigung haben – die vielen Bedenken, die nun mal da sein müssen, werden gesehen und respektiert.“ Netzgehege passen nicht zur Gewässerreinhaltung im Bodensee.

Die Stellungnahme, die das Umweltministeriums namens der Landesregierung abgibt, ist für die Vorsitzende der Badischen Berufsfischer „ein ganz wichtiger Faktor im Kampf gegen Netzgehege“. Sie sehe das nur positiv, sagt Elke Dilger im SÜDKURIER-Gespräch. Dennoch warnt die Meersburgerin aus einer alten Fischerfamilie, die den Kampf gegen Felchenzucht in Netzgehegen im Trinkwasserspeicher Bodensee mit großem Engagement zu ihrer Sache gemacht hat: „Aber vom Tisch ist das noch nicht.“

Neue Töne von Minister Hauk

„Die Grünen, die sich im Dezember letzten Jahres klar gegen Netzgehege positioniert haben, die Internationale Gewässerschutzkommission, die immer schon dagegen war, und jetzt das Umweltministerium, das sind schon drei ganz große Faktoren, die wirklich die Hürde der Genehmigung von Netzgehegen sehr erschweren“, sagt Elke Dilger. Eine weitere Beruhigung ist für die Fischerin, dass der Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU), bisher wichtigster Befürworter der Aquakulturen im Bodensee, seine Position augenscheinlich korrigierte: Nach einem Besuch seiner Parteifreunde vom See waren Mitte April plötzlich neue Töne von Hauk zu hören.

Auf der Homepage der CDU Bodenseekreis findet sich der Bericht einer Visite des Friedrichshafener Stadtverbandsvorsitzenden und Kreisrates Manuel Plösser, der gemeinsam mit dem Kreisvorsitzenden Volker Mayer-Lay (Überlingen) im April ein „mehrstündiges Arbeitsgespräch“ mit dem Landwirtschaftsminister führte. „Grund für das Treffen war die aktuell sehr emotional geführte öffentliche Debatte über die schwierige Situation der Bodenseefischer und über mögliche Aquakulturen im Bodensee“, heißt es auf der CDU-Homepage. Bereits im März hatte sich der Kreisparteitag der CDU Bodenseekreis fast einstimmig gegen die Intensivfischzucht ausgesprochen. Dieses Votum des Kreisverbandes im Gepäck, fuhren die Christdemokraten nach Stuttgart, auch um Hauk und weiteren CDU-Landespolitiker „für die vorherrschende öffentliche Meinung zu sensibilisieren“, wie die CDU schreibt. Und dann der Satz: „In der Frage der Aquakulturen im See zeigte sich der Minister neutral.“

Alternative: Netzgehege am See

Für Elke Dilger ist das auch deshalb so bedeutend, weil es eine Zeit lang so aussah, als ob das auch im Koalitionsvertrag verankerte Thema Aquakultur zum politischen Spielball der grün-schwarzen Koalition würde, zwischen dem CDU-geführten Landwirtschaftsministerium mit Peter Hauk und dem grünen Umweltministerium von Franz Untersteller. Gingen Polit-Insider bisher davon aus, dass Hauk darauf pochen könnte, Netzgehege im See seien Teil der Koalitionsvereinbarung, sorgt auch diesbezüglich die CDU selbst nun für eine neue Sprachregelung. Referiert die CDU Bodenseekreis das Gespräch von Plösser und Mayer-Lay mit Hauk doch so: „Einig war man sich, dass Aquakulturen am See (also nicht im See, Anm. d. Red), wie sie auch im Koalitionsvertrag vereinbart sind, eine Option für die Zukunft sein können.“

„Und das funktioniert“, verweist Dilger auf erste Erfolge, die bei der Felchenzucht in Kreislaufanlagen im Schwarzwald erzielt worden seien. „Das ist natürlich viel teurer und wesentlich aufwändiger als Netzgehege im See“, sagt Dilger. Wenn die Politik wolle, dass die Nachfrage der Verbraucher mit Zuchtfelchen befriedigt werden soll, dann sei das ein möglicher Weg.

Dagegen kämpft die Fischerin vom Bodensee: Aquakulturen, hier eine Anlage im Golf von Korinth.
Dagegen kämpft die Fischerin vom Bodensee: Aquakulturen, hier eine Anlage im Golf von Korinth. | Bild: Hanspeter Walter

„Allerdings bietet der Wildfisch aus dem Bodensee jedem Fischgenießer und Touristen hier am See eine Besonderheit“, sagt Dilger, „Zuchtfisch aus Aquakultur bekommt man auf der ganzen Erde, Wildfisch dagegen ist ein hochwertiges Lebensmittel und der Bodensee kann das als Blaufelchen liefern.“ Überlingen ist Slow City, in der Region wird mit Slow Food geworben, erinnert Dilger, „wir werben überall mit Nachhaltigkeit, Lebensmittel hoher Qualität sind zukunftsträchtige Standortfaktoren, darum hat Wildfisch Schutz und Respekt verdient!“ Und dann gehe es um das Tierwohl, das bei bewusstem Genuss immer mehr in den Blickpunkt rücke. „Das bietet Wildfisch, er schwimmt fünf Jahre lang frei und glücklich im See, bis er gefangen wird, was gibt es denn Besseres?“

„Ich glaube, ich konnte auch den Leuten der IGKB jetzt in meinem Vortrag klar machen, dass es hier um sie alle als Verbraucher geht, um alle, die Fisch als wertvolles Lebensmittel essen möchten, es geht um Genuss, den man guten Gewissens haben kann – es geht gar nicht nur um die Existenz von uns Bodenseefischern.“ Es gebe sowieso nur noch 80 Bodenseefischer, macht die Chefin der Badischen Bodenseefischer deutlich. „Wenn wir kaputt gehen, dann betrifft das nur uns, das tut der Gesamtwirtschaft nicht weh – aber wenn es uns Fischer irgendwann nicht mehr gibt, dann trifft das viele Menschen hier am See: wer möchte auf Wildfisch, gekauft beim Berufsfischer verzichten?“

Wildfisch als Werbefaktor

„Man hat den Tourismus am See doch mit dem Fisch aufgebaut“, sagt die Fischerin vom Bodensee. „Überall, wo ich Vorträge halte, habe ich das Urlaubsmagazin dabei, mit dem der Internationale Bodenseetourismus jahrelang geworben hat: Was ist vorne drauf? Ein Fischer vor den Pfahlbauten.“ Mit Fisch und Fischern habe man überall Werbung gemacht – und dabei immer das Versprechen vermittelt, dass es hier um das natürliche, hochwertige Lebensmittel Wildfisch gehe, das die Fischer aus dem See holen. „Wenn man dem Verbraucher dann importierten Fisch als echten Bodenseefisch unterschiebt, dann ist das Etikettenschwindel.“

„Ich will auch nochmals festhalten“, sagt Dilger, „nachdem im Bodensee immer weniger Fisch gefangen und klar wurde, dass sich ein minimales Herunterfahren der Phosphatklärstufe in den Kläranlagen politisch nicht durchsetzen lässt, kam das Landwirtschaftsministerium mit der Idee der Aquakultur im See und es waren wir Berufsfischer, die gesagt haben: nein, mit uns nicht!“ Dabei sei der Grundgedanke von Hauk, die Region wieder mit Fisch zu versorgen, gut gewesen. „Der Landwirtschaftsminister muss nur einsehen, dass Netzgehege eine schlechte Lösung sind.“ Jetzt müsse die Landesregierung die Forschung aktivieren und schauen, wie man den See wieder produktionstüchtiger bringe – auf einem dritten Weg neben Phosphat und Netzgehegen. Wie, wisse sie auch nicht. „Ich bin Fischerin. Aber wir haben gute Wissenschaftler, Biologen – es wird einen Weg geben, wenn man ihn finden will, bis jetzt hat man sich ja auf die Netzgehege konzentriert.“