„Tolle Geschichten gibt es wie Sand am Meer. Es ist nicht nötig, dass ich das Geschwätz der Welt vermehre.“ Diese Antwort gab der Schriftsteller Peter Salomon, der sich bis dahin vor allem durch seine Gedichte einen Namen gemacht hatte, noch vor sieben Jahren auf die Frage, warum er so wenig Prosa veröffentlicht habe.

Geschwätzig ist sie nicht, die Kurzprosa, die Salomon beim literarischen Jour Fixe des Internationalen Bodensee-Clubs (IBC) in der Meersburg vorliest. Es sind vielmehr scharfkantige Miniaturen. Unter dem Titel „Scherben“ erschienen einige der Erzählungen bereits vor kurzem, andere sind noch unveröffentlicht. Lakonisch, ironisch und ungeschminkt geben sie Einblicke in die Familie und das Leben des Ich-Erzählers.

Mit dem unaufgeregten Understatement der unmittelbaren Nachkriegsgeneration, die zwischen Trümmern spielt, Blindgänger aufstöbert und Tote zu Gesicht bekommt, beschreibt der 1947 in Berlin geborene und dort aufgewachsene Salomon etwa Episoden seiner Jugend – auch die eigene „schwierige Geburt“, die elf Stunden dauert. Der Vater Salomons, praktischer Arzt, blafft seine Frau an, sie solle sich nicht so blöd anstellen. Und die Mutter gesteht ihrem Sohn später unverblümt: „Wenn du behindert gewesen wärst, hätte ich dich in ein Heim gegeben.“

Bevor sich Salomon, laut dem Verleger Klaus Isele „der bedeutendste am Bodensee lebende Lyriker“, im Alter von 52 Jahren ganz der Schriftstellerei widmen konnte, arbeitete er in Konstanz als Anwalt. Dort lebt er seit 1972. Manche Geschichten spielen im juristischen Umfeld, so „Der Aktenbock“, in der etwa ein Callboy die Schulden, die er bei einer Mandantin hat, abarbeiten will. Der Anwalt überlegt, ob er sich der Zuhälterei schuldig macht, wenn er seiner Mandantin das Angebot weitergibt – oder ob er selbst davon Gebrauch machen soll.

In „Die Beweisaufnahme“ geht es um eine Zeugin, die über den Terroranschlag auf den Bus, in dem sie saß, keine Angaben machen kann. Denn vollauf in ihr Smartphone absorbiert, bekam sie von dem Angriff erst abends beim Fernsehen aus den „Tagesthemen“ etwas mit. In „Diekmann“ erinnert sich der Erzähler an den ihm persönlich bekannten Berliner Maler Helmut Diekmann, der sich mit 26 Jahren das Leben nahm. Der Ich-Erzähler betrachtet die Kunstwerke in seiner Wohnung und überlegt, welche fünf Bilder er ins Pflegeheim mitnehmen würde und ob sein Diekmann dabei wäre.

Literatur-Café-Leiterin Chris Inken Soppa fragt nach der Lesung fasziniert: „Ist das wirklich alles autobiografisch?“ Salomon antwortet: „Sagen wir mal: ja – aber literarisch verarbeitet und zugespitzt.“ Manchmal frage er sich schon: „Ist mir das nur passiert oder anderen auch, aber erinnern die das nur nicht mehr?“ Er selbst führe seit 1959 stichwortartig Tagebuch, erzählt Peter Salomon.