Die Publizisten und Autoren Manfred Bosch und Oswald Burger beschreiben die Bedeutung, die die 68er-Bewegung für sie hatte, als „Aufbruch in eine neue Welt“ (Bosch) und als „eine Befreiung“ aus einengenden Lebenswelten (Burger). Bosch und Burger bestreiten im Vineum die erste von zwei Lesungen zu „Literatur und 68 in der Region“, die Stefan Feucht, Chef des Kreiskulturamtes, moderiert.

Aufkeimende Zweifel

Beide, Bosch und Burger, stammen aus reaktionären, provinziellen Elternhäusern und erlebten die 68er-Zeit hautnah als politische und persönliche Umbruchphase. Beide geben tiefe Einblicke in ihre damalige Gedankenwelt und Seelenlage. Bosch liest, neben Gedichten, unter anderem aus Tagebuch-Notaten und einem unveröffentlichten Text „Mein Leben als Autor“. Burger, der seit seiner Jugend ein Tagebuch führt, hat die eng beschriebenen Oktavhefte aus der Zeit von 1968 bis Anfang der 1970er Jahre herausgekramt und trägt Auszüge vor.

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Bei beiden keimen schon vor der Hochphase der Jugendrevolte Zweifel an den Werten ihrer bigotten Elternhäuser auf, in denen das „Dritte Reich“ unter den Teppich gekehrt wird. Bosch schildert, wie er in seiner Verwandtschaft „gespenstische Verbindungen zur NS-Vergangenheit“ entdeckt. Etwa, dass der Lieblingsonkel Major in Theresienstadt war. „Ich habe nie danach fragen können.“ Burger soll Pfarrer werden, besucht deshalb das katholische Knabenseminar Konradihaus und das Suso-Gymnasium in Konstanz, fühlt sich „doppelt eingesperrt“ und merkt, dass das nicht sein Weg ist.

Der Soldat und der Verweigerer

Doch die politische Revolte, die nach der Erschießung Benno Ohnesorgs im Jahr 1967 auch den Bodensee erreicht, löst bei Bosch und Burger zunächst ganz unterschiedliche Reaktionen aus. Bosch hängt mit zwei Mitschülern im Radolfzeller Gymnasium ein Plakat auf: „Demokratie oder Polizeistaat." Nach dem Abitur verweigert er den „Kriegsdienst“.

Burger hingegen geht im Frühjahr 1968 zur Bundeswehr, weil „ich dachte, ich muss mich für diesen Staat einsetzen“. Ernüchtert stürzt er sich danach in Konstanz ins Studium, lernt einen jüdischen, kommunistischen Gastprofessor kennen, der ihn beeindruckt. Später landet er, vor allem aus Liebe zu einer Genossin, in einer kommunistischen Splittergruppe, geht auf Demos, wo Studenten Arbeiterlieder singen, erlebt in Ost-Berlin einen Anwerbeversuch durch die Stasi und fühlt sich immer unwohler. Burger tritt 1972 als Juso der SPD bei und nimmt 1975 als „linker Lehrer“ den Schuldienst auf.

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„Ich konnte nach 68 nicht mehr leben, ohne mich politisch zu betätigen“, antwortet Burger auf Kreiskulturamtschef Stefan Feuchts Fragen nach den persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen von 1968. „Letztlich“, so Burger weiter, „haben wir 68er die Autoritätsverhältnisse und doch auch das Klima in dieser Gesellschaft verändert." Sein Fazit: „Der Kulturwandel ist geglückt, der politische weniger.“

Anders als Burger trat Bosch nie in eine Partei ein. „Ich habe mich eher kulturell umgetan, war eher Einzelkämpfer“, erklärt er. Was 1968 für die Literatur in der Region bedeutet habe? Bosch: „Prägend war Martin Walser, der damals eine politische Haltung hatte, die beispielhaft war.“ Etwa, was den Protest gegen den Vietnam-Krieg betreffe. Auch das Literarische Forum Allmende, das 1980 entstand, „wäre ohne die 68er nicht denkbar“, ist Bosch überzeugt. Bosch und Burger engagieren sich jahrelang auch stark für alternative Blätter, um, so Burger, der damaligen „Monopolzeitung etwas entgegenzusetzen“. In der anschließenden Fragerunde meldet sich ein Zuhörer und betont: „Für mich waren die 68er-Jahre eine Zeit der Reifung für unsere Demokratie.“