Nach dem Erfolg der letztjährigen ersten "Jüdischen Kulturwochen Meersburg-Konstanz" und auf "vielfachen Wunsch nach einer Vergrößerung und Ausbreitung" habe man 2018 die Zahl der Veranstaltungen deutlich erhöht und über Meersburg und Konstanz hinaus ausgedehnt. So erläutert Michael E. Dörr im Vorwort des gedruckt vorliegenden Programms der Neuauflage des Reihe, in dem 37 Veranstaltungen aufgelistet sind. Sie erweitern das Veranstaltungsgebiet über die beiden Ursprungsstädte Meersburg und Konstanz hinaus auf Radolfzell, Weingarten, Überlingen und Langenargen. Bei Dörr laufen alle Fäden der Organisation zusammen, er ist Vorsitzender des Kulturvereins Meersburg, der gemeinsam mit der Synagogengemeinde Konstanz als Veranstalter auftritt. Angesichts der auch räumlichen Ausdehnung heiße die Reihe nun "Jüdische Kulturwochen Bodensee", erläutert Dörr, der auch als Geschäftsführer der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG) fungiert.

Den Auftakt zu den Jüdischen Kulturwochen Bodensee bildet am kommenden Sonntag, 15. April, 15 Uhr, im Theatersaal des Meersburger Augustinums, die Fortsetzung eines Knüllers: Joel Berger, ehemaliger Landesrabbiner von Württemberg, macht mit weiteren Seiten des berühmten Jüdischen Humors bekannt. Bis zum 13. Juni eröffnen dann Konzerte, Lesungen und Vorträge mit Bildmaterial eine vielseitige Sicht auf jüdische Geschichte, Künstler und den Alltag von Juden gestern und heute – regionale Bezüge inklusive.

Die Jüdischen Kulturwochen Bodensee stehen unter der Schirmherrschaft von Staatsminister Klaus-Peter Murawski vom Staatsministerium Baden-Württemberg, Rami Suliman, dem Vorsitzenden des Oberrates der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden und Bernhard Erbprinz von Baden.

Das persönliche, „absolute Highlight“ von Michael E. Dörr ist der Besuch von Professor Götz Aly am 10. Juni. Der deutsche Politikwissenschaftler und Historiker stellt sein neustes Werk „Europa gegen die Juden 1880-1945“ vor. „Ich freue mich, dass uns einer der führenden Intellektuellen zugesagt hat“, betont Dörr. Beim Lesen des Buchs habe ihn die von Aly belegte Zunahme der Judenfeindschaft in West- und Osteuropa nach 1880 „sehr betroffen gemacht“. Mit Sorge beobachtet der IRG Vorstandsreferent auch die aktuellen antisemitischen Strömungen in Deutschland und weltweit. „In der heutigen Zeit brauchen wir sogar in Baden-Württemberg einen Antisemitismus-Beauftragten“, betont er. Mit Blick auf aktuelle Fälle von Mobbing an Schülern jüdischen Glaubens in Berlin hält er die Jüdischen Kulturwochen für ein richtiges Signal. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Konstanzer Synagogengemeinde, Peter Stiefel, setze er so auf „Bildung gegen Nichtwissen oder verdrehtes Wissen“. Daher soll das Veranstaltungsangebot weiter kostenlos bleiben, um jedem Interessierten eine Teilnahme zu ermöglichen. Das hochkarätige Angebot ist dabei finanziell nicht leicht zu stemmen. „Wir haben im Moment ein Minus“, sagt Dörr. Daher sind die Organisatoren auf Sponsoren- und Spendengelder angewiesen. Er sei stolz darauf, dass sich schon einige örtliche Industrie- und Handwerksbetriebe beteiligen, unterstreicht Dörr. „Weil es mir zeigt, dass wir von Einheimischen unterstützt werden.“

Die wöchentlich auftretenden, zweitägigen Veranstaltungslücken sind dem jüdischen Schabbat geschuldet. Es handelt sich um den Ruhetag der Juden, der vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit tags darauf am Samstag andauert. Daher finde an Schabbat keine Veranstaltung statt, erläutert Michael E. Dörr. Genauso habe er versucht, auf katholische Feste Rücksicht zu nehmen.

 

Programm fast doppelt so groß

Gegenüber dem Vorjahr ist das Programm 2018 beinahe doppelt so große. Namhafte Autoren und Künstler konnte Dörr in Eigenregie zum Mitmachen gewinnen, darunter der US-amerikanische Professor für Geschichte und Politik, Gerald Steinacher, der darüber berichten wird, wie es Nazi-Kriegsverbrechern gelingen konnte, über eine so genannte „Rattenlinie“ und mit Erzbischofhilfe aus Rom nach Übersee zu gelangen. Der Fernsehjournalist Jörg Armbruster referiert über den schwierigen Neubeginn für deutschstämmige Juden nach ihrer Emigration. Dietrich Schulze-Marmeling liest aus seinem 2011 erschienen Buch „Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis“, der Journalist Helmut Zeller erzählt die wahre Geschichte „Geboren im KZ, 7 Mütter, 7 Kinder“. Für den regionalen Bezug sorgt unter anderem der Überlinger Historiker Oswald Burger, der am Beispiel von fünf Familien aus Überlingen die „Arisierung“, das Enteignen jüdischer Bürger, aufzeigt.

 

Die ersten Veranstaltungen: 

Sonntag, 15. April, 15 Uhr, Augustinum Meersburg, Eröffnung mit Landesrabbiner a.D. Joel Berger.

Montag, 16. April, 19.30 Uhr, Meersburg Jufa-Hotel, Literaturcafé, Erich Schütz liest aus seinem Roman "Judengold".

Dienstag, 17. April, 19.30 Uhr, Konstanz Bürgersaal, Alfred Bodenheimer stellt seine Krimis um Rabbi Klein vor.

Mittwoch, 18. April, 19.30 Uhr, Meersburg, Jufa-Hotel, Elisabeth Sandmann präsentiert "Der gestohlene Klimt", wie sich Maria Altmann die Goldene Adele zurück holte.

Sonntag, 22. April, 19,30 Uhr, Meersburg, Jufa-Hotel, Oswald Burger "Arisierungen in Überlingen".

Montag, 23. April, Konstanz Bürgersaal, und Dienstag, 24. April, Meersburg Jufa-Hotel, jewils 19.30 Uhr, Wolfgang Proske (Herausgeber der Reihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer") ; NS-Täter aus dem Bodenseeraum.

Der Eintritt ist jeweils frei. (mba)